168
Engels an Marx
in London

Manchester, 15. Nov. 1862

Lieber Mohr,

Du hast recht, ich bin sehr blank und beschäftige mich stark mit „Ersparnissen" wie die preußische Regierung. In der Hoffnung, durch häusliches Leben in Hyde Road diesen Ausfall zu decken, schicke ich Dir inl. die Fünfpfundnote, O/L 28076, Manchester, 28. Jan. 62. Gleichzeitig geht ein Korb Wein per Chaplin and Horne an Dich ab, worin ca. ein Dutzend Bordeaux und 2 Flaschen alter 1846er Rheinwein für Jennychen und der Rest aufgefüllt mit 1857er Rheinwein. Im ganzen 24 Flaschen.

Ich warte mit Ungeduld auf den Steamer1, der die Nachrichten über die New-Yorker Wahlen bringt. Wenn die Demokraten im Staat New York siegen, so weiß ich nicht mehr, was ich von den Yankees denken soll. Daß ein Volk, das in ein großes geschichtliches Dilemma gestellt wird, wobei es sich zugleich um seine eigne Existenz handelt, nach 18monatlichem Kampf in seiner Masse reaktionär werden und fürs Kleinbeigeben stimmen kann, geht mir doch etwas über den Verstand. So gut es einerseits ist, daß die bürgerliche Republik sich auch in Amerika gründlich blamiert, so daß sie in Zukunft nie wieder on its own merits2 gepredigt werden kann, sondern nur als Mittel und Übergangsform zur sozialen Revolution, so ärgert es einen doch, daß eine lausige Oligarchie von nur halb der Einwohnerzahl sich ebenso stark erweist wie die plumpe, große, hilflose Demokratie. Wenn übrigens die Demokraten siegen, so hat der brave McClellan und die Westpointer das schönste Oberwasser, und die Herrlichkeit wird bald zu Ende sein. Die Kerle sind imstande, Frieden zu schließen, wenn der Süden in die Union zurückkehrt on condition3, daß der Präsident stets ein Southerner4 sein soll und der Kongreß stets in gleicher Zahl aus Southerners und Northerners5 bestehen. Sie sind sogar imstande, Jeff[erson] Davis sofort zum Präsidenten der United States zu proklamieren und selbst die sämtlichen border states preiszugeben, wenn's nicht anders Frieden gibt. Dann Ade, Amerika.

Von Lincolns Emanzipation sieht man bis jetzt auch noch keine Wirkung, als daß der Nordwesten aus Furcht vor Negerüberschwemmung demokratisch gestimmt hat.

Um vom Größten zum Kleinsten herabzusteigen, was sagst Du von dem braven Wilhelm6? Der Kerl ist endlich wieder Er selber; hat Buße getan für seine liberalen Sünden und zur lahmen Elisabeth gesagt mater peccavi7. Dafür hat ihn der Herr ausgerüstet mit Macht zu schlagen das skrofulöse Gesindel der Liberalen, und dazu, sagt Wilhelm, „dazu brauche ich das Militär". Der Kerl ist so rabiat, daß selbst Bismarck nicht reaktionär genug mehr. Daß Du dumm bist, Schapper, das wissen wir, und das weißt Du selber, aber für so dumm etc., etc. Die Sache geht brillant, und schöner konnte es gar nicht kommen, als daß das liberale Bürgertum, 14 Jahre nach 1848, in das alleräußerste revolutionäre Dilemma gedrängt wird wegen lumpiger 6 Millionen Taler, ca. 850 000 Pfd. St. Wenn nur der alte Esel nicht wieder schlapp wird. Er ist zwar im schönsten Zuge, aber bei diesen Preußen kann man sich auf gar nichts verlassen, nicht einmal auf ihre Dummheit. Wenn das so vorangeht, so ist Krawall ganz unvermeidlich, und wenn es zum Äußersten kommt, so wird Wilhelm sich wundern, in welcher Weise „das Militär" mitspricht, nämlich die gemeinen Soldaten, die sich bedanken werden, sich für 3jährige gegen 2jährige Dienstzeit zu schlagen.

Herzliche Grüße an Deine Frau und die Mädchen.

Dein
F. E.

Apropos. Schicke mir doch die 4 letzten „Free Press", ich kann sie hier nie haben, wenn ich nicht grade auf den Tag hingehe, was ich immer vergesse.