London, 6. Juli 1863
Lieber Engels,
D'abord1 meinen besten Dank für die £ 250. Dronke hatte mir vor about2 vier Monaten 50 £ geschickt und heute 200.
Jennychen ist leider immer noch nicht so, wie sie sein sollte. Der Husten ist noch nicht ganz fort, und das Kind ist zu „leicht" geworden. Ich schicke sie ins Bad mit den andern, sobald ihr Schulturnus am Ende. Obgleich ich viel Vertrauen in Allen habe, so wäre es mir sehr lieb, wenn Gumpert, der doch wahrscheinlich nach dem Kontinent auf Ferien reist, hier vorspräche, sich vom Tatbestand überzeugte und mir seine Ansicht mitteilte. Ich muß Dir offen sagen, daß ich in großer Angst wegen dem Kind bin. Das Abnehmen von Fleisch in diesem Alter scheint mir sehr bedenklich.
Palmerston plays his old tricks3 in der polnischen Affäre. Die den Russen zugestellten Noten sind originaliter4 von Petersburg nach London geschickt worden. Den Hennessy hat Pam dem Urquhart abgekauft, indem er besagtem irischem Lumpen eine einträgliche Stelle (Sinekure) an einer französisch-englischen Eisenbahn in Frankreich verschafft hat. Die Verkäuflichkeit der hiesigen politicians5 drängt in der Tat alles in den Hintergrund, was der Art auf dem Kontinent vorkömmt. Man hat weder bei uns noch in Frankreich einen Begriff von dieser absoluten Schamlosigkeit. Was den „count6 Zamoyski" angeht, so hatte ich den Urquartiten wiederholt gesagt, daß der Kerl 1830/31 die Polen verriet, indem er ein unversehrtes Korps statt gegen die Russen, über die östreichische Grenze führte. Endlich ist ihnen dieser Bursche wegen seiner fortwährenden persönlichen Mogelei mit Pam auch verdächtig geworden.
Die Expedition der Southerners gegen den Norden ist nach meiner Ansicht Lee aufgezwungen worden durch das Geschrei der Richmond papers7 und ihrer supporters8. Ich betrachte es als einen coup de désespoir9.
Übrigens wird dieser Krieg sich in die Länge schleppen, und das ist im europäischen Interesse sehr wünschenswert.
Itzig hat mir eine neue Broschüre geschickt, seine Rede in Frankfurt a. M. Da ich jetzt 10 Stunden des Tags ex officio10 Ökonomie treibe, ist nicht zu verlangen, daß ich meine Nebenstunden mit dem Lesen dieser Schülerpensa töten soll. Also einstweilen ad acta gelegt. In der freien Zeit treibe ich Differential- und Integralkalkul. Apropos! Ich habe Überfluß an Schriften dadriiber und will Dir eine zuschicken, wenn Du das Fach in Angriff nehmen willst. Ich halte es für Deine Militärstudien fast für nötig. Dabei ist es ein viel leichterer Teil der Mathematik (was das bloß Technische angeht) als z.B die höhern Teile der Algebra. Außer Kenntnis der gewöhnlichen algebraischen und trigonometrischen Geschichte nichts an Vorstudium nötig, außer allgemeine Bekanntschaft mit den Kegelschnitten.
Über die beiliegende Broschüre des „Duc du Roussillon"11, dessen Du Dich vielleicht noch unter dem Namen „Pi" erinnerst, schreibe mir ein etwas motiviertes Urteil, da dieser Kerl jeden Tag mich schriftlich auffordert, ihm mein „Urteil" mitzuteilen.
Das einliegende „Tableau Économique", das ich an die Stelle des Tab[leau] des Quesnay setze, sieh Dir, wenn es Dir in dieser Hitze möglich, etwas sorglich an und teile mir Deine etwaigen Bedenken mit. Es umfaßt den gesamten Reproduktionsprozeß.
Du weißt, daß A.Smith den „natural" oder „necessary price"12 zusammensetzt aus Salär, Profit (Zins), Rente – also ganz in Revenue auflöst. Dieser Unsinn ist auf Ricardo übergegangen, obgleich er Rente, als bloß akzidentell13, aus dem Katalog ausschließt. Fast alle Ökonomen haben dies von Smith akzeptiert, und die es bekämpfen, fallen in andern Blödsinn.
Smith selbst fühlt den Unsinn, das Gesamtprodukt für die Gesellschaft in bloße Revenue (die jährlich verzehrt werden kann) aufzulösen, während er für jeden einzelnen Zweig der Produktion den Preis in Kapital (Rohstoff, Maschinerie, etc.) und Revenue (Arbeitslohn, Profit, Rente) auflöst. Danach müßte die Gesellschaft jedes Jahr de novo14 ohne Kapital anfangen.
Was nun meine Tabelle angeht, die als Zusammenfassung in einem der letzten Kapitel meiner Schrift figuriert, so ist dabei folgendes zum Verständnis nötig:
1. Die Zahlen gleichgültig, bedeuten Millionen.
2. Unter Lebensmittel ist hier alles zu verstehn, was in den Konsumtionsfonds jährlich eingeht (oder ohne Akkumulation, die von der Tabelle ausgeschlossen ist, in den Konsumtionsfonds eingehn könnte).
In der Klasse I (Lebensmittel) besteht das ganze Produkt (700) aus Lebensmitteln, die also der Natur der Sache nach nicht in das konstante Kapital (Rohmaterial und Maschinerie, Baulichkeiten etc.) eingehn. Ebenso besteht in der Klasse II das ganze Produkt aus Waren, die konstantes Kapital bilden, i. e. als Rohmaterial und Maschinerie wieder in den Reproduktionsprozeß eingehn.
