Manchester, 11. Juni 1863
Lieber Mohr,
Inliegend £ 5 Bank-of-England-Note R/X 46 271, 31. Jan. 1862, Manchester. „—„—„ 5 „—„—„ S/R 92 394, 14. Okt. 1862, London, womit der Schlächter hoffentlich beruhigt sein wird. Da ich den Brief nicht selber aufgeben kann, so zeigst Du mir am besten eben den Empfang an.
Dein langes Schweigen hatte mich sehr beunruhigt, ich hörte inzwischen, daß Du unwohl seist, und jetzt ist es hoffentlich vorüber. Wie geht's mit Jennychens Husten?
Die Sache in Polen scheint in der letzten Zeit nicht mehr so gut zu gehn. Die Bewegung in Litauen und Kleinrußland ist offenbar schwach, und die Insurgenten in Polen scheinen auch nicht voranzukommen. Die Führer fallen alle oder werden gefangen und erschossen, was zu beweisen scheint, daß sie sich sehr exponieren müssen, um ihre Leute voranzubringen. Qualitativ sind die Insurgenten nicht mehr, was sie im März und April waren, die besten Kerle sind verbraucht. Indes entziehen sich diese Polacken jeder Berechnung, und die Sache kann doch noch gut gehn, obwohl die Chancen geringer sind. Wenn sie sich halten, können sie doch noch in eine allgemeine europäische Bewegung hineinkommen, die sie rettet; dagegen wenn es schiefgeht, ist Polen für 10 Jahre futsch, eine Insurrektion wie diese erschöpft die waffenfähige Bevölkerung auf lange Jahre.
Eine europäische Bewegung scheint mir sehr wahrscheinlich, weil der Bürger jetzt wieder alle Furcht vor den Kommunisten verloren hat und im Notfall auch wieder mit losgehn würde. Die französischen Wahlen beweisen dies ebenso wie die Historien in Preußen seit den letzten Wahlen. Daß eine solche Bewegung indes in Frankreich anfängt, glaub' ich kaum.
Die Wahlen in Paris sind doch zu bürgerlich ausgefallen, die Arbeiter, wo sie Spezialkandidaten aufstellten, fielen durch und hatten auch nicht die Macht, die Bourgeois zu wenigstens radikalen Wahlen zu zwingen. Außerdem kennt Bonaparte die Methode, wie man große Städte im Zaum hält.
In Preußen würden sie fortschwätzen, wenn der brave Bismarck ihnen nicht den Riegel vorgeschoben. Wie die Sache dort auch gehen mag, die friedliche konstitutionelle Entwicklung ist am Ende, und der Philister muß sich auf Krawall gefaßt machen. Das ist schon viel. So sehr ich die Tapferkeit unsrer alten Freunde, der Demokraten, verachte, so scheint mir hier doch der meiste Zündstoff sich anzuhäufen, und da es kaum möglich ist, daß die Hohenzollern sich nicht in foreign policy1 in die größten Dummheiten verwickeln, so könnte es wohl dahin kommen, daß die Truppen, halb an der polnischen Grenze, halb am Rhein verteilt, Berlin frei ließen und ein Schlag erfolgte. Schlimm genug für Deutschland und Europa, wenn Berlin an die Spitze der Bewegung geriete.
Was mich am meisten wundert, daß in Großrußland keine Bauernbewegung losbricht. Der polnische Aufstand scheint hier positiv ungünstig zu wirken.
In Amerika geht's schön her. Fighting Joe2 hat sich mit seinen Renommagen scheußlich blamiert, Rosecrans schläft, und bloß Grant operiert gut. Seine Bewegung gegen Vicksburg von Südwest nach Nordost, Abschneiden der Entsatzarmee, Zurückwerfen derselben, dann rascher Vormarsch gegen Vicksburg und selbst die heftigen vergeblichen Sturmläufe sind alle sehr gut. An die Möglichkeit, hinreichende Ersatztruppen rechtzeitig zusammenzubringen, glaube ich nicht. Andrerseits haben wir die amerikanischen Generale so oft plötzlich für 14 Tage gut operieren und dann wieder die größten Eseleien machen sehn, daß man gar nichts über ihre künftigen Bewegungen sagen kann.
Lassalles Gedicht (genitivus objectivus) kannte ich aus einer mir von Siebel eingesandten Broschüre, die Du also auch wohl besitzest. Gar heiter. Der Kerl arbeitet jetzt rein im Dienst von Bismarck, und es kann ihm eines Tages passieren, wenn Monsieur B[ismarck] seiner leid ist, daß er ins Kaschott fliegt und Bekanntschaft mit dem preußischen Landrecht macht, das er immer mit dem Code zu verwechseln scheint. Übrigens schön nach seinem Auftreten in Vogtibus, daß er jetzt unter der Ägide nicht nur der Augsb[urger], sondern auch der „Kreuz-Zeitung" steht.
Ich lese jetzt Kinglake, der mich mehr und mehr in der Überzeugung bestärkt, daß jeder Engländer irgendwo in seinem Gehirn ein Brett vorgenagelt hat, wo alles aufhört.
Dein
F. E.