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Marx an Antoinette Philips
in Zalt-Bommel

[London] 17. Juli 1861

Meine holde kleine Cousine,

Ich hoffe, daß Du mein langes Schweigen nicht falsch ausgelegt hast. In der ersten Zeit wußte ich nicht genau, wohin ich meine Briefe richten sollte, ob nach Aachen oder nach Bommel. Dann drängte die Arbeit außerordentlich, und während der letzten 2 oder 3 Wochen habe ich an einer höchst lästigen Augenentzündung laboriert, die die Zeit, welche mir zum Schreiben und Lesen zur Verfügung stand, sehr beschränkte. Wenn ich also, mein liebes Kind, mich schuldig bekennen muß, so gibt es doch viele aufeinanderfolgende Umstände, die Du als ein gnädiger Richter, wie ich zuversichtlich glaube, bei Deinem Urteilsspruch berücksichtigen wirst. Auf alle Fälle würdest Du mir sehr unrecht tun, wenn Du annähmst, daß in dieser ganzen Zeit ein einziger Tag vorübergegangen wäre, ohne daß ich mich meiner lieben kleinen Freundin erinnert hätte.

Meine Berliner Angelegenheit ist noch zu keinem endgültigen Resultat gelangt. Du wirst Dich erinnern, daß während meiner Anwesenheit in der preußischen Metropole die Hohenzollern-Behörden nachzugeben schienen und mir sogar einen Paß für die Dauer eines Jahres aushändigten. Aber kaum hatte ich ihnen den Rücken gekehrt, als Lassalle zu seinem äußersten Erstaunen einen Brief von dem Polizeipräsidenten1 v. Zedlitz des Inhalts erhielt, daß ich wegen meiner „politischen Bescholtenheit"2 nicht „wieder eingebürgert" werden könnte. Gleichzeitig erklärte die preußische Regierung, daß alle politischen Flüchtlinge, die länger als 10 Jahre nicht in Preußen waren, ihr Bürgerrecht verloren haben, Ausländer geworden sind und daher, wie alle anderen Ausländer, nur nach Belieben des Königs wieder eingebürgert werden können. Mit anderen Worten: sie erklärten ihre sogenannte Amnestie für eine reine Täuschung, einen Betrug und einen Fallstrick. Das war der Punkt, wohin ich sie während meines Berliner

Aufenthalts zu treiben versucht hatte, und es war mehr, als selbst die preußische Presse und das preußische Abgeordnetenhaus schweigend hinnehmen konnten. Zwangsläufig führte der Fall zu heftigen Diskussionen in den Zeitungen und zu einer Interpellation des Kabinetts im Abgeordnetenhaus3. Für den Augenblick entzog sich das Kabinett der Sache durch einige zweideutige und widerspruchsvolle Feststellungen, aber das Ganze trug nicht wenig dazu bei, die Menschen in Deutschland ihrer Illusionen hinsichtlich der „neuen Ära" zu berauben, die durch den „Schönen Wilhelm"4, wie ihn die Berliner unehrerbietig nennen, eingeleitet worden sein soll. Lassalle mit seiner üblichen Hartnäckigkeit versuchte, über die Behörden die Oberhand zu gewinnen. Erst stürzte er zu Zedlitz und machte ihm eine solche Szene, daß der Freiherr ganz entsetzt war und seinen Sekretär um Beistand rief. Einige Wochen später, als Zedlitz wegen feindlicher Demonstrationen des Berliner Mobs gegen ihn abgesetzt worden war, suchte Lassalle Geheimrat Winter auf, den Nachfolger von Zedlitz, aber der „Nachfolger" erklärte, daß seine Hände durch die Beschlüsse seines „Vorgängers" gebunden seien. Lassalle nahm schließlich Graf Schwerin, den Innenminister ins Gebet, der, um den heftigen Vorhaltungen meines Vertreters zu entkommen, ihm versprach, den ganzen Fall dem Berliner Magistrat zur Entscheidung zu überweisen – ein Versprechen, das er jedoch sehr wahrscheinlich nicht halten wird. Was mich selber angeht, so habe ich zumindest eines erreicht, nämlich, die Berliner Regierung gezwungen zu haben, ihre liberale Maske fallenzulassen. Was meine Rückkehr nach Berlin anbelangt, so könnten sie, wenn ich es für richtig halte, vor Mai 1862 dorthin zu gehen, das nicht verhindern, da sie mir den Paß bewilligt haben. Wenn ich meine Rückkehr aufschieben sollte, so werden sich die Dinge in Preußen vielleicht so verändert haben, daß ich ihre Genehmigung nicht brauche. Es ist wirklich lächerlich, daß eine Regierung aus Furcht vor einer Privatperson soviel Aufhebens macht und sich so kompromittiert. Das Bewußtsein ihrer Schwäche muß schrecklich sein.

