Manchester, 29. April 1864
Lieber Mohr,
Endlich wirst Du die Furunkulose doch wohl losgeworden sein. In der Zwischenzeit laboriert Lupus aufs schmählichste an den rheumatischen Kopfschmerzen, die er schon zu Deiner Zeit1 hier hatte, und die ihn seitdem nicht verlassen haben, im Gegenteil immer schlimmer geworden sind, so daß er seit Wochen nicht ordentlich geschlafen hat. Er hat jetzt schon wieder mehrmals im Bett bleiben müssen, und der Schweinhund Borchardt tut gar nichts dagegen, kuriert mit Colchicum gegen das bißchen Gicht an, das Lupus in der Zehe hat (das ihn aber jetzt gar nicht geniert, während die Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit ihn wirklich herunterbringen), und gibt ihm nicht einmal von Zeit zu Zeit etwas Opium. Ich habe mit Lupus ein paarmal etwas ernsthaft über die Geschichte gesprochen, aber du weißt, wie wenig das hilft. Er glaubt, B[orchardt] Verpflichtungen schuldig zu sein, und da ist nichts zu machen. Das Einzige, was der quack2 getan hat, war, ihm 10 Unzen Blut abschröpfen zu lassen! – vorgestern. Ich gehe heut abend wieder zu Lupus und will sehn, wie’s geht. Ich hatte vor 3 Wochen auch einen heftigen und sehr schmerzhaften Anfall von Rheumatismus der Atemmuskeln, aber Gumpert kurierte ihn in 24 Stunden.
Die Garibaldischmiere nahm ein würdiges Ende. Diese Art, wie der Kerl an die Luft gesetzt wurde, nachdem die Swells3 ihn 8 Tage lang begafft, ist doch zu großartig und kann nur in England vorkommen. Für jeden andern Menschen als Garibaldi wäre das ruinierend, und die Blamage bleibt immer auch für ihn ganz enorm, der englischen Aristokratie als nine days wonder4 gedient zu haben und dann vor die Türe geschmissen zu sein. Als reinen Romantiker haben sie ihn behandelt. Wie der Mensch sich nur dazu hergeben konnte, und wie er die Dummheit haben konnte, in diesen Dundrearys das englische Volk zu sehn. Indessen, wer jetzt nicht über den total bürgerlichen Charakter des Herren klar ist, dem ist nichts klarzumachen. Denn der Respekt vor der englischen Presse, das ist beinah noch schlimmer als vor den Peelers5. Und das exit6, das exit übertrifft alles.
Unser Freund Bismarck ist aber auch ein Lumen7. Von diesem kann man sogar sagen: n’est pas Soulouque qui veut8. Erst dem Bonaparte die Preßverwarnungen nachgemacht, und jetzt schickt er den braven Korporal Wilhelm nach Schleswig, um die Leute zu bewegen, daß sie für Annexion an Preußen stimmen sollen! Dieser Esel scheint sich einzubilden, man fände der Savoyens und Nizzas die Menge auf offner Landstraße und brauche sie nur aufzuheben. Übrigens sagt das „Dagblad[et]“ ganz richtig, nach der Einnahme von Düppel herrsche in der preußischen reaktionären Presse ein solches Hochgefühl, und die Kerle seien so sehr oben drauf, daß man mit Sicherheit auf einen sehr nahen und sehr tiefen Fall der Bande rechnen könne.
Über die preußische Armee bei der Erstürmung habe ich mich einigermaßen gewundert. Der Angriff geschah mit 4 Brigaden (24 Bataillone) gegen 4 dänische Brigaden (16 Bataillone), also durchaus keine unverhältnismäßige Überzahl für einen solchen Sturm. Allerdings waren die Dänen durch das Feuer der Artillerie sehr mürbe gemacht, indes, das waren die Russen in Sewastopol auch und noch mehr. Daß aber die Preußen in 20 Minuten die 6 ersten Schanzen nahmen, und dann in 2 Stunden – NB. ohne Befehl, denn der brave Prinz9 wollte sich damit zufriedengeben – die ganze Halbinsel inkl. des Brückenkopfs nahmen, und den ca. 13 000 Dänen einen Verlust von 5000 Mann beibrachten, ist mehr, als man den Burschen zutrauen durfte. Du wirst Dich übrigens erinnern, daß ich immer sagte, die preußischen Feuerwaffen – Gewehr wie Geschütz – seien die besten in der Welt, und das hat sich hier bewährt. Dafür wird aber auch die Konferenz bald zeigen, was sie für Marionetten von Diplomaten haben. Zwischen Rußland, Boustrapa und Palmerston und mit Hülfe der graußen Politik Bismarcks wird der „Fall“ auf den Hochmut schwerlich lange ausbleiben. Wie aber geht’s mit dem Geld? Die 22 Millionen aus dem Staatsschatz und 6 Millionen Eisenbahnpump müssen doch jetzt verkneipt sein, und was dann?
Ich komme jetzt bald eines Freitag abends angerasselt, natürlich nicht, ohne es Dir vorher zu schreiben.
Schreib bald wieder und grüß die family.
Dein
F. E.