3. Wo die Linien aufsteigen ist punktierte, wo sie niedersteigen, grade Linie.
4. Konstantes Kapital ist der Teil des Kapitals, der aus Rohstoff und Maschinerie besteht. Variables Kapital, der sich gegen Arbeit austauscht.
5. In der Agrikultur z.B. etc. bildet ein Teil desselben Produkts (z.B. Weizen) Lebensmittel, während ein andrer Teil (Weizen z.B.) wieder in seiner Naturalform (als Samen z.B.) als Rohstoff in die Reproduktion eingeht. Dies ändert aber nichts an der Sache. Da solche Produktionszweige der einen Eigenschaft nach in Klasse II, der andern nach in Klasse I figurieren.
6. Der Witz der ganzen Geschichte also der:
Kategorie I. Lebensmittel. Arbeitsmaterial und Maschinerie (d. h. der Teil derselben, der als Dechet15 in das jährliche Produkt eingeht; der nicht konsumierte Teil der Maschinerie etc. figuriert überhaupt nicht in der Tabelle) = 400 £ z.B. Das gegen Arbeit ausgetauschte variable Kapital = 100, reproduziert sich als 300, indem 100 den Arbeitslohn im Produkt ersetzt, 200 den Mehrwert (unbezahlte Surplusarbeit) darstellt. Das Produkt = 700, wovon 400 den Wert des konstanten Kapitals vorstellt, das aber ganz in das Produkt übergegangen ist, also ersetzt werden muß.
Es ist bei diesem Verhältnis von variablem Kapital und Mehrwert angenommen, daß der Arbeiter 1/3 des Arbeitstags für sich, 2/3 für his natural superiors16 arbeitet.
100 (variables Kapital) wird also, wie durch punktierte Linie angedeutet, in Geld als Arbeitslohn ausgezahlt; der Arbeiter kauft mit diesen 100 (angezeigt durch die niedersteigende Linie) Produkt dieser Klasse, i. e. Lebensmittel für 100. Das Geld fließt so an die Kapitalistenklasse I zurück.
Der Mehrwert von 200 in seiner allgemeinen Form = Profit, der sich aber spaltet in industriellen Profit (kommerziellen eingeschlossen), ferner in Zins, den der industrielle Kapitalist in Geld zahlt, und in Rente, die er ebenfalls in Geld zahlt. Dies für industriellen Profit, Zins, Rente gezahlte Geld strömt zurück (durch die niedersteigenden Linien angedeutet), indem dafür Produkt der Klasse I gekauft wird. Das sämtliche innerhalb Klasse I von dem industriellen Kapitalisten ausgelegte Geld strömt also zu ihm zurück, während 300 von dem Produkt 700 aufgezehrt wird von den Arbeitern, entrepreneurs, monied men und landlords17. Bleibt in der Klasse I Überschuß an Produkt (in Lebensmitteln) von 400 und Defizit an konstantem Kapital von 400.
Kategorie II. Maschinerie und Rohstoff.
Da das ganze Produkt dieser Kategorie, nicht nur der Teil des Produkts, der das konstante Kapital ersetzt, sondern auch der, der Äquivalent des Arbeitslohns und den Mehrwert vorstellt, besteht aus Rohstoffen und Maschinerie, kann die Revenue dieser Kategorie nicht in ihrem eignen Produkt, sondern nur im Produkt der Kategorie I realisiert werden. Akkumulation beiseite gelassen, wie es hier geschieht, kann aber Kategorie I von Kategorie II nur so viel kaufen, als sie zum Ersatz ihres konstanten Kapitals braucht, während Kategorie II nur den Teil ihres Produkts, der Arbeitslohn und Mehrwert (Revenue) vorstellt, in dem Produkt der Kategorie I auslegen kann. Die Arbeiter der Kategorie II legen also ihr Geld, = 1331/3, aus im Produkt der Kategorie II. Dasselbe findet statt mit dem Mehrwert der Kategorie II, der sich wie sub18 1 in industriellen Profit, Zins und Rente spaltet. Es fließen also 400 in Geld dem industriellen Kapitalisten der Kategorie I von der Kategorie II zu; die dafür an diese ihren Rest an Produkt = 400 abläßt.
Mit diesen 400 Geld kauft Klasse I das zum Ersatz ihres konstanten Kapitals = 400 Nötige von Kategorie II, der also in dieser Art das in Arbeitslohn und Konsum (der industriellen Kapitalisten selbst, der monied men und der landlords) verausgabte Geld wieder zuströmt. Von ihrem Gesamtprodukt bleibt der Kategorie II daher 5331/3, womit sie ihr eignes aufgearbeitetes konstantes Kapital ersetzt.
Die Bewegung teils innerhalb der Kategorie I, teils zwischen Kategorie I und II, zeigt zugleich, wie den respektiven industriellen Kapitalisten beider Kategorien das Geld zurückströmt, womit sie von neuem Arbeitslohn, Zins und Grundrente zahlen.
Kategorie III stellt die Gesamtreproduktion dar.
Das Gesamtprodukt von Kategorie II erscheint hier als konstantes Kapital der ganzen Gesellschaft und das Gesamtprodukt der Kategorie I als der Teil des Produkts, der das variable Kapital (den Fonds des Arbeitslohns) und die Revenuen der Klassen, die sich in den Mehrwert teilen, ersetzt.
Ich habe Quesnays Tableau drunter gesetzt, das ich im nächsten Brief erklären werde in some words19.
Salut.
Dein
K.M.
Apropos. Edgar Bauer hat Posten erhalten im – preußischen Preßdepartement.