188
Marx an Engels
in Manchester

[London] 24. März 63

Lieber Frederick,

Du weißt, daß ich ein paar Wochen durch Augenkrankheit fast ganz am Lesen und Schreiben verhindert. Daher die Notwendigkeit, die versäumte Zeit wieder durch starkes Schanzen einzuholen. Hinc1 mein Schweigen.

Dronke hat mir £ 50 übermacht.

Aus einliegendem Brief von Dr. Kugelmann, den Du mir gefälligst zurückschickst, siehst Du, was konfuse Kerls diese deutschen „Parteigenossen". Meine ökonomische Arbeit2 ist „nicht zeitgemäß", und dennoch soll ich für die Sache, nachdem dieser Band heraus ist, ja die ganze Geschichte weiterarbeiten zur theoretischen Beruhigung einiger schönen Seelen. Wovon ich in der Zwischenzeit bei „nicht zeitgemäßen Arbeiten" existieren soll, ist natürlich eine Frage, die sich diesen Herrn keinen Augenblick aufdrängt.

Die Geschichte mit dem Langiewicz eklig. Doch hoffe ich, ist die Sache, selbst provisorisch, noch nicht zu Ende. Ich habe einstweilen gezögert mit der polnischen Arbeit, um die events3 etwas mehr entwickelt zu sehn.

Die politische Pointe, zu der ich gelangt bin, ist die: daß Vincke und Bismarck in der Tat das preußische Staatsprinzip richtig vertreten; daß der „Staat" Preußen (eine von Deutschland sehr verschiedne Kreatur) nicht ohne das bisherige Rußland und nicht mit einem selbständigen Polen existieren kann. Die ganze preußische Geschichte führt zu dieser Konklusion, welche die Herrn Hohenzollern (Friedrich II. eingeschlossen) längst gezogen haben. Dies landesväterliche Bewußtsein ist weit überlegen dem beschränkten Untertanenverstand der preußischen Liberalen. Da also die Existenz Polens für Deutschland nötig und neben Staat Preußen unmöglich ist, so muß dieser Staat Preußen wegrasiert werden. Oder die polnische Frage ist nur ein neuer Anlaß zu beweisen, daß es unmöglich ist, deutsche Interessen durchzusetzen, solang der hohenzollernsche Leibstaat existiert. Nieder mit der russischen Hegemonie über Deutschland ist ganz gleichbedeutend mit weg mit Schaden, mit der Brut des alten Sodomiters!

Was ich sehr wichtig in der neusten amerikanischen Geschichte halte, ist, daß sie wieder Kaperbriefe austeilen werden. Dies wird quoad4 England der Sache ganz andre Gestalt geben und mag under favourable circumstances5 zu Krieg mit England führen, so daß der selbstvergnügte Bull6 außer seinem cotton7 auch noch das corn8 vor der Nase sich withdrawn9 sähe. Beim Beginn des civil war10 hatte Seward auf seine Faust sich die Frechheit herausgenommen, die Beschlüsse des Pariser Kongresses von 1856 einstweilen als auch für Amerika gültig anzunehmen. (Dies kam heraus beim Druck der Depeschen über die „Trent"-Affäre.) Der Washington-Congress und Lincoln, wütend über das outfitting of Southern pirates11 in Liverpool etc., haben nun diesem Spaß ein Ende gemacht. Dies hat großen Schrecken an der hiesigen Börse erregt, aber die treuen Hunde der Presse parieren natürlich Ordre und erwähnen die Sache nicht in den Zeitungen.

Du hast doch wohl mit Vergnügen bemerkt, wie der alte Hund Pam wörtlich sein Spiel von 1830/31 (ich habe die Reden verglichen) wiederholt und ditto die „Times" spielen läßt. Diesmal die Sache so far good12. Louis Bonaparte (was bei dem unglücklichen Louis-Philippe 1831 ganz Europa schädlich war) kömmt in die Sauce und in a very ugly dilemma with his own army13. Mexiko und die Kniebeugungen im „Moniteur" vor dem Zaren (wozu Boustrapa durch Pam getrieben) könnten ihm wohl den Hals brechen. In seines Herzens Angst hat er die Depeschen drucken lassen, die beweisen, daß sein guter Wille bloß an Pam gescheitert. (Der unglückliche Louis-Philippe, obgleich der case14 derselbe, erlaubte dem unverschämten Pam dazu noch im Parlament zu renommieren: „If it were not for the perfidy of the French, and the intervention of Prussia, Poland would still exist."15) Er glaubt dadurch auf die Public Opinion16 in England zu wirken, als ob für diese der sop Pams17 nicht hinreiche, daß Bonaparte an den Rhein wolle! Und als ob Pam nicht ³/₄ dieser Public Opinion selbst fabriziere! Der elende Plon-Plon hatte nicht den Mut zu sagen, Pam arbeitet für Rußland, sondern das böse Rußland suche Zwist zwischen Frankreich und England hervorzubringen! Hier erkenne ich wieder ganz meinen homme du Bas Empire18, den Elenden, der nie ohne allerhöchste europäische Erlaubnis seine coups d'état au delà des frontières19 zu treiben wagt. Hätte der Elende den Mut, klaren Wein über Pam einzuschenken (diesem auch nur damit gedroht), so konnte er ruhig an den Rhein spazieren. Aber er hat sich jetzt Hand und Fuß gebunden, ganz so dem Pam in die Hand geliefert, wie weiland Louis-Philippe. Wohl bekomm's ihm.

Die Geschichten in Staleybridge und Ashton sehr erfreulich. Doch endlich „die Achtung" der Kinnbacken und Dickbäuche den Prolétaires entzogen! John Potter20 sich heute sehr in der „Times" blamiert, die bei ihrer jetzt in so großem Umfang genossenen Unpopularität pounces upon that ass21 um zu catch22 einen Pfennig Popularität.
Salut.

Dein
K.M.