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Marx an Engels
in Manchester

[London] British Museum, 29. Mai 1863.

Dear Frederick,

Mein langes Schweigen wird Dir at once1 klar sein, wenn Du Dir eine sehr geschwollne Leber mit all its „appurtenances"2 versinnbildlichst. Ich habe seit about3 12 Wochen mehr von diesem nonsense4 ausgestanden als je vorher. Und Du glaubst nicht, wie das auf das Morale eines Menschen einwirkt, die Dumpfheit im Kopf und die Paralysis in den Gliedern, die man fühlt. Namentlich kann man sich zu nichts entschließen, u.a. auch nicht zum Briefschreiben. Seit den letzten zwei Wochen ist die Sache wieder erträglich. Diese Geschichte machte mir alles Schreiben so unmöglich, daß ich trotz verschiedner wiederholter Versuche die polnische Geschichte nicht fertig brachte, was mir jetzt sehr lieb ist, da es mir bloß die Reisemöglichkeit nach Preußen abgeschnitten, ohne direkt etwas zu nutzen.

Ich war natürlich in der Zwischenzeit nicht müßig, aber ich konnte nicht arbeiten. Was ich tat, war, teils meine Lücken (diplomatische, historische) in der russisch-preußisch-polnischen Geschichte ausfüllen, teils allerlei Literaturhistorisches in bezug auf den von mir bearbeiteten Teil der politischen Ökonomie zu lesen und exzerpieren. Dies auf dem British Museum. Ich werde jetzt, wo ich wieder relativ arbeitsfähig, die Last von mir abwälzen und die politische Ökonomie reinschreiben für den Druck (und schlußfeilen). Wäre es mir möglich, mich jetzt in die Einsamkeit zurückzuziehn, so würde die Sache sehr rasch gehn. At all events5 bringe ich die Sache selbst nach Deutschland.

Jennychen ist nicht ganz, wie sie sein sollte. Seit about 14 Tagen ein fataler Husten.

Was den Itzig angeht, so hatte er – wie mir Freiligrath konfidentiell (er zeigte mir Itzigs Brief) mitteilte – den F[reiligrath] aufgefordert, ein Gedicht auf die „neue" Bewegung zu machen, alias den Itzig anzusingen. Er schnitt sich jedoch in F[reiligrath]. In dem Brief sagt er u.a.: „Hunderte von Zeitungen tragen täglich meinen Namen in die fernsten Winkel Deutschlands." „Meine Proletarier! etc." Da nun F[reiligrath] nicht ihn angesungen, hat er einen andren Poeten gefunden. Folgendes ist eine Probe:

„Herbei, du deutsches Proletariat!
Herbei, laß ferner Dich nicht fruchtlos mahnen!
Hier steht ein Mann, bereit den Weg zu bahnen
Zu Deinem Wohlsein. Rüste Dich zur Tat!
Er sitzet nicht im hohen Parlamente,
Stolzieret nicht mit seinem Worttalente;
Einfach, verständlich spricht er für uns Alle,
Der Mann des Volkes, Ferdinand Lassalle!

Nicht, daß Ihr Andern ihre Säckel füllt,
Soll Euer Schweiß hinab zur Erde rinnen,
Nicht, daß an Reichtum täglich sie gewinnen,
Indes Ihr darbt und Euch in Lumpen hüllt.
Der Arbeit Früchte sollt Ihr selbst genießen,
Des Feldbaus Segen soll für Euch ersprießen,
O, daß an jedes Ohr es weithin schalle
Dies Manneswort von Ferdinand Lassalle."

Macte puer!6 Wenn das nicht gut für die Wanzläus ist!
Meinen besten Gruß an lupum. Nun vergelte nicht Gleiches mit Gleichem, sondern laß bald von Dir hören.
Salut.

Dein
K.M.