111
Engels an Marx
in London

[Manchester] 25. Mai 66
Mornington St.

Lieber Mohr,

Der panic ist jedenfalls viel zu früh gekommen und kann uns möglicherweise eine gute solide Krisis, die sonst 67 oder 68 gekommen wäre, verderben. Wenn nicht zufällig gleichzeitig der starke Fall in Baumwolle gekommen wäre, so wären wir hier kaum davon berührt worden. Dies Zusammenbrechen der limited liability und financing-Schwindeleien1 war ja schon lange vorhergesehn und berührte unsern trade2 fast gar nicht. Aber die kolossalen Verluste auf Baumwolle, die gleichzeitig eintraten, drohen die Sache ernsthaft für hier zu machen, es sind so viele hiesige und Liverpooler Häuser durch ihre Zweighäuser in Bombay etc. darin verwickelt, und da dies gleichzeitig mit dem money panic und 10% Diskonto eintritt, so kann das sehr ernsthaft für diejenigen sein3, die viel Baumwolle besitzen. Hier jedenfalls ist der Kram noch lange nicht vorbei.

Wenn die Östreicher gescheut genug sind nicht anzugreifen, so bricht der Tanz in der preußischen Armee sicher los. So rebellisch, wie die Kerle bei dieser Mobilmachung sind, waren sie nie. Leider erfährt man nur den allergeringsten Teil von dem, was vorgeht, aber das ist schon genug, um zu beweisen, daß mit dieser Armee ein Angriffskrieg unmöglich ist. Wenn nun diese Burschen erst in Massen konzentriert sind, anfangen, sich zu zählen und zu finden, daß 3/4 der Armee eines Sinnes sind, wenn sie dann während des Kongresses 3–4 Wochen untätig unterm Gewehr stehn müssen, so kann dies nicht anders als zu einer Krisis kommen, und eines schönen Morgens wird der Gehorsam verweigert werden. Dazu findet sich schon ein Anlaß; und bei einer solchen Armee, wenn ein Bataillon anfängt, so geht das wie ein Lauffeuer. Wenn aber auch ein offener Ausbruch vermieden würde, so ist sicher, daß diese Armee, mit diesem morale und kommandiert vom alten Wilhelm, mit dem Fr[iedrich] Karl und dem Kronprinzen4 als Flügelkommandanten unter ihm, sofort von den wütenden Östreichern unter Benedek, der sich alle Erzherzöge und alle Einmischung in die Ernennung seines Stabs verbeten und 300–360000 Mann unter sich hat – heillos geschlagen werden würde. Das weiß auch der alte Esel, und ich bin überzeugt, er zieht sich zurück, wenn er irgend kann, eben wegen dieser Stimmung der Armeen. Was ich in meiner Broschüre5 voriges Jahr über den Charakter der mobilisierten preußischen Armee gesagt, hat sich vollständig bestätigt.

Kostbar ist die Verlegenheit der Nationalvereinler, seitdem Bismarck ihnen ihr Programm plagiiert hat; die Kerle müssen jetzt gegen ihre eignen großpreußischen Phrasen auftreten, grade wie die „Kreuz-Zeitung“ gegen ihre eignen feudalen Phrasen.

Der Londoner Korrespondent des „Manch[ester] Guardian“ erzählt, Louis Bonaparte habe sich bei dieser Haupt- und Staatsaktion ausbedungen als Preis für seine Genehmigung: von Italien Sardinien, von Preußen Luxemburg, Saarlouis und Saarbrücken (er vergißt nur Landau dabei) – dies als Minimum.

Ich werde sehen, ob ich morgen meine Polenartikel6 zustande bringe. Aufrichtig gestanden ist es mir ein Opfer, hinter dem Strich des Esels Miall zu schreiben und dabei alle naselang ausdrücklich vermerkt zu sehn, daß die Redaktion nicht verantwortlich ist für die Korrespondenz hinter dem Strich, wohl aber für die Eseleien davor. Hätte ich von vornherein gewußt, auf welche Art unsre Sachen in einem Blatt7 behandelt werden, das doch unser eignes – wenigstens das der Arbeiterpartei sein soll, und daß wir dort nur so eben toleriert werden und dafür sozusagen noch dankbar sein sollen – keine Zeile hätte ich geschrieben. Aber Du warst damals krank, und ich wollte nichts tun, was Dich in Deiner Kur stören konnte. Geärgert hat es mich aber doch. Indes man hat A gesagt und muß sehen, daß man auch B sagt.

Beste Grüße.

Dein
F. E.