[London, Anfang April 1861]
Lieber Herr Engels,
Ich begreife nicht, daß der Mohr Ihnen noch nicht geschrieben. Ich dachte, Sie seien ganz au courant1 mit den Marxischen family affairs, und ich würde sogar von Ihnen noch nähere Details erfahren, da meines lieben Herrn und Gebieters Briefe an mich diesmal ganz besonders stark am „Lapidarstil" laborieren. Ich habe mich bisher mit den rauhesten Umrissen und ganz dürren facts begnügen müssen, weiß aber doch etwas mehr als Sie und will Ihnen das wenige gleich mitteilen, um so mehr als es im Hauptpunkt sehr befriedigend ist. Also Nr. 1. Der Onkel2 geht auf alle Vorschläge des Sohnes ein und wird sogleich bei Karls Ankunft in Bommel die Geldaffären in Ordnung bringen. Was nun die Gerüchte der Zeitungen betrifft, so sind sie, wie Sie sich wohl denken konnten, alle falsch und Karl hat nicht im entferntesten an Niederlassen und Übersiedeln der Familie nach Berlin gedacht. Was er aber dort durchsetzen wollte, war seine Renaturalisation3. Ich begreife das nicht recht und weiß nicht, weshalb Karl so eilt, wieder königlich-preußischer „Untertan" zu werden. Ich wäre lieber noch länger ein „lose Jroschen" (des roten Wolffs4 selig Tripenny) geblieben. Die Unterhandlungen hierüber verlängerten seinen Aufenthalt in Berlin. Die Regierung wollte die Geschichte mit dem Berliner Stadtbürgerrecht abmachen, damit wollte sich Karl nicht begnügen, und so verschleppte sich die ganze Verhandlung von einem Tage zum andern. Heute schreibt Karl, daß er erst am 12ten den Endbescheid erwarte und so lange noch sich wie ein Mops ennuyieren5 müsse. Das Itzigelchen scheint noch immer am Speichelfluß und spekulativem Begriffe zu leiden. Er bewies sonst wirklich die äußerste Freundschaft für Karl, dessen unzertrennlicher Sozius er war. Von Berlin würde nun der Mohr sogleich nach Bommel gereist sein, wenn nicht ein Einladungsbrief seiner Mutter eingetroffen wäre, der ihn schwankend macht, ob er noch nach Trier gehn soll oder nicht. Geht er hin, so verschleppt sich seine Heimkehr von neuem, und er kann dann schwerlich vor 14 Tagen hier sein. Dem Lassalle scheint eine große Zeitung im Kopf zu spuken; auch behauptet er, 20 000 Taler dazu beibringen zu können. Doch welch ein Wagstück für Karl, ein Tagesblatt und auf gräflichem Terrain!6 Ich selbst habe wenig Sehnsucht nach dem Vaterland, dem „teuren", dem lieben, treuen Deutschland, dieser mater dolorosa7 der Poeten, und die Mädchen gar! Der Gedanke, das Land ihres Shakespeares zu verlassen, ist ihnen schrecklich; sie sind durch und durch Engländer geworden und hängen wie Kletten am englischen Boden. Es ist gut, daß Ihr Steckbrief zurückgenommen8; so ist Ihnen der Weg doch offen. Schily und Imandt werden wohl im gleichen Fall mit Ihnen sein? Von ersterem habe ich gestern durch Rheinländer gehört. Der arme Kerl ist seit Monaten so krank und elend, daß ihm sogar das Schreiben schwer wird und er sich nur mühsam von Ort zu Ort schleppt. Seine Freunde hatten ihn schon förmlich aufgegeben und glaubten, er habe die Schwindsucht. Er hofft nun auf Morrisons Pillen, der schrecklichsten aller Quacksalbereien. Wie sehr diese Giftpillen ihn schon heruntergebracht haben, beweist der Umstand, daß er sogar etwas Nationalvereinsfreundlich gesonnen ist. (In letzter hiesiger Nationalvereinssitzung haben sich Hans Ibeles und