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Engels an Marx
in London

[Manchester] Sonntag, 1.Mai 64
6.50 p.m.

Lieber Mohr,

Eben komm' ich von Lupus, wo Gumpert und Borchardt auch waren. Sie sind über die Diagnose nicht einig, das ist aber Wurst vorderhand, da es sich darum handelt, ihm zunächst wieder Kräfte zu verschaffen, und da hat G[umpert] sofort energischer eingegriffen. Gestern noch frug ich B[orchardt] wegen Portwein, er meinte aber, da L[upus] nicht ganz klar im Kopfe, sei es besser, es zu lassen, schlug heute morgen noch – eine spanische Fliege vor! Heute bekommt Lupus alle 2 Stunden ein Bierglas Champagner und heut nacht außerdem in seinem beeft ea, den1 er in der Zwischenzeit nimmt, Brandy. Der Hund von Borchardt, der ihm noch am Mittwoch 10 Unzen Blut abzapfen ließ!! Übrigens steht die Sache sehr schlimm, denn welche Diagnose auch richtig sein mag, so ist die eine so schlimm wie die andre. B[orchardt]s Diagnose ist Meningitis, Entzündung der innern Kopfhaut mit Tendenz zur Exudation. G[umpert] hatte heute morgen noch keine machen können, dachte aber, außer an obiges, an Urämie (Harneintritt ins Blut infolge von Nierendegeneration) oder an Anämie mit lokaler Affektion des Nervensystems. Da er nach der Konsultation noch einen Besuch zu machen hatte, konnte ich nicht näher mit ihm sprechen; sobald ich seine Ansicht weiß, schreib' ich sie Dir.

Ich wollte, Du könntest morgen auf ein paar Tage herkommen. Ich sehe voraus, daß ich diese Woche sehr schwer beschäftigt sein werde, und es ist doch immer gut, wenn einer von uns die Ärzte ein paarmal des Tages sieht und gleich alles besorgen kann, was zu besorgen ist. Außerdem wäre es mir auch sonst sehr lieb. Wenn Du kommst, telegraphiere mir von der Station, wo Du einsteigst, nach 7 Southgate St. Marys, es kostet bloß einen Schilling.

Ich war genötigt, dem B[orchardt] gestern zu sagen, um ihn zu forcieren wegen der Konsultation, daß Du dasselbe Vertrauen in G[umpert] hättest wie ich und es mir nie vergessen würdest, im Fall Lupus sterben sollte, wenn ich nicht G[umpert] zur Konsultation zugezogen hätte. Es war ihm sehr fatal, aber wir werden doch der Eitelkeit dieses Hundsfotts zulieb den Lupus nicht morden lassen.

Dein
F. E.