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Engels an Marx
in London

Manchester, 5. Okt. 1860

Lieber Mohr,

Inl. £ -5.-Note E/L 33 688 Manchester, 12. Jan. 60.

Ich hätte sie schon früher geschickt, aber Gumpert pumpte mich um zehn Pfund an, und da mußte ich ein paar Tage warten, um nicht durch viel auf einmal aufgenommenes Geld auffällig zu werden.

Was den Druck in London angeht, so ist es natürlich die Hauptsache, daß das Ding1 erscheint und rasch; aber Druck in Deutschland war vorzuziehen und war auch unbedingt zu erlangen. Petsch mag noch so sharp2 sein, ein deutscher Verleger, z. B. Meißner (der lange nicht der Biedermann ist, als den Du ihn Dir vorstellst, sieh nur seine Verlagskataloge an), hat ganz andre Macht, die conspiracy du silence3 zu brechen. Und keinesfalls konnte ich es als ein Glück ansehn, daß die Partei noch Kapital dabei investieren muß, was doch rar genug bei uns ist.

Titel – ich wiederhole Dir, und das ist auch ganz entschieden des Lupus' Ansicht, daß jedenfalls der Titel der unglücklichste ist, den man erst verstehn lernt, nachdem man das halbe Buch durchgelesen. Der Philister interessiert sich schon lange nicht mehr so sehr für Vogt, daß es ihn puzzlen4 sollte, warum Du ihn Dâ-Dâ nennst. Das einzige, was den Vogt interessant machen kann, ist sein Zusammenhang mit Bonaparte und Plon-Plon, und das mußt Du auf dem Titel betonen, um den Philister neugierig zu machen. Mit dem System of mockery and contempt5 bringst Du, was den Titel betrifft, schwerlich etwas andres als einen affektierten oder gesuchten Titel heraus. Der einfachste Titel ist sicher der beste; die mockery and contempt kommt im Buch schon früh genug.

Père6 Garibaldi hat also doch wieder die Neapolitaner geklopft und 2000 Gefangne gemacht. Der Eindruck des Kerls auf die Truppen muß fabelhaft sein. Sehr gut, daß Türr und die Theorie Rüstows sich blamiert haben. Der letztere hätte sich sonst unbedingt in den Kopf gesetzt, deutscher Garib[aldi] werden zu wollen; bei den Bourgeoisrepublikanern konnte der Kerl gefährlich werden. Mit Bombalino7 wird's jetzt wohl bald aus sein; die Truppen werden bald nichts mehr zu fressen haben und auseinanderlaufen, der kleine Bezirk kann sie nicht ernähren. Weiter ist über diese Geschichte vorderhand nichts zu sagen. Übrigens ist nicht zu leugnen, daß der rè galantuomo8 mit viel pluck9 sein Spiel spielt, wenn er jetzt nach Neapel geht.

Der Sukzeß10 von meinem Rifle-Artikel11 war nicht so ganz von selbst. Ich schickte das Blättchen stark rot angestrichen an die Haupt-Londoner und hiesigen Lokalblätter und schrieb ihnen etwa folgendes: The Correspondent, for England, of the „A[llgemeine] M[ilitär]-Z[eitung]" presents his compliments to the Editor of the ... and begs to call his attention to an article of his in the „V[olunteer] J[ournal]" (a copy of which is sent by post) on the Newton review. As this is the first professional opinion of a foreign military paper on the voluntary movement, it may be of interest.12 – Natürlich ganz anonym. An die „Times" hatte ich nicht geschrieben, sie brachte aber doch einen Auszug.

Siebel hat ein Porträt seiner Braut13 hergeschickt, sehr schön, Marie Antoinette mit ganz geringer Hinneigung zur keuschen Eugénie, dabei aber sehr männlich – she will wear the breeches14. Er wird sich noch über das „vernünftige Wesen" wundern. Madame la baronne15, ihre Mutter, war eine Putzmacherin – Ladengehülfin in Düsseldorf und soll noch sehr häufig im Biergarten von Küpper nachmittags ihre 3–4 Seidel vertilgen. So erzählt das Philisterium.

Nach den neuesten Nachrichten ist Garibaldi Enkel oder Urenkel des Dr. Jos. Bapt. Maria Garibaldi aus Ajaccio, der, von König Theodor Neuhof nach Deutschland geschickt, sich dort mit Fräulein Katharina von Neuhof in Westfalen verheiratete und nach dem Sturz seines Schwagers in Nizza niederließ. In dem Gesicht ist wirklich ein westfälischer Zug. Ewerbeck und Willich sind jeder in seiner Art Karikaturen von G[aribaldi].

Im ersten Heft des dritten Jahrgangs von Kolatscheks deutscher Monatsschrift soll ein sehr heftiger Artikel gegen Vogt sein.

Grüße die family herzlich.

Dein
F. E.