[London] [1]9. Juni 1861
Lieber Frederick,
Ich habe das Schreiben so lang aufgeschoben, weil Weber (der Pfälzer Uhrmacher) mir einen Bericht über die Londoner NationalvereinsSitzung, worin Kinkel so Sonderliches erlebt, und der Weber als hospitanti beiwohnte, versprochen hatte. Erst heut erhalte ich von ihm das Einliegende. Aus dem letzten „Hermann" wirst Du gesehn haben, um was es sich handelt. Die definitive Sitzung ist auf nächsten Sonnabend über 8 Tage vertagt. In der Zwischenzeit ist Juch, mit den supplies1 dazu von einem deutschen Citykaufmann ausgerüstet, nach Coburg, um zu bewirken, daß der dortige Zentralausschuß des Nationalvereins den Zerffi (also implicite2 Kinkel) ausstößt. Es ist gottvoll, daß Gottfried das ganze liberale Bürgertum in der City durch seine Speichelleckerei vor den Engländern in fanatische Wut versetzt hat. – Auch von Bonn sind Briefe angelangt, worin dem Gottfried „mit Prügel" bei seiner Rückkehr gedroht wird. Das Geheimnis, warum Zerffi (der direkt wohl im Auftrag) und Gottfried für MacDonaldauftreten: Gottfried hat eine englische Anstellung als Vorleser bei dem Kensington Museum, der brave Zerffi bei einer Ashley (Shaftesbury) Institution. Die einzigen allies3 des Gottfried sind die Knoten der „unpolitischen" Gesang- und sonstiger Kneipvereine. Letztre hat Gottfried (wohl mit englischem Geld) in der letzten Woche massenhaft in den Nationalverein eingekauft. (Es kann nämlich jeder Mitglied des Sauvereins werden, der eine Karte bei Trübner löst, mit minimum contribution4 von 3 sh.) Ditto hat Gottfried eine Privatversammlung gehalten mit seinen Anhängern und Deputation an Heintzmann geschickt, der solle (wegen Verletzung von Gottfrieds Würde) freiwillig seine Präsidentenstelle niederlegen oder man werde einen Antrag zu diesem Zweck stellen. – By the by5 muß ich nicht vergessen, daß, als der Skandal im Gang war, mein Freund Rheinländer in den Verein trat (nach Verabredung mit mir) und ein halbhundert Mitglieder (meist Kommis) aus seinem Islington Gesangverein hineinbrachte, die den Hauptskandal gegen Gottfried erhoben. – Rheinländer sagt mir, daß die deutsche Citykaufmannschaft sich noch nie so fanatisch an einer politischen Sache beteiligt hat. Es wäre unbezahlbar, wenn Gottfried gezwungen würde, wegen Kriecherei gegen eine fremde Regierung aus dem Nationalverein auszutreten. Damit wäre seine Position beim deutschen middleclassgesindel am Ende, und was ist er ohne die? Gottfried fühlt, daß es sich hier für ihn um Stehn oder Fallen handelt, und ist daher in seiner Weise tätig. Was ihn noch besonders kränkt, daß er jetzt überall hört: „Das ,Volk' und ,Marx' hätten doch recht gegen ihn gehabt." Bei einem Bekannten des Druckers Hirschfeld äußerte er: „Die Schwefelbande stecke als unsichtbarer Leiter hinter der ganzen Geschichte." Ist es nicht schön, daß wir, die keinen Finger rühren, von unsern Feinden mit so mystischer „Tatkraft" ausgestattet werden?
Die zweite Einlage, die ich Dir schicke (und zurück bitte, da ich antworten muß) ist Brief von der Hatzfeldt. Ich werde mir die als Privatkorrespondent halten in Berlin, da sie ungleich mehr politischen Verstand (abgesehn von ihren guten resourcen6) hat als „der das systematische Prinzip seines Gehns in sich selbst tragende Schritt". (Lassalle, Band II, p.545.) (Apropos. Du und lupus habt doch das L[assalle]sche opus erhalten?) Um Dir zwei Passus in ihrem Brief aufzuklären, folgendes: In der Blanquiaffäre habe ich ihr einen Brief von Brüssel (von Denonville) zukommen lassen. Es handelt sich zunächst um Geld für den Druck eines von D[enonville] ausgehenden Pamphlets über den – infamen – Blanquiprozeß. (Debatten etc. und Räsonnement drüber.) Blanqui selbst hat durch D[enonville] sich bei mir und der parti prolétaire allemand (in partibus)7 für die Sympathie sehr warm bedanken lassen. Ich halte es für sehr gut, daß wir mit der entschieden revolutionären Partei in Frankreich wieder direkte Verbindungen haben.
Zweiter Punkt: In dem Brief an L[assalle], worin ich ihm ankündete, daß es mit der Zeitungfürs nächste nichts sei, habe ich, um die Pille zu versüßen, geschrieben, ich käme vielleicht doch den Winter nach Berlin.8
Die Beurteilung der Berliner offiziellen Demokratie durch die Hatzfeldt ist ganz richtig. Mit dem eigentlichen Volk kommt sie natürlich nicht zusammen und kennt natürlich auch den Ton in den Kneipen nicht, der besser ist.
Besten Dank für den Brief über Amerika.9 Sollte was Wichtiges vorfallen (militärisch), so schreibst Du mir wohl immer Deine Ansicht darüber. Nach dem Bild, das ich mir von General Scott – jetzt zudem 76 Jahre alt – aus dem mexikanischen Krieg(sieh Ripley) gemacht, erwarte ich die größten blunders10 von ihm, falls der alte Esel nicht von andern kontrolliert wird. Vor allem Langsamkeit und Entschlußlosigkeit. Übrigens sehe ich aus den in der „Tribune" mitgeteilten Tatsachen, daß der Norden jetzt offen von Sklavenkrieg und Vernichtung der Sklaverei spricht.
Lord Montagu brachte gestern, wie er schon vorher angekündigt, in dem Commons11 auf Anlaß der Schleswig-Holsteiner Affäre Palmerstons Londoner Protokoll (über die dänische Erbfolge) von 1850 vor etc. Der Alte12 griff zu seinem gewöhnlichen Mittel. Montagu hatte kaum mit seiner Rede begonnen, als ihm durch einen vorher angeordneten count out13 des Hauses ein Ende mit Schrecken gemacht wurde.
Ich habe Sonnabend 2 £ Steuern zu zahlen, und es ist mir lieb, wenn Du mir sie schickst. Anfang Juli bekomme ich wieder einiges Geld. Daß das Mitgebrachte schon zu Ende ist, wird Dich nicht wundern, da zu den Schulden, wegen der ich abreiste, nun beinahe noch 4 Monate – worin keine Einnahme – hinzukommen, die Schule nebst Doktor allein an 40 £ aufaßen.
Wie ist das mit dem L. Simon, worüber auch einiges am Schluß des Briefes der Hatzfeldt? War Simon in der Landwehr? Jedenfalls hast Du doch mehr gesündigt als Ludwig (der nirgendwo im Felde etc.). Ich verstehe die Sache nicht. Gruß an Lupus. –
Dein
K.M.