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Marx an Jenny Marx
in London

[Manchester] Freitag, 13.Mai 1864

Liebes Herz,

Heute fand das Begräbnis unsres braven Kameraden statt.1 Es waren absichtlich keine Einladungen erfolgt, sonst hätten wir die halbe Stadt auf den Beinen gehabt. So nahmen teil Borchardt, Gumpert, Engels, Dronke, Steinthal, Marotzki (der lichtprotestantischePfaff, bei dem lupus Unterricht gab und der als Privatfreund kam), Beneke (einer der ersten Kaufleute hier), Schwabe (ditto), noch 3 andre Kaufleute, einige Knaben und ungefähr 15–20 Personen aus den „lower classes"2, unter denen lupus sehr populär. Ich hielt natürlich eine kleine Grabrede. Es war eine Funktion, die mich sehr angriff, so daß mir ein paarmal die Stimme versagte. Freiligrath entschuldigte sich schriftlich. Sein Vorgesetzter Fazy ist nämlich jetzt in London. Engels und namentlich Dronke billigten die Entschuldigung nicht, und wird D[ronke] ihn morgen in London zur Rechenschaft ziehn. Ich bin gezwungen, zur Beendigung der Geschäfte, Zahlung von Erbschaftssteuer, Einschwörung usw. noch wenigstens 3–4 Tage hierzubleiben. Ich verlasse Manchester natürlich nicht, bevor alles abgemacht ist.

Im Anfang wurde geglaubt, der arme lupus hätte an beginnender Hirnerweichung gelitten. Dies war jedoch falsch. Gumpert hatte vorher gesagt, daß er an Hyperämie des Gehirns (Überfüllung des Gehirns mit Blut) leide. Dies wurde durch die Sektion bestätigt, und dies bewies zugleich, daß er bei der allergewöhnlichst richtigen Behandlung noch heut leben würde. Borch[ardt] hatte die Sache ganz und gar, auf das Gewissenloseste, vernachlässigt. Und doch darf man deswegen keinen Lärm machen, namentlich nicht wegen der Familie B[orchardt], die dem lupus (besonders B[orchardt]s älteste Tochter) zärtlich zugetan waren, viel für ihn taten und auf die er seinerseits viel hielt. Jedoch habe ich B[orchardt]s Einladung zum Essen für heut (wobei Engels etc. zugegen sein sollten) mit der Erklärung: abgeschlagen, daß ich am Begräbnistag W[olff]s keine Gasterei annehmen könne.

Dronke läßt sich entschuldigen, daß er Dir nicht auf Deinen Brief geantwortet. Der arme Kleine war über den Tod seiner Kinder zu sehr erschüttert, um schreiben zu können.

Alle Briefe unsrer Kinder hatte lupus sorglich aufgehoben und der Frau Borchardt wiederholt noch in den letzten Wochen erzählt, wieviel Freude ihm Tussychen durch die Sendschreiben mache.

Marotzki hielt vorgestern (bei der Konfirmation der Kinder, u. a. auch einer jüngern Borch[ardt]) eine öffentliche Lobrede auf lupus in der Kirche. Ich glaube nicht, daß irgend jemand in Manchester so allgemein beliebt war wie unser kleines armes Männchen (der schon als Kind beide Beine gebrochen hatte und jahrelang an der Kur litt). In seinen nachgelassenen Briefen fand ich von allen Seiten, Schülerinnen, Schülern und namentlich auch deren Müttern, die freundlichsten Teilnahmbeweise.

Meine besten Grüße an alle.

Dein
Karl

Schick immédiatement3 3 Photogramms von dear Eleanor.