Gleichzeitig hatte ich das Glück, mit der besonderen Aufmerksamkeit der französischen Regierung beehrt zu werden. Eine Person in Paris, die ich nicht kenne, hatte eine Übersetzung meines Pamphlets „Herr Vogt" schon im Druck, als ein Befehl des Herrn de Persigny ihr verbot, die Übersetzung fortzuführen. Gleichzeitig wurde allen Buchhändlern in Paris eine

allgemeine Warnung zugestellt, das deutsche Original von „Herr Vogt" zu verkaufen. Ich erhielt davon nur Kenntnis durch eine Pariser Korrespondenz, die in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht war.5

Von der Gräfin Hatzfeldt erhielt ich einen 16 Seiten langen Brief. Nimm Dir daran ein Beispiel, mein liebes Kind. Sie ist – natürlich in Gesellschaft Lassalles – in ein Bad in der Nähe von Frankfurt am Main gegangen. Von dort wollen sie nach der Schweiz gehen und nach einem einmonatigen Aufenthalt nach Italien. Sie fühlt sich sehr ennuyée6 und glaubt, daß sie bemitleidet werden müßte, weil sie nichts anderes zu tun hat, als sich zu amüsieren. Das ist in der Tat ein übler Zustand für eine aktive, bewegliche und ziemlich ehrgeizige Frau, für die die Tage des Kokettierens vorüber sind.

Apropos. Ich habe aus Manchester an August7 die beiden Bände von Lassalles neuem juristischem Werk geschickt, und ich wüßte gern, ob das Paket den Adressaten erreicht hat. Von Jacques8 habe ich nichts gehört.

Ich glaube nicht, mein liebes Kind, daß meine Frau und meine Töchter Gelegenheit finden werden, in diesem Jahre Bommel einen Besuch abzustatten, weil der Arzt meint, daß während der heißen Jahreszeit ein Seebad das Beste für sie wäre, um die Reste der furchtbaren Krankheit, die sie im vergangenen Herbst durchgemacht hat9, loszuwerden. Andererseits hoffe ich, daß Du nicht Dein Versprechen vergißt, London zu besuchen, wo alle Mitglieder der Familie sich freuen werden, Dich zu empfangen. Es erübrigt sich, Dir zu sagen, daß mir nichts in der Welt größeres Vergnügen bereiten würde.

Ich hoffe, meine holde, kleine Zauberin, Du wirst Dich nicht zu streng zeigen, sondern wie ein guter Christ, mir sehr bald einen Deiner kleinen Briefe schicken, ohne Dich für mein zu lange anhaltendes Schweigen zu rächen.

Empfehl mich Deinem Vater10, meiner Freundin „Jettchen"11, dem Doktor12, Deinem Bruder Fritz und der ganzen Familie. Ich bleibe immer

Dein aufrichtigster Bewunderer
Charles Marx

Ich bin ganz erstaunt über die Nachricht von dem Attentat auf seine preußische Majestät, alias „Der schöne Wilhelm"13. Wie konnte irgendein Mensch mit normalem Verstand seinen eigenen Kopf riskieren, um einen hirnlosen Esel zu töten?

Aus dem Englischen.