[London] 12. September 1863
Lieber Frederick,
Meine Familie ist seit about1 10 Tagen zurück. Jennychen hat sich sehr erholt und hat aufgehört zu husten. Sie bekommt jetzt im Hause Seebäder, d.h. Bäder mit Seesalz. Ich habe auch seit about 2 Monaten angefangen, mich jeden Morgen im Haus zu baden und von Kopf bis Fuß mit kaltem Wasser zu übergießen, und bin seit der Zeit viel wohler.
Die interessanteste Bekanntschaft, die ich hier gemacht, ist die des Oberst Łapiński. Er ist unbedingt der geistreichste Pole – dabei homme d'action2 –, den ich bis jetzt kennengelernt. Seine Sympathien sind alle nach der deutschen Seite, obgleich er in Manieren und Sprache auch Franzose ist. Statt des Nationalitätenkampfs kennt er nur den Rassenkampf. Er haßt alle Orientalen, wozu er Russen, Türken, Griechen, Armenier usw. mit gleicher Vorliebe zählt. Er war hier eine Zeitlang mit Urquhart zusammen, erklärt ihn aber nicht nur für einen „Humbug", sondern zweifelt ungerechterweise sogar an seiner Ehrlichkeit.
Die „zirkassischen" Fürsten, die Urquhart mit Łapiński in England zur Schau stellte, waren zwei – Bediente. Łapiński behauptet, daß Urquhart ganz von Zamoyski an der Nase herumgeführt werde, der selbst wieder ein bloßes Instrument von Palmerston, also auf diesem Umwege, der russischen Gesandtschaft sei. Obgleich von Haus Katholik, sei ihm (Łap[iński]) Urquharts Verhältnis mit den katholischen Bischöfen in England durchaus verdächtig. Sobald es „Handeln" gelte – z.B. die Ausrüstung eines Polenkorps, um in Zirkassien einzufallen, was auch Ł[apiński] für die beste Diversion hält, habe Urquhart sich von Zamoyski abbringen lassen. Er wolle überhaupt nur „schwätzen". Er sei ein „großer Lügner", und er (Łap[iński]) habe ihm besonders übelgenommen, daß er ihn (Ł[apiński]) ohne vorherige Anfrage zu seinem Mitlügner gemacht. In Zirkassien kenne kein Mensch den Urquhart, der, ohne Kenntnis der Sprache, sich nur 24 Stunden dort aufgehalten. Als ein Beispiel von U[rquhart]s Phantasie führte er nur an, daß dieser bei ihm sehr wichtig damit getan, daß er (Urq[uhart]) den Chartismus in England getötet habe!
In Warschau ist die Nationalregierung wieder gereinigt. Durch die Intrigen von Bonaparte-Palmerston waren die Czartoryski-Anhänger in sie eingeschmuggelt. Drei davon sind erdolcht worden, und das hat den Rest pro nunc3 eingeschüchtert. (An der Spitze stand von dieser Czartoryski-Partei Majewski4.) Die Macht der Nationalregierung geht daraus hervor, daß Großfürst Konstantin von ihr einen Paß zur Reise ins Ausland akzeptierte. Herzen und Bakunin, sagt Ł[apiński], sind ganz chapfallen5, weil der Russe nach einigem Kratzen sich wieder als Tartar gezeigt hat.
Bakunin ist ein Ungeheuer, a huge mass of flesh and fat6, geworden, der kaum mehr gehn kann. Außerdem ist er mannstoll und eifersüchtig auf seine siebzehnjährige Polin, die ihn in Sibirien wegen seines Märtyrertums heiratete. Er ist gegenwärtig in Schweden, wo er mit den Finnen „Revolution" macht.
Die Bauern, sagt Ł[apiński], das „urreaktionäre Pack", mußte man in Polen de prime abord7 aus dem Spiel lassen. Aber sie seien jetzt reif und würden auf den Aufruf der Regierung zur levée en masse8 aufstehn.
Ohne Östreich sei die Bewegung längst kaputt gewesen, und wenn Östreich ernsthaft seine Grenze schließe, sei die Rebellion in 3 Wochen kaputt. Aber Östreich mögle mit den Polen. Nur aus Verzweiflung, weil Franz Joseph wisse, daß eine russisch-serbisch-rumänisch-italienisch-französisch-ungarisch-preußische Bombe ihm drohe, sei er nach Frankfurt gegangen, und aus demselben Grunde habe der Papst9 sein letztes Missiv10 für Polen erlassen.
Ł[apiński] sagte mir, daß das Verständnis nicht nur von Bangya, sondern von Stein, Türr, Klapka und Kossuth mit Rußland gar keinem Zweifel unterliege.
Sein Zweck in London ist jetzt, eine deutsche Legion, wenn auch nur von 200 Mann, auf die Beine zu bringen, um mit der schwarzrotgoldnen Fahne den Russen in Polen gegenüberzutreten, teils um die Pariser zu „exasperieren"11, teils um zu sehen, ob es irgendwie noch möglich, die Deutschen in Deutschland wieder zur Besinnung zu bringen.
Was fehlt, ist Geld. Es werden hier Versuche gemacht, sämtliche deutsche Vereine usw. für diesen Zweck zu exploitieren. Du mußt am besten wissen, ob in Manchester etwas in dieser line12 zu tun ist. Die Sache selbst wäre vorzüglich.
Grüß lupum und sag ihm, daß ich seinen Brief an Eccarius besorgt.
Salut.
Dein
K.M.