Manchester, 86 Mornington Street,
Stockport Road, 4. Sept. 1864
Lieber Mohr,
Dein Telegramm kam gestern an, noch ehe ich Deinen Brief erbrochen hatte, da mich allerlei Geschäfte gleich in Anspruch genommen. Du kannst Dir denken, wie mich die Nachricht überraschte. Lassalle mag sonst gewesen sein, persönlich, literarisch, wissenschaftlich, wer er war, aber politisch war er sicher einer der bedeutendsten Kerle in Deutschland. Er war für uns gegenwärtig ein sehr unsichrer Freund, zukünftig ein ziemlich sichrer Feind, aber einerlei, es trifft einen doch hart, wenn man sieht, wie Deutschland alle einigermaßen tüchtigen Leute der extremen Partei kaputtmacht. Welcher Jubel wird unter den Fabrikanten und unter den Fortschrittsschweinhunden herrschen, L[assalle] war doch der einzige Kerl in Deutschland selbst, vor dem sie Angst hatten.
Aber was ist das für eine sonderbare Art, ums Leben zu kommen: sich in eine bayrische Gesandtentochter1 ernstlich zu verlieben – dieser would-be Don Juan2 –, sie heiraten wollen, in Kollision kommen mit einem abgedankten Nebenbuhler3, der noch dazu ein walachischer Schwindler ist, und sich von ihm totschießen zu lassen. Das konnte nur dem L[assalle] passieren bei dem sonderbaren Gemisch von Frivolität und Sentimentalität, Judentum und Chevaleresktuerei, das ihm ganz allein eigen war. Wie kann ein politischer Mann wie er sich mit einem walachischen Abenteurer schießen!
Wie rasch übrigens die Nachricht reiste, siehst Du daraus, daß sein Tod bereits Donnerstag abend in der „Kölnischen Zeitung“ stand, die gestern mittag – 2 Stunden nach Deinem Telegramm – hier ankam.
Was hältst Du von den Dingen in Amerika? Lee benutzt sein verschanztes Lager von Richmond ganz meisterhaft; kein Wunder, es ist ja schon die dritte Kampagne, die sich darum dreht. Er hält Grants Massen mit verhältnismäßig wenigen Truppen fest und benutzt den größten Teil seiner Leute offensiv in Westvirginien und zur Bedrohung von Washington und Pennsylvanien. Ausgezeichnetes Muster zum Studium für die Preußen, die daraus bis ins Detail lernen können, wie man einen Feldzug um das verschanzte Lager von Koblenz führen muß, die aber natürlich viel zu hochmütig sind, etwas von diesen improvisierten Generalen zu lernen. Grant – vor 6 Jahren ein wegen Trunk aus der Armee entlassener Lieutenant, später versoffner Ingenieur in St. Louis – hat viel unity of purpose4 und große Verachtung gegen das Leben seines Kanonenfutters, scheint auch als kleiner Strategiker (d. h. für Bewegungen von heute auf morgen) viel Ressourcen zu haben, aber ich suche vergebens nach Zeichen, daß er Überblick genug hat, um die Kampagne als Ganzes zu übersehn. Die Kampagne gegen Richmond scheint mir am Scheitern zu sein, die Ungeduld, mit der G[rant] bald hier, bald dort angreift, aber an keinem Punkt nachhaltig mit Sappe and Mine vorgeht, ist ein schlechtes Zeichen. Das Ingenieurwesen scheint bei den Yankees überhaupt schlecht bestellt zu sein, dazu gehört außer den theoretischen Kenntnissen auch eine traditionelle Praxis, die nicht so leicht improvisiert wird. – Ob Sherman mit Atlanta fertig wird, ist fraglich, doch hat er, glaub ich, bessere Chancen. Die Guerillas- und Kavalleriestreifereien in seinem Rücken werden ihm schwerlich viel schaden. Der Fall Atlantas wäre sehr hart für den Süden, Rome fiele gleich mit, und da sind ihre Kanonengießereien etc., dazu ginge die Eisenbahnverbindung zwischen Atlanta und Südkarolina verloren. – Farragut bleibt sich gleich. Der Kerl weiß, was er tut. Aber ob Mobile selbst fallen wird, ist sehr fraglich. Die Stadt ist sehr stark befestigt und kann, soviel ich weiß, nur von der Landseite her genommen werden, da tiefgehende Schiffe nicht nahe genug herankommen können. Aber welch ein Blödsinn ist diese Zersplitterung der Angriffskräfte an der Küste, wo Charleston und Mobile gleichzeitig angegriffen werden, statt eins nach dem andern, aber jedesmal mit allen Kräften.
Auf den Friedenskohl, der sich jetzt so breit macht, geb' ich nicht viel. Selbst nicht auf die vorgeblichen direkten Unterhandlungen Lincolns. Das halte ich alles für Wahlmanöver. Wie die Sache bis jetzt steht, scheint mir Lincolns Wiederwahl ziemlich gewiß.
Meine Mutter ist in Ostende und reist Samstag wieder nach Hause, infolge welcher Nachricht ich meine Reisepläne geändert habe5 und Donnerstag abend nach Ostende reise. Ich fürchte, ich komme erst mit dem Nachtzug nach London, der vor 6 Uhr morgens dort ankommt. Ist es mir aber möglich, so reise ich um 4.15, so daß ich 9.15 an Euston Station bin und entweder nach Dover durchfahre (s'il y a moyen6) oder in dem Hotel an London Bridge Station schlafe. In diesem letzten Fall schreib' ich Dir's vorher, damit wir uns möglicherweise treffen können. Schreib mir inzwischen, was Du von Amerika hältst.
Beste Grüße an die Girls.
Dein
F. E.