12. Sept. 1864
1, Modena Villas, Maitland Park,
Haverstock Hill, London
Meine liebe Frau Gräfin!
Sie begreifen, wie mich die ganz unvorbereitete Nachricht von Lassalles Tod überrascht, bestürzt und erschüttert hat. Er war einer der Menschen, auf die ich viel hielt. Es ist mir um so fataler, daß wir in der letzten Zeit nicht mehr in Zusammenhang. Der Grund war weder allein sein Schweigen – denn er begann damit, nicht ich – noch eine mehr als jährige Krankheit, von der ich erst seit ein paar Tagen frei. Es kommen Gründe hinzu, die ich Ihnen mündlich mitteilen könnte, nicht schriftlich. Seien Sie überzeugt, daß niemand tiefern Schmerz über Lassalles Weggerafftsein empfinden kann. Und vor allem fühle ich für Sie. Ich weiß, was Ihnen der Verewigte war, was sein Verlust für Sie ist. Freuen Sie sich über eines. Er ist jung gestorben, im Triumph, als Achilles.
Ich hoffe, meine liebe Frau Gräfin, daß Sie mit Ihrem hohen und tapfern Geist diesen Schicksalsschlag ertragen und stets überzeugt sind von der vollkommenen treuen Ergebenheit
Ihres aufrichtigen Freundes
Karl Marx
Nach: Ferdinand Lassalle. Nachgelassene Briefe und Schriften. Herausgegeben von Gustav Mayer. Dritter Band. Stuttgart-Berlin 1922