Rudolf Schramm förchterlich gekabbelt – Schramm fuhr wütend gegen den geistlichen Herrn auf, der mit pfäffischer Salbe antwortete und sich Lorbeern erntete bei dem verbummelten Auditorium, das sich aus Kommis, Islingtonischen Sängern etc. rekrutiert.) Schily schrieb auch an Rheinländer einiges über Frau Mösin9. Der Sauernheimer General, ihr langjähriger Geliebter, heiratete und hatte sich zum Schutz gegen Frau Heß, die mit öffentlichem Skandal in der Kirche gedroht hatte, mit mehreren Polizisten umgeben. Fr[au] H[eß] wurde nicht in die Kirche gelassen und mußte sich mit einem Spazierengehen in Gala vor der Kirchtür begnügen. Sie soll sehr flott leben und wenn's schlecht geht zur Abwechslung bei einem deutschen Schneider nähen. Sie besucht zuweilen den Schily, der nie vergessen kann, daß er sie in Genf oft bekneip[t] gesehn hat. Außer dieser tragikomischen Affäre schreibt er auch noch, daß man in Paris sage, Mirès habe der Eugénie enorme Summen für den Papst vorgestreckt und auch „Mathildchen"10 stehe schwarz angekreidet.
Es hat mich sehr interessiert, mal was über die Lancashire strikes von Ihnen zu hören, da man aus den Zeitungen darüber nicht klarwerden kann. Jedenfalls ist diese englische Arbeiteropposition, so falsch angebracht und so unerquicklich im Resultat sie auch immer sein mag, eine wohltuende Erscheinung gegenüber der preußischen Arbeiterbewegung und der sozialen Frage, wie sie dort auftritt – in der Form Schulze-Delitzsch mit den Kapitalfreundlichen Straubingern und ihren Spar- und Jammerkassen!
Mit Lenchens11 Gesundheit geht es, wenn auch nur sehr langsam, doch stets sicher besser voran. Sie ist noch sehr, sehr schwach, aber schon stundenlang außer Bett, und sie ist heute schon in der Sonne vor der Tür auf und ab spazierengegangen.
Ich freue mich, daß der arme Lupus wieder auf den Beinen. Grüßen Sie ihn herzlich von mir, so wie ich Ihnen auch die freundlichsten Grüße der Mädchen mit diesem Klatschwische übersenden soll.
Lassen Sie bald mal wieder von sich hören und sein Sie herzlich gegrüßt
von Ihrer
Jenny Marx
Apropos. Ich muß Ihnen doch noch eine kleine Szene aus dem Londoner Leben erzählen. Mittwoch vor 8 Tagen gleich nach Tische sehe ich vor unsrer Tür einen ungeheuren Zusammenlauf; alle Kinder der Nachbarschaft waren versammelt um einen Mann, der ausgestreckt vor unserm Hause lag, das Gesicht zur Erde gekehrt. Nie in meinem Leben habe ich etwas Ähnliches gesehn. Kein Irländer in der schlimmsten Degradation konnte diesem Skelett gleichkommen. Dabei schien der in den schmutzigsten Lumpen gehüllte Mann von ganz ungewöhnlicher Länge. Als ich hinzutrat, hatten die Nachbarn schon Essen und spirits12 gebracht, aber umsonst. Der Mann lag regungslos da, und wir hielten ihn für tot. Ich schickte nach einem policeman13. Als der kam und ihn besehn hatte, redete er ihn gleich mit: „you mean impostor"14 an, gab ihm einen Stoß, wovon der Hut weit abflog, dann nahm er ihn wie ein parcel15, rüttelte ihn auf, und wer sah mich mit irren, verzweiflungsvollen Augen starr an? – Der Lappländer16. Sie können sich mein Entsetzen denken. Ich schickte gleich Geld nach, als er schwankend abzog, was er aber ablehnte. Er sagte zu Marian17: Bitte, bitte, ich brauche kein Geld, legte es auf einen Stein und rief dem policeman zu „that's for your attention"18. Ist das nicht traurig?