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Engels an Marx
in London

Manchester, 9. Juli1 66

Lieber Mohr,

Die Geschichte, d.h. die Weltgeschichte wird immer ironischer. Gibt es etwas Feineres, als diese praktische Verhöhnung Bonapartes durch seinen Schüler Bismarck, der, Krautjunker wie er ist, seinem Meister plötzlich über den Kopf wächst und der ganzen Welt auf einmal handgreiflich klarmacht, wie sehr on sufferance2 dieser arbitre de l’Europe3 existiert. Und dann dieser Bismarck selbst, der, um im Innern einige Monate scheinbar feudal und absolutistisch regieren zu können, nach außen die Politik der Bourgeoisie with a vengeance4 verfolgt, der Bourgeoisie die Herrschaft präpariert, Wege einschlägt, auf denen nur mit liberalen, selbst revolutionären Mitteln voranzukommen ist, und dabei seine eignen Krautjunker ihren eignen Prinzipien tagtäglich ins Gesicht schlagen läßt. Die Überreicher des Ehrenschilds an Franz Bomba5 alliiert mit Garibaldi, und die Vertreter der Throne von Gottes Gnaden Länderschlucker trotz Viktor Emanuel! Nie gab es was Schöneres als die „Kreuz-Zeitung“ während der letzten 4 Wochen, und die historisch-feudale Partei, deren Begründung dem hochseligen Genie F[riedrich] W[ilhelms] IV. so viel Mühe und Arbeit gekostet, erstickt jetzt an dem Dreck, den sie auf Kommando ihres eignen Führers fressen muß.

Die einfache Tatsache ist: Preußen hat 500000 Zündnadelgewehre und die übrige Welt keine 500. Unter 2, 3, vielleicht 5 Jahren kann keine Armee mit Hinterladern bewaffnet sein. Bis dahin hat Preußen das prae. Glaubst Du, daß Bismarck den Moment nicht ausnutzen werde? Sicher. Der Bonaparte wird sich sehr hüten, Krakeel anzufangen, und was die Russen angeht, so brüllen sie zwar sehr grob in dem „Journal de St.-P[éters]b[our]g“, aber sie sind militärisch jetzt weniger zu fürchten als je. Ich zweifle gar nicht, daß die plötzliche, ungeheure Machtentwicklung Preußens Bonaparte und die Russen zusammentreiben wird, und daß ihr erstes Bemühen sein wird, alle und jede Machtvergrößerung Preußens zu verhindern. Aber sie werden sich hüten, es zum Krieg kommen zu lassen; was Frankreich angeht, so wäre seine aktive Einmischung ja das beste Mittel, die Süddeutschen den Preußen vollends in die Arme zu treiben und den Bürgerkrieg vergessen zu machen. Und was die Russen angeht, so ist Monsieur Bismarck der Mann, ihnen mit einer neuen polnischen Insurrektion zu drohen, und sie wissen, daß der Kerl gewissenlos genug dazu ist. Überhaupt kennt B[ismarck] seine Macht zu gut und weiß auch, daß sie in diesem Maß nur ein paar Jahre dauern kann, und ich glaube, er wird sie ausbeuten bis aufs letzte Stückchen. Dazu ist Bonaparte am Ende immer mit Belgien zu kaufen, und der Plan der Teilung Belgiens zwischen Frankreich und Holland, welches dann Luxemburg an Frankreich abtreten würde, ist zwischen Goltz, Bonaparte und dem Kronprinzen von Holland6 gar nicht lange vor dem Krieg „in Aussicht genommen worden“. Ich glaube, es ist noch lange nicht am Ende mit dem Krieg, und da kann sich noch manches ereignen.

Die Russen scheinen wirklich schon seit einiger Zeit die Schwenkung nach Östreich zu gemacht zu haben, und dieser enorme Erfolg der Preußen macht ihnen jede Rückkehr unmöglich. Um so mehr, als Östreich jetzt reif genug sein wird, sich Bosnien oder die Walachei für Venedig anhängen zu lassen, wo dann Rußland die Moldau nimmt.

Du siehst übrigens, wie richtig ich die preußische Armee beurteilte, wenn ich immer behauptete, daß viel mehr darin stäke, als man gewöhnlich zugeben wollte. Nach diesen Erfolgen und nach dem unbedingt brillanten Benehmen der Truppe ist ihr Selbstgefühl und zugleich ihre Kriegserfahrung so gewachsen, daß sie morgen den Franzosen gegenübertreten könnten, selbst wenn diese Hinterlader hätten, und das französische Bajonett hat jedenfalls ausgespielt wie seinerzeit die spanische Pike. Bei allgemeiner Hinterladung wird die Kavallerie wieder zu ihrem Rechte kommen.

An Jenny muß ich, wie schon lange beabsichtigt, einen ordentlichen Rapport abstatten über die Afrikaner.
Viele Grüße.

Dein
F. E.