[London] 12. Juni 1863
British Museum.
Lieber Engels,
Die Anzeige der 10 £ erfolgt hier mit bestem Dank. Da ich nicht sicher war, ob Du bis Montag das Geld schicken könntest, und andrerseits in dem Hause große Angst vor Wechseln herrscht, schrieb ich gleichzeitig an Dronke.
Jennychen hüstelt wieder seit 4 Wochen. Ich habe sie heut zu Dr. Allen geschickt.
Ich selbst bin auch nicht ganz auf dem Strumpf, aber das Hauptleiden ist fort. Ich habe in the meantime1, was den Vogt sehr freuen muß, Schwefel gefressen.
Der Itzig hat mir (vielleicht auch Dir) seine Gerichtsrede über die indirekten Steuern geschickt. Es ist einzelnes darin gut, aber das Ganze erstens unerträglich zudringlich, schwatzhaft und mit der lächerlichsten Gelehrt- und Wichtigtuerei geschrieben. Außerdem ist es doch essentiellement2 das Machwerk eines „Schülers", der in aller Hast sich als „grundgelehrten" Mann und selbständigen Forscher herausmarktschreien will. Es wimmelt daher von historischen und theoretischen blunders3. Ein Beispiel mag hinreichen (falls Du das Zeug nicht selbst gelesen hast). Er will – um dem Gericht und dem Publikum zu imponieren – eine Art retrospektiver4 Geschichte der Polemik gegen indirekte Steuern geben, zitiert daher rückgehend in die Kreuz und Quer, über Boisguillebert und Vauban hinaus Bodinus etc. Hier zeigt sich nun der Erzschüler. Er läßt die Physiokraten weg, weiß offenbar nicht, daß alles, was A. Smith etc. über das Thema gesagt, von jenen abgeschrieben, sie überhaupt die Helden in dieser „question"5 waren. Ebenso ganz schülerhaft die „indirekten Steuern" als „Bourgeoissteuern" gefaßt, was sie waren „im Mittelalter", aber nicht heute sind (wenigstens nicht da, wo die Bourgeoisie entwickelt), wie er sich bei Herrn R. Gladstone et Co. in Liverpool eines weitern belehren kann.
Der Esel scheint nicht zu wissen, daß die Polemik gegen „indirekte" Steuern ein Stichwort der englischen und amerikanischen Freunde des „Schulze-Delitzsch" et Cons., also jedenfalls kein Stichwort gegen sie ist, ich meine die freetrader. Ganz schülerhaft seine Anwendung eines Ricardoschen Satzes auf die preußische Grundsteuer. (Grundfalsch nämlich.) Rührend ist es, wo er dem Gericht „seine" aus tiefster „Wissenschaft und Wahrheit" und schrecklichen „Nachtstunden" geschöpften Entdeckungen mitteilt, nämlich, daß im Mittelalter das „Grundeigentum" herrschte, in der neuen Zeit das „Kapital" und jetzt das „Prinzip des Arbeiterstandes", die „Arbeit" oder „das sittliche Prinzip der Arbeit"; und an demselben Tag, wo er die Entdeckung den Knoten mitteilte, teilte sie Oberregierungsrat Engel (ohne von ihm zu wissen), einem feineren Publikum in der Singakademie mit. Er und Engel gratulierten sich wechselseitig „brieflich" über ihre „gleichzeitigen" Wissenschaftsresultate.
Der „Arbeiterstand" und das „sittliche Prinzip" sind allerdings Errungenschaften von Itzig und dem Oberregierungsrat.
Ich habe mich seit Anfang dieses Jahrs nicht entschließen können, dem Kerl zu schreiben.
Kritisiere ich sein Zeug, so wäre das Zeitverlust; außerdem eignet er sich jedes Wort als „Entdeckung" an. Auf seine Plagiats ihn mit der Nase zu stoßen, wäre lächerlich, da ich ihm unsre Sachen in der Form, worin er sie verschmiert hat, nicht abnehmen will. Anerkennen diese Renommagen und Taktlosigkeiten geht auch nicht. Der Kerl würde das gleich benutzen.
Bleibt also nichts übrig, als abzuwarten, bis endlich sein Zorn ausbricht. Dann habe ich einen sehr schönen Vorwand daran, daß er (wie Oberregierungsrat Engel) stets bemerkt, das sei nicht „Kommunismus". Ich werde ihm dann also antworten, daß diese seine wiederholten Beteurungen mich, wollte ich Notiz von ihm nehmen, gezwungen haben würden
1. dem Publikum zu zeigen, wie und wo er uns abschrieb;
2. wie und wo wir uns von seinem Zeug unterscheiden.
Um also dem „Kommunismus" nichts zu vergeben und ihn nicht zu lädieren, hätte ich ihn ganz ignoriert.
Übrigens macht der Kerl aus bloßer Eitelkeit den ganzen Lärm. Während 1859 gehörte er ganz zu der preußischen liberalen Bourgeoispartei. Jetzt mag er es bequemer finden, unter den auspices of government6 auf die „Bourgeois" loszufahren, als auf die „Russen". Auf die Östreicher schimpfen und für Italien schwärmen war von jeher ebenso spezifisch berlinisch, als den Russen gegenüber das Maul halten, wie es der tapfre Junge tut.
Salut.
Dein
K.M.