[London] 31. Jan. 1860
Lieber Engels,
Deinen Artikel1 erhalten. Sehr gut.
Einliegend Brief von Lassalle, der gestern ankam und dem ich sofort kurz antwortete2. Ohne ein Pamphlet, das wir zusammen machen müssen, kommen wir nicht aus der Sache heraus. Ich habe unterderhand auch an Fischel in Berlin geschrieben, ob eine Verleumdungsklage gegen die „N[ational-]Z[eitung]" tubar. Vogts Schrift (sie ist bei keinem Londoner Buchhändler zu haben; er hat sie weder an Freiligrath, Kinkel, noch irgendeinen andern seiner hiesigen Bekannten geschickt. Wollte offenbar so einen Vorsprung gewinnen. Ich habe sie daher bestellen müssen) ist offenbar, soweit wir in Betracht kommen, ein De la Hodde-Chenusches Machwerk. Ich habe den zweiten Artikel der „Nat.-Z." gelesen, woraus ich sehe, daß er u.a. auch lupus (bezeichnet als Kasematten-Wolff, Parlaments-Wolff) im Jahre 1850 ein Zirkular an die hannöversche reaktionäre Zeitung schicken läßt. Er hat den ganzen Flüchtlingsklatschmist von 1850–52 wieder aufgewärmt. Der Jubel der bürgerlichen Presse ist natürlich grenzenlos, und der Eindruck auf das Publikum ist aus dem Ton des L[assalle]schen Briefs, den Du so gut bist, dem lupus mitzuteilen und dann aufzubewahren, sehr ersichtlich.
Freiligrath sah ich gestern einen Moment. Ich trat ihm sehr feierlich gegenüber (wenn er den geringsten Funken von Ehrgefühl noch hat, muß er eine Erklärung gegen Vogt machen), und unser ganzes entreview3 war dieses.
„Ich: Ich komme, um dich zu ersuchen, das Pamphlet über den A[ugsburger] A[llgemeinen] Z[eitungs]'-Prozeß, das ich vergebens bei allen Buchhändlern suchte, und das Dir Dein Freund Vogt sicher geschickt hat, mir zu leihen. F[reiligrath] (höchst melodramatisch): Vogt ist nicht mein Freund. Ich: Lassalle schreibt mir, ich müsse sofort antworten. Du hast also nicht das Pamphlet? F[reiligrath]: Nein. Ich: Guten Abend." (Er reichte mir die biedre Rechte, und westfälischer Händedruck.) Voilà tout.4
Von Juch (dem Eigentümer und jetzigen Redakteur des „Hermann", den ich durch den Prozeß des Eichhoff in Berlin, in der Stieberschen Affäre, kennenlernte) versicherte ich [mich], daß auch Kinkel keine Kopie von Vogt bis jetzt erhalten. Dieser Juch dagegen erhielt eine Masse Vogtsche Zuschriften gegen uns, die er nicht druckte. Ich muß diesen Kerl, der übrigens ganz ehrlich in seiner Art ist, einstweilen warmhalten. Da jetzt nur der „Hermann" in London erscheint, wäre es scheußlich gewesen, waