28. Dez. 1862
London, 9, Grafton Terrace,
Maitland Park, Haverstock Hill
Geehrter Herr,
Freiligrath hat mir vor einiger Zeit einen Brief mitgeteilt, den er von Ihnen erhalten. Ich hätte früher geantwortet, wenn nicht eine Reihe von Unglücksfällen in meiner Familie mich für some time1 schreibunfähig gemacht.
Es hat mich sehr gefreut, aus Ihrem Briefe zu ersehn, daß Sie und Ihre Freunde ein so warmes Interesse an meiner „Kritik der Politischen Ökonomie" nehmen. Der zweite Teil ist nun endlich fertig, d.h. bis zum Reinschreiben und der letzten Feilung für den Druck.2 Es werden ungefähr 30 Druckbogen sein. Es ist die Fortsetzung von Heft I, erscheint aber selbständig unter dem Titel: „Das Kapital" und „Zur Kritik der Politischen Ökonomie" nur als Untertitel. Es umfaßt in der Tat nur, was das dritte Kapitel der ersten Abteilung bilden sollte, nämlich „Das Kapital im allgemeinen". Es ist also nicht darin eingeschlossen die Konkurrenz der Kapitalien und das Kreditwesen. Was der Engländer „the principles of political economy"3 nennt, ist in diesem Band enthalten. Es ist die Quintessenz (zusammen mit dem ersten Teil), und die Entwicklung des Folgenden (mit Ausnahme etwa des Verhältnisses der verschiedenen Staatsformen zu den verschiednen ökonomischen Strukturen der Gesellschaft) würde auch von andern auf Grundlage des Gelieferten leicht auszuführen sein.
Die lange Verzögerung hat folgende Gründe. Erstens im Jahr 1860 nahm der Vogtskandal mir sehr viel Zeit weg, da ich eine Masse Untersuchungen über an und für sich gleichgültiges Zeug anstellen mußte, Prozesse führen usw. Im Jahr 1861 verlor ich durch den amerikanischen Bürgerkrieg meine Haupteinnahmequelle, die „New-York [Daily] Tribune". Meine Mitarbeit an dem Blatt ist bis zu diesem Augenblick suspendiert. Ich war und bin so gezwungen, eine Masse Winkelarbeiten zu übernehmen, um nicht direkt mit meiner Familie auf die Straße zu wandern. Ich hatte mich sogar entschlossen, „Praktiker" zu werden und sollte anfangs nächsten Jahres in ein Eisenbahnoffice eintreten. Soll ich es Glück oder Unglück nennen? Meine schlechte Handschrift war der Grund, daß ich die Stelle nicht erhielt. So sehn Sie, daß mir wenig Zeit und Ruhe für theoretische Arbeiten blieb. Es ist wahrscheinlich, daß dieselben Ursachen die schließliche Fertigmachung für den Druck länger, als mir lieb ist, hinziehn.
Was den Verlag angeht, so werde ich unter keinen Umständen Herrn Duncker den zweiten Band geben. Er erhielt das Manuskript für Heft I im Dezember 1858, und es erschien Juli oder August 1859. Ich habe einige, obgleich nicht gerad starke Aussicht, daß Brockhaus die Sache drucken wird. Die conspiracy de silence4, womit mich das deutsche Literatengesindel beehrt, sooft es selbst merkt, daß die Sache mit Schimpfen nicht abgetan, ist mir buchhändlerisch ungünstig, abgesehn von der Tendenz meiner Arbeiten. Sobald das Manuskript in der Reinschrift (die ich mit Januar 1863 beginne) fertig, werde ich es selbst nach Deutschland bringen, da es leichter auf persönlichem Weg, mit den Buchhändlern fertigzuwerden.
Ich habe alle Aussicht, daß, sobald die deutsche Schrift heraus, eine französische Bearbeitung in Paris besorgt wird. Selbst zu französisieren habe ich absolut keine Zeit, so weniger, da ich entweder die Fortsetzung, d.h. den Schluß der Darstellung des Kapitals, Konkurrenz und Kredit, deutsch schreiben oder die zwei ersten Arbeiten für das englische Publikum in einer Schrift zusammenfassen will. Ich glaube nicht, daß auf Wirkung in Deutschland zu rechnen, bevor ein Zertifikat vom Ausland erhalten ist. Im ersten Heft war allerdings die Darstellungsweise sehr unpopulär. Es lag dies teils an der abstrakten Natur des Gegenstands, dem beschränkten Raum, der mir vorgeschrieben war, und dem Zweck der Arbeit. Dieser Teil ist leichter verständlich, weil er konkretere Verhältnisse behandelt. Wirklich populär können wissenschaftliche Versuche zur Revolutionierung einer Wissenschaft niemals sein. Ist aber einmal die wissenschaftliche Grundlage gelegt, so ist das Popularisieren leicht. Werden die Zeiten etwas stürmischer, so kann man auch die Farben und Tinten wieder wählen, die eine populäre Darstellung dieser Gegenstände gebieten würde. Dagegen hätte ich allerdings erwartet, daß die deutschen Fachgelehrten schon des Anstands halber meine Arbeit nicht so völlig ignoriert hätten. Ich habe außerdem die keineswegs erfreuliche Erfahrung gemacht, daß Parteifreunde in Deutschland, die sich lange mit dieser Wissenschaft beschäftigt, die mir privatim übertriebne Beifallsausbrüche über Heft I schrieben, nicht den geringsten Schritt taten, um eine Kritik oder auch nur eine Inhaltsanzeige in ihnen zugänglichen Zeitschriften zu schreiben. Wenn dies Parteitaktik ist, so gestehe ich, daß mir das Geheimnis derselben undurchdringlich.
Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir gelegentlich über die vaterländischen Zustände schreiben. Wir gehn offenbar einer Revolution entgegen – woran ich seit 1850 nie gezweifelt habe. Der erste Akt wird eine keineswegs erquickliche Wiederauflage der 48–49er Albernheiten einschließen. Indes ist das nun einmal der Gang der Weltgeschichte, und man muß sie nehmen, wie sie ist.
Mit besten Grüßen für das neue Jahr
Ihr
K. Marx