[London, vor dem 16. März 1861]
Mein lieber Herr Engels,
Wie soll ich Ihnen für all die Liebe und Treue danken, mit der Sie uns seit Jahren in unsern Leiden und Nöten zur Seite gestanden haben! Ich war so froh, als ich das Fünffache sah von dem, was ich erwartet hatte, es wäre Heuchelei, das nicht einzugestehn, und doch war meine Freude gering gegen die Lenchens1! Wie freudig leuchteten ihre fast erloschenen Augen auf, als ich herauflief und ihr sagte: „Engels hat 5 £ geschickt für deine comforts."
Mir scheint, daß die Entzündung gehoben ist – auch der Doktor fand die Todkranke gestern etwas besser. Es fragt sich nur, ob die Schwäche nicht zu groß und ob nicht eine Art von Verblutung oder Brand eintreten wird! Das schlimmste ist, daß wir noch nichts Stärkendes geben dürfen, da alle stimulants der Entzündung vermieden werden müssen. Wir haben alle recht sorgenvolle Tage und Nächte durchgemacht, und ich habe doppelte Sorge, da ich auch nicht recht weiß, wie es Karl geht, ob er in Berlin oder wo er ist.[184] Ich habe heute wieder keinen Brief.
Der arme Lupus, wie leid tut er mir. Mit großen Schmerzen hilflos dazuliegen, ohne sorgliche Pflege und ganz à la merci2 einer habgierigen landlady3; doch ist er wirklich viel schuld an seinen Drangsalen. Wozu dieser schreckliche Pedantismus, diese Gewissenhaftigkeit. Sie sollten den alten Herrn mehr unter Kontrolle nehmen und ihm namentlich gin und brandy verleiden, diese Erzfeinde der Gicht. Entschuldigen Sie meine flüchtigen Zeilen; ich habe so viel im Kopf und in den Händen und muß sogar heute noch in die Stadt laufen, wo ein Pfandzettel fällig – but never mind4 – wenn wirs Lenchen nur durchbringen und mein Herzens Karl bald gute Kunde sendet.
Herzliche Grüße von den Mädchen und von Ihrer
Jenny Marx