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Marx an Engels
in Manchester

[London] 2.Sept. 1864

Lieber Frederick,

Gestern Nachmittag erhielt ich nachstehend kopierten Brief von Freiligrath, woraus Du siehst, daß Lassalle lebensgefährlich in einem Duell in Genf verwundet worden. Ich ging noch denselben Abend zu Freiligr[ath]. Er hatte jedoch keine neueren Telegramme erhalten. Nebenbei teilte er mir mit – entre nous1 –, daß seine Bank in einer Krise, erhöht durch die Genfer Geschichte und Fazys Rolle in derselben.

Salut.

Dein
K.M.

„Lieber Marx, Soeben erhalte ich einen Brief von Klapka aus Genf mit der traurigen Nachricht, daß Lassalle in einem am 30. August zu Genf mit einem walachischen Pseudofürsten2 stattgehabten Duell tödlich verwundet worden ist. Hier das Nähere aus Kl[apkas] Brief…

‚Lassalle hatte hier eine Liebesgeschichte, jedoch in aller Ehre, da er das Mädchen3, Tochter des bayrischen Gesandten von Dönniges, heiraten wollte. Der Vater widersetzte sich der Heirat, das Mädchen betrog den armen Lassalle; ein früherer Verlobter von ihr, der obenerwähnte Pseudoprinz, traf von Berlin ein, es kam zu Erklärungen, zu einem unangenehmen Briefwechsel und zur Herausforderung. Die Sekundanten Lassalles waren Oberst Rüstow und mein Landsmann, General Graf Bethlen. Lassalle benahm sich, wie es einem Manne von seinem Rufe und seiner politischen Stellung geziemt, ebenso mutig als würdevoll. Er ward in den Bauch geschossen und liegt nun zwischen Leben und Tod im Hôtel Victoria darnieder. Das Unglück für ihn ist, daß die Kugel tief im Körper liegt, die Wunde daher sehr leicht in Brand übergehn kann. Ich besuchte ihn gleich nach meiner Ankunft, fand ihn sein Testament diktieren, sonst aber ruhig und auf seinen Tod gefaßt. Es tut mir unendlich leid um ihn; oft lernt man die Menschen erst in ihren letzten Augenblicken kennen. Hoffen wir, daß er trotz der bösen Aussagen der Ärzte glücklich die Krise überlebt.‘ Soweit Klapka."