[London] August 19. 1865
Dear Fred,
Da Du Dich auf Reisen begibst, muß ich Dir mitteilen, daß ich 28. Aug. eine bill1 von 10 £ an meinen butcher2 zu zahlen habe und auch der landlord3 sehr troublesome4 wird. By the by5, der englische Staat scheint hardpressed for money6. Wenigstens waren die taxgatherers7 diesen month8 dringender als je und haben mich unerwartet „erleichtert“.
Ich bin immer noch sick9, obgleich Allen die liverbeschwerden10 beseitigt. Aber nun kam eine Art Influenza, deren Ende er mir in 5–6 Tagen verspricht und die in der Tat von allen Dingen das lästigste, as far as mental activity is concerned11. Ich hoffe, damit habe ich my debt to nature12 abgetragen.
Laurachen ist auch nicht ganz wohl. Sie ist schon seit einem Jahr viel dünner geworden als nötig. Aber es ist ein eignes Kind und hat sich erst heut entschlossen, mit meiner Frau zum Dr. zu gehn. I hope it is nothing serious.13 Jennychen und Tussy sehr wohl. (Ditto Edgar14 seinen state of health15 sehr verbessert.) Meine Frau hatte sich die 2 Vorderzähne in der Mitte der untern Kinnlade ausgebissen und hat gestern 4 Zähne dafür eingesetzt erhalten. Dies sind ungefähr die einzigen „Ereignisse“, die bei uns vorgekommen.
In meinem Unwohlsein kann ich nur wenig schreiben und nur by fits und starts16. Treibe in der Zwischenzeit Allotria, obgleich selbst das Lesen mit der Influenza nicht ordentlich geht. „Bei der Gelegenheit“ habe ich u. a. auch wieder etwas weniges Astronomie „betrieben“. Und da will ich ein Ding erwähnen, das mir wenigstens neu war, Dir vielleicht schon bekannt ist seit längerm. Du kennst Laplaces Theorie von der Bildung des Celestial Systems17, und wie er die Rotation der verschiednen bodies18 um sich selbst etc. erklärt. Davon ausgehend hat ein Yankee, Kirkwood, eine Art Gesetz entdeckt über die Verschiedenheit in der Rotation der Planeten, die vorher ganz abnormal erschien. Das Gesetz ist dieses: „The square of the number of times that each planet rotates during one revolution in its orbit, is proportioned to the cube of the breadth of a diameter of its sphere of attraction.“19
Zwischen zwei Planeten nämlich wäre ein Punkt, wo ihre Attraktionskraft gleichmäßig wirkte; also ein Körper auf diesem Punkt unbewegt zwischen ihnen bliebe. Dagegen auf beiden Seiten dieses Punkts würde der Körper in den einen oder den andern Planeten fallen. Dieser Punkt also bildet den limit für die sphere of attraction des Planets. Diese sphere of attraction wieder das Maß der Breite des gazeous ring20, woraus, nach Laplace, der Planet gebildet wurde zur Zeit seiner ersten Trennung von der general gazeous mass21. Daraus schloß Kirkwood, daß, wenn Laplaces Hypothese wahr, ein bestimmtes Verhältnis existieren müßte zwischen der velocity of the planet’s rotation22 und der breadth of the ring23, woraus er gebildet wurde, oder seiner sphere of attraction. Und dies hat er im obigen Gesetz, durch analytische Rechnungen bewiesen, ausgedrückt.
Der alte Hegel macht einige sehr gute Witze über das „plötzliche Umschlagen“ der Zentripetal- in Zentrifugalkraft, grade im Moment, wo eine über die andre das „Übergewicht“ erlangt habe; z. B. in der Nähe der Sonne die Zentripetalkraft am größten; also, sagt Hegel, die Zentrifugalkraft am größten, da sie dies Maximum der Zentripetalkraft überwindet und vice versa24. Ferner sind die Kräfte im Gleichgewicht in der mittleren Entfernung von den Apsiden. Also können sie nie mehr aus diesem Gleichgewicht heraustreten usw. Übrigens kommt Hegels Polemik im ganzen darauf hinaus, daß Newton dem Kepler, der den „Begriff“ der Bewegung hatte, nichts durch seine „Beweise“ zugefügt hat, was nun wohl auch ziemlich allgemein anerkannt ist.
Du weißt, daß der Präsident der Bank of Switzerland jetzt Herr Karl Vogt ist, der seinen Freund Fazy verriet, sobald der Genf verlassen, und zusammen mit Reinach (dem eigentlichen acting director25) mogelte. Ich fragte Freil[igrath], wie Herr Vogt, der sonst als financier doch übel berüchtigt in der Schweiz, zu diesem Ehrenposten gekommen. Antwort: Die Schweizer haben fast keine Aktie mehr in der „bank of Switzerland“. Die Juden in Berlin und Frankfurt a. M. entscheiden. Diese aber für den Vogt. Unterdessen hänselt der Reinach unsern poor26 Freil[igrath] so sehr, daß letzterer ihm das gesinnungstüchtige Wort geschrieben, selbst die preußische Polizei habe ihn nie so sehr verfolgt. Fazy soll die Bank um 1½ Mill. frs. beschissen haben.
Professor Beesly hat vor einigen Wochen in der „Fortnightly Review“ einen Artikel über Catilina, worin dieser als Revolutionsmann vindiziert27 wird. Es ist allerlei Unkritisches darin (wie von einem Engländer zu erwarten, z. B. Falsches über die Stellung Cäsars zur damaligen Zeit), aber die intensive Wut über die Oligarchie und die „Respektabeln“ ist hübsch. Auch die Hiebe auf den professionellen englischen „dull littérateur“28. Herr Harrison hatte in derselben „Review“ einen Artikel, worin auseinandergesetzt wird, daß die „politische Ökonomie“ „Nichts“ gegen den Kommunismus vorbringen könne. Es scheint mir, daß jetzt in den englischen Köpfen mehr movement29 als in den deutschen. Die letztern sind mit der Feier d[es] Classen-Kappelmann hinreichend beschäftigt.
Gruß an Mrs. Lizzy. Die Kinder erwarten, daß Du bei Deiner Rückkunft nicht an London vorübergehst.
Dein
K.M.
Von dem absoluten Unsinn, der sich in den Parliamentary Reports von 1857 und 1858 über Bankwesen etc. findet, und die ich kürzlich wieder ansehn mußte, machst Du Dir auch nicht die entfernteste Vorstellung. Wie im Monetarsystem ist Kapital = Gold. Dazwischen nun schamhafte Erinnerungen aus A. Smith und schauderhafte Versuche, den Galimathias des money market30 mit seinen „aufgeklärten“ Vorstellungen auszusöhnen. Am meisten zeichnet sich aus der nun endlich den Weg alles Fleisches gegangne MacCulloch. Der Kerl hatte offenbar ein bedeutendes Douceur31 von Lord Overstone bezogen, der daher auch „facile maximus argentariarum“32 und durch dick und dünn herausgebissen werden muß. Die Kritik dieser ganzen Sauce kann ich erst in einer spätern Schrift geben.