[London, um den 24. November 1863]
Mein lieber Herr Liebknecht,
Als ich das letzte Mal an Ihre liebe Frau schrieb, ahnte ich nicht, welch schaudervolle Tage uns so nahe bevorständen. Mein teurer Karl war während 3 Wochen todkrank an einer der gefährlichsten und schmerzhaftesten Krankheiten – einem carbuncle am Rücken. Ich brauch' diesen paar Zeilen nichts hinzuzufügen. Sie und Ihre liebe Frau wissen, was Sie für uns bedeuten. Es wäre ja auch unsagbar, wollte ich Ihnen näher mitteilen, was wir in diesen Wochen durchgemacht, deshalb schweige ich und teile Ihnen heute im Auftrage meines genesenden teuren Mannes beiliegendes Zirkular, vom Arbeiterverein ausgehend, mit. Abgesehen vom Interesse von den polnischen Sachen ist es halt mit in die Welt gesendet worden, um der „polizeilichen Bewegung" gewisser Leute ein Ende zu machen. Das „Präsidium" hat gleich in vielen Zügen dran angebissen und sich 50 Exemplare desselben ausgebeten zur Verteilung an die Gemeinden. Karl schickt es Ihnen, damit Sie darüber au fait1 gesetzt sind.
Doch nun, nachdem ich mich meines Auftrags entledigt, lassen Sie mich Ihnen noch erzählen, wie das Leiden in unsrem Hause anfing. Karl war schon seit Monaten leidend, das Arbeiten ward ihm unendlich schwer, und um sich etwas Erleichterung zu verschaffen, verdoppelte er das gewöhnliche Maß des Rauchens und verdreifachte das der verschiedenen Sorten Pillen blue and antibilious2 etc. Vor 4 Wochen ungefähr bekam er ein Blutgeschwür auf die Backe, es schmerzte sehr, wir wurden aber Herr desselben durch die gewöhnlichen Hausmittel. Es war noch nicht ganz verschwunden, da brach ein ähnliches auf dem Rücken aus. Obgleich die Schmerzen außerordentlich waren, die Geschwulst auch täglich zunahm, so waren wir dennoch töricht genug zu glauben, wir konnten es durch Aufschläge etc. zum Weichen bringen. Nach deutscher Idee entzog sich mein armer Karl noch fast aller Nahrung, verbannte sogar das armselige 4 ale3 und lebte von Limonade. Endlich, nachdem die Geschwulst die Größe einer Faust angenommen, der ganze Rücken verkrümmt war, ging ich zum Allen. Ich vergesse nie den Blick des Mannes, als er den Rücken sah, er winkte mir und Tussichen, das Zimmer zu verlassen, Lenchen mußte Karl halten, und da schnitt er tief, tief eine große, klaffende Wunde, das Blut strömte hinaus. Karl war still und ruhig und zuckte nicht. Nun fingen heiße Aufschläge an, die wir jetzt seit 14 Tagen Tag und Nacht wie Uhrwerk von 2 Stunden zu 2 Stunden fortgesetzt haben. Zugleich verordnete der Doktor 3–4 Gläser Portwein, 1 halbe Flasche Bordeaux täglich und das vierfache vom gewöhnlichen Essen. Es galt, die heruntergekommene Kraft aufrechtzuhalten, um den furchtbaren Schmerzen und dem Aufzehren des starken Eiterabflusses Widerstand zu leisten. So haben wir die letzten 14 Tage verlebt – mehr brauche ich Ihnen beiden nicht zu sagen. Lenchen wurde von Sorge und Anstrengung auch krank, ist heute wieder etwas besser. Ich selbst habe Kräfte gefunden, ich weiß nicht wo. Ich habe die ersten Nächte allein gewacht, während 8 Tagen mit Lenchen abgewechselt und liege nun im Zimmer auf der Erde, um immer bei der Hand zu sein. Wie mir zumute ist, da er genesen, das fühlen Sie mir nach. – – Er läßt Sie beide herzlich grüßen, sowie meine armen Mädchen. Schreiben Sie beide, sobald Sie können und so viel Sie können. Briefe machen ihm viel Freude. Entschuldigen Sie, daß ich so durcheinander schreibe.
Ihre alte Freundin
Jenny Marx