[London] 7 June 1866
Dear Fred,
Ich bin sehr in der Klemme, da das Versetzen sein Thule1 erreicht hat, außerdem stärkstes Treten stattfindet. Was den körperlichen Zustand betrifft, so ist glücklicherweise nichts Karbunkelhaftes wieder erschienen. Dagegen war ich genötigt, zu Allen zu gehn wegen Leberleiden, da Gumpert nicht hier ist und diese Sache nicht von der Ferne aus zu behandeln. Arsenik habe ich fast noch eine ganze bottle stehn, aber seit diversen Wochen nicht mehr genommen, weil meine jetzige Lebensweise nicht dazu paßt.
Habt Ihr auch unter der Consolidated Bank gelitten? Dr. Rode war vorgestern hier und erzählte sehr schadenfroh, daß Dronke bedeutende Verluste erlitten infolge des Barnett crash2.
Der Krieg ist also doch da, wenn kein Wunder geschieht. Die Preußen werden die Renommage büßen, und unter allen Umständen ist die Idylle in Deutschland vorüber. Die Proudhonclique unter den Studenten in Paris („Courrier français“) predigt Frieden, erklärt Krieg für veraltet, Nationalitäten für Unsinn, attackiert Bismarck und Garibaldi usw. Als Polemik gegen den Chauvinismus ist ihr Treiben nützlich und erklärlich. Aber als Proudhongläubige (meine hiesigen sehr guten Freunde Lafargue und Longuet gehören auch dazu), die meinen, ganz Europa müsse und werde still auf dem Arsch sitzen, bis die Hären in Frankreich „La misère et l’ignorance“3 abgeschafft, unter welcher letztren sie selbst im umgekehrten Verhältnis zum Geschrei mit der „science sociale“4 laborieren, sind sie grotesk. In ihren Artikeln über die present agricultural crisis5 in Frankreich zeigt sich ihr „Wissen“ überraschend.
Die Russen, die beständig das alte Spiel treiben, die europäischen Esel gegeneinander auszuspielen und bald partner von A, bald von B zu sein, haben unstreitig in der letzten Zeit die Östreicher pushed on6, 1. weil die Preußen wegen Oldenburg noch nicht die gehörige Konzession gemacht, 2. um den Österreichern in Galizien die Hände zu binden, und 3. sicher auch, weil Herr Alexander II. gleich Alexander I. (während dessen letzter Zeit) in einer so konservativ morosen Stimmung von wegen des Attentats, daß seine Herrn Diplomaten wenigstens „konservative“ Vorwände brauchen müssen, und Allianz mit Österreich ist konservativ. Kommt der opportune moment, so zeigen sie die backside7 der Medaille.
Der offizielle Ton der „blood and iron“8-Preußen zeugt von großer Banghaftigkeit. Sie komplimentieren jetzt sogar die französische Revolution von 1789! Sie klagen über österreichische Gereiztheit!
Das Beste, was in der lausigen Parlamentsdebatte hier vorfiel, war das Sündenregister, das Disraeli dem unglücklichen Clarendon vorhielt.
Salut.
Dein
K.M.
Der italienische Enthusiasmus wird wohl ein Sturzbade erhalten. Selbst das Melodramatische, übrigens dem Volkscharakter Entsprechende, wäre erträglich, wenn nicht ganz im Hintergrund die Hoffnung auf Badinguet. Ich kann meinen Itzig nicht vergessen. Wenn er jetzt noch lebte, welchen Skandal würde er machen!