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Marx an Engels
in Manchester

[London] 27. Febr. 1861

Lieber Engels,

Morgen reise ich ab, jedoch mit einem nicht auf mich, sondern auf Bühring* ausgestellten Paß für Holland. Es machte enormen trouble1, sowohl das, wie so viel Geld aufzutreiben, daß ich überhaupt fort konnte. Ganz kleine Abschlagssumme an die dringendsten Gläubiger gezahlt; bei andern (z.B. grocer2) mich auf die amerikanische Krise bezogen und Ausstand erhalten, jedoch nur unter der Bedingung, daß meine Frau während meiner Abwesenheit wöchentlich zahlt. Außerdem hat sie nächste Woche Steuer von 2 £ 18 zu zahlen.

Notabene. Den Brief meiner Frau (about3 8 Tage alt), worin sie Dir für den Wein dankt, hast Du wohl erhalten? Sie ist etwas beunruhigt darüber, daß er vielleicht in falsche Hände gefallen. Auch die Kinder für den Wein sehr verpflichtet. Sie scheinen von väterlicher Seite trinklustig.

Ich gehe wahrscheinlich auch nach Berlin – ohne Paß, um zu sehn, ob die Geschichte mit einem Wochenblatt (Apropos. Wilhelm I. heißt zu Berlin „Der schöne Wilhelm") geht, und um mir überhaupt den Dreck anzusehn.

Sau-Blind hat in der letzten Nummer des „Hermann" einen Brief Mazzinis an ihn veröffentlicht. Dieser zudringliche Molch hat M[azzini] offenbar überredet, daß er der Repräsentant der deutschen Emigration. Er überschmeißt denselben „Hermann" mit Seichbeuteleien – patriotischen – über Schleswig-Holstein, richtet in derselben Angelegenheit Briefe mit seiner Namensunterschrift an den „Globe" usw. Hat durch Bronner – mit diesem und Schaible bildet er den „Verein für Freiheit und Einheit" – so viel Geld von einem Bradforder Kaufmann herausgepreßt, daß er ein kleines Saublättchen in Hamburg – „Nordstern" – stiften konnte, um sich wichtig zu machen im Norden, während er im Süden, durch Vermittlung Schaibles, sich als der „eiserne Blind" im Stuttgarter „Beobachter" (eine Art Süddeutsche Volkszeitung) verschreien läßt. Alle diese Tätigkeit entwickelt der Molch, um einerseits seine Schande in „Herr Vogt" zu überschreien, andererseits Hecker secundus4 zu werden. le pauvre hère5.

Die Kölner haben schön mit meiner Bibliothek gewirtschaftet. Den ganzen Fourier gestohlen, ditto Goethe, ditto Herder, ditto Voltaire und, was mir das Scheußlichste, die „Economistes du 18 siècle" (ganz neu, kosteten mir an 500 frs.) und viele Bände der griechischen Klassiker, viele einzelne Bände von andren Werken. Sollte ich nach Köln kommen, so werde ich mit Nationalvereinler Bürgers ein Wort darüber sprechen. Hegels „Phänomenologie" und „Logik" ditto.

Ich habe bei den vielen Saulaufereien in den letzten 14 Tagen – es gehörte wirklich Geschick dazu, um den gänzlichen Aufbruch des Hauses zu verhindern – gar keine Zeitungen gelesen, nicht einmal die „Tribune" über die American Crisis. Dagegen abends zur Erholung Appians römische Bürgerkriege im griechischen Originaltext. Sehr wertvolles Buch. Der Kerl ist Ägypter von Haus aus. Schlosser sagt, er habe „keine Seele", wahrscheinlich weil er in diesen Bürgerkriegen der materiellen Grundlage auf den Grund geht. Spartacus erscheint als der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat. Großer General (kein Garibaldi), nobler Charakter, real representative6 des antiken Proletariats. Pompejus reiner Scheißkerl; erst durch Eskamotage7 der Erfolge von Lucullus (gegen Mithridates), dann der Erfolge von Sertorius (Spanien) usw. als „young man"8 von Sulla usw. in falschen Ruf gekommen. Der römische Odilon Barrot als General. Sobald er Cäsar gegenüber zeigen soll, was an ihm – Lauskerl. Cäsar machte die allergrößten militärischen Fehler, absichtlich toll, um den Philister, der ihm gegenüberstand, zu dekontenancieren9. Ein ordinärer römischer General, etwa Crassus, würde ihn sechsmal während des Kampfes in Epirus vernichtet haben. Aber mit Pompejus war alles möglich. Shakespeare in seinem „Love's Labour Lost"10 scheint eine Ahnung davon gehabt zu haben, was P[ompejus] wirklich war.

Salut.
Dein K.M.

Ich schreibe Dir von Holland. Du weißt, ohne daß ich Dir es schreibe, wie dankbar ich Dir für die außerordentlichen Freundschaftsbeweise.