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Marx an Ferdinand Lassalle
in Berlin

7.Nov. 1862
9, Grafton Terrace, Maitland Park,
Haverstock Hill, London

Lieber Lassalle,

Freiligrath schickt Dir heute 60 £ zur Deckung des Wechsels. Die Erneuerung desselben, die ich Dir gleichzeitig mit der Operation anzeigte, findet nur soweit statt, daß Borkheim einen Wechsel auf Dich von mir, auf 2 Monate post datum (datiert vom 6ten November, also zahlbar etwa 9. Januar 1863) zum Belauf von 100 Talern oder 15 £ erhalten hat.

Aus den wenigen Zeilen, die Du mir von Zeit zu Zeit schriebst, sehe ich, daß Dein Groll fortdauert, und sollte das Formular der Schreiben dies wohl auch andeuten.

Das Kurze und Lange an der Geschichte ist, daß Du im Recht und im Unrecht bist. Du verlangst, ich solle Dir Deinen Brief von Baden in Abschrift zuschicken. Zu welchem Zweck? Damit Du Dich vergewisserst, ob Dein Brief selbst einen Vorwand zu meinem nach Zürich1 liefern konnte. Alle power of analysis2 Dir eingeräumt, kannst Du mit Deinen Augen herausfinden, was meine Augen lasen, und namentlich kannst Du die Umstände herauslesen, unter denen meine Augen lasen? Um mir zu beweisen, daß ich falsch las, müßtest Du erst die Leser und dann die Bedingungen der Leser äqualisieren, eine Ausgleichung, die Du wieder als L[assalle] unter L[assalle]-schen, und nicht als M[arx] unter M[arx]schen Umständen vornehmen würdest. Es könnte also nichts als Stoff zu neuer Kontroverse dabei herauskommen. Wie wenig die power of analysis bei dergleichen Operationen hilft, sehe ich aus Deinem Brief. Du schiebst mir nämlich unter, was ich nicht gemeint habe. Das letztre muß ich unter allen Umständen selbst am besten wissen. Der Wortlaut des Briefs mag Dir recht geben, aber was hinter dem Laut für ein Sinn verborgen lag, weiß ich de prime abord3 besser als Du. Was mich in Harnisch brachte, hast Du nicht einmal geahnt. Es war die Ansicht, die ich aus Deinem Brief las (mit Unrecht, wie Wiederlesen desselben mit kälterem Blut mich überzeugte), daß Du zweifeltest, ob ich mit Bewilligung von Engels handelte. Ich gebe Dir zu, daß ich dies nicht in meinem Brief erwähne und daß es, abgesehn von unsrem persönlichen Verhältnis und bloß das sachliche Verhältnis betrachtet, eine abgeschmackte Voraussetzung war. Still it appeared so to me at the moment I wrote to you.4 Ferner zugegeben, daß dies mein wirkliches grievance5 nicht ausgesprochen, vielleicht nicht angedeutet ist in meinem Brief, vielmehr hier die issue upon a false point6 gewesen ist. So ist das die Sophistik aller Leidenschaft.

Du bist also jedenfalls im Unrecht in der Art, wie Du meinen Brief interpretiertest; ich bin im Unrecht, weil ich ihn schrieb und die materia peccans7 lieferte.

Sollen wir uns nun deswegen positiv entzweien? Ich denke, das Substantielle in unsrer Freundschaft ist stark genug, um auch solchen chock ertragen zu können. Ich gestehe Dir, sans phrase8, daß ich, als Mann auf dem Pulverfaß, eine Kontrolle der Umstände über mich erlaubte, die einem animal rationale9 nicht ziemt. Jedenfalls wäre es aber nicht großmütig von Dir, diesen status animi10, in dem ich mir am liebsten eine Kugel durch den Kopf geschossen, als Jurist und Prokurator gegen mich geltend zu machen.

Ich hoffe also, daß unser altes Verhältnis „trotz alledem" ungetrübt fortdauert.

Ich war seit der Zeit auf dem Kontinent, in Holland, Trier etc., um meine Verhältnisse zu regulieren. J'ai abouti à rien.11

Den Roscher wollte ich Dir schicken, entdeckte aber, daß die Versendungskosten = 10 sh., der Preis, wenn auch nicht der Wert R[oscher]s. Indes denke ich, bald eine Gelegenheit zu finden.

Mein Vetter aus Amsterdam12 schreibt mir, daß Dein Buch von ihrem gelehrtesten Juristen auf seine Anregung besprochen werden wird ausführlich in der Amsterdamschen juristischen Zeitschrift.

Salut.
Dem K.M.

Ich war während ungefähr 6 Wochen ganz verhindert, an meinem Buch zu arbeiten, und arbeite jetzt nur mit Hindernissen daran fort. Indes geht es doch by and by13 zu Ende.