[London] 31. Juli 1865
Lieber Engels,
Mein verlängertes Schweigen kam, wie Du vielleicht geahnt hast, nicht aus den angenehmsten Gründen her.
Ich bin schon seit zwei Monaten rein auf das Pfandhaus lebend und also mit gehäuften und täglich unerträglicher werdenden Sturmforderungen auf mich. Dies fact kann Dich nicht wundernehmen, wenn Du erwägst: 1. daß ich während der ganzen Zeit keinen farthing verdienen konnte, 2. daß das bloße Abzahlen der Schulden und d[ie] Einrichtung des Hauses mich an 500 £ kostete. Ich habe darüber pence für pence (as to this item1) Buch geführt, weil es mir selbst fabelhaft war, wie das Geld verschwand. Es kam hinzu, daß aus Deutschland, wo man verbreitet hatte Gott weiß was, alle möglichen antediluvianischen Forderungen gemacht wurden.
Ich wollte im Anfang zu Dir kommen, um die Sache persönlich zu besprechen. Aber in diesem Augenblick ist jeder Zeitverlust für mich unersetzlich, da ich meine Arbeit nicht gut unterbrechen kann. Ich habe letzten Samstag dem subcomité der „International“ meine Abreise erklärt, um wenigstens einmal 14 Tage ganz frei und ungestört zum pushing on2 der Arbeit zu haben.
Ich versichre Dir, ich hätte mir lieber den Daumen abhauen lassen, als diesen Brief an Dich zu schreiben. Es ist wahrhaft niederschmetternd, sein halbes Leben abhängig zu bleiben. Der einzige Gedanke, der mich dabei aufrecht hält, ist der, daß wir zwei ein Compagniegeschäft treiben, wo ich meine Zeit für den theoretischen und Parteiteil des business3 gebe. Ich wohne allerdings zu teuer für meine Verhältnisse, und außerdem haben wir dies Jahr besser gelebt als sonst. Aber es ist das einzige Mittel, damit die Kinder, abgesehn von dem vielen, was sie gelitten hatten und wofür sie wenigstens kurze Zeit entschädigt wurden, Beziehungen und Verhältnisse eingehn können, die ihnen eine Zukunft sichern können. Ich glaube, Du selbst wirst der Ansicht sein, daß, selbst bloß kaufmännisch betrachtet, eine reine Proletariereinrichtung hier unpassend wäre, die ganz gut ginge, wenn meine Frau und ich allein oder wenn die Mädchen Jungen wären.
Was nun meine Arbeit4 betrifft, so will ich Dir darüber reinen Wein einschenken. Es sind noch 3 Kapitel zu schreiben, um den theoretischen Teil (die 3 ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist noch das 4.Buch, das historisch-literarische, zu schreiben, was mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den 3 ersten Büchern gelöst sind, dies letzte also mehr Repetition in historischer Form ist.5 Ich kann mich aber nicht entschließen, irgend etwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may have6, das ist der Vorzug meiner Schriften, daß sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen. Mit der Jacob Grimmschen Methode ist dies unmöglich und geht überhaupt besser für Schriften, die kein dialektisch Gegliedertes sind.
Dagegen wird es sich anders mit der englischen Bearbeitung machen. Fox hat keinen Zweifel, daß er mir einen Buchhändler verschaffen kann, sobald ich die ersten Druckbogen zurück habe. Ich würde dann mit Meißner abmachen, daß er außer den Korrekturbogen mir von jedem Bogen den Reinabzug schickt, so daß die Korrektur des Deutschen und die Übersetzung ins Englische Hand in Hand gingen. Bei dem letztern muß ich allerdings auf Deine Mitwirkung rechnen. Ich erwarte von der englischen Ausgabe die eigentliche Zahlung dieser Arbeit.
Was die „International“ angeht, so verhält es sich damit so:
Ich übermachte Cremer die £ 5 zum Aktienkauf im „Bee-Hive“. Da aber Cremer, Odger etc. damals nach Manchester gingen, fiel die Sache ins Wasser, und Potter had the better of it7. Sie beschlossen, die Sache zu vertagen bis zur nächsten Aktionärversammlung (der eigentlich jährlichen). Ich glaube aber nicht, daß etwas aus der Sache wird. Erstens, weil inzwischen der Krakeel zwischen Odger und Potter zum öffentlichen Skandal geworden. Zweitens, weil der „Miner and Workman’s Advocate“ sich uns angeboten hat. (Apropos. In einer kürzlichen Zusammenkunft mit dem „Miner“ verpflichteten wir uns, ihm Gratiskorrespondenzen zu schaffen. Wenn Du also Zeit hast, um hie und da einen kleinen Artikel über Foreign Politics8 (preußische etc.) zu schreiben, so schick es mir zur Besorgung an das Blatt.)
Gemäß unsern Statuten sollte in diesem Jahr ein öffentlicher Kongreß in Brüssel gehalten werden. Die Pariser, Schweizer und auch ein Teil der Hiesigen drangen mit Mord und Brand darauf. Ich seh’ unter den jetzigen Umständen – namentlich auch bei meinem Zeitmangel, für den Central Council9 die nötigen Papiere zu schreiben – nur Blamage dabei. Es ist mir, trotz vielen Widerstrebens von andrer Seite, gelungen, den öffentlichen Kongreß in Brüssel zu verwandeln in a private prealable Conference10 zu London (25. Sept.), wohin nur Delegates of the administrative committees11 kommen werden und wo der künftige Kongreß vorbereitet werden soll. Als öffentliche Gründe der Vertagung des Kongresses angegeben:
1. Die Notwendigkeit eines prealable understanding12 zwischen den executive committees.
2. Die Hindernisse in der Propaganda der Gesellschaft durch die strikes in France13, die Wahlen, Reformmovement14 und Workingmen’s exhibitions in England.
3. Die alienbill , recently pressed15 in Belgien, was Brüssel unmöglich macht als Rendezvous eines International Workingmen’s Congress.
Ich sehe den „Soc[ial]-Dem[okrat]“ nicht mehr, da ihn auch der Arbeiterverein16 abgeschafft hat. Den „Nordstern“ halte ich auch nicht mehr, sehe ihn aber von Zeit zu Zeit im Verein. Die rheinischen Gemeinden waren danach der Hauptsache nach abgefallen von Bernhard17.
Edgar18 ist grade in den jetzigen Umständen ein sehr kostspieliger Gast für uns und scheint durchaus nicht geneigt to decamp19.
Infolge des heißen Wetters und der damit verbundnen Gallenzustände habe ich seit 3 Monaten wieder fast tägliches Erbrechen, wie früher in Brüssel.
Salut.
Dein
K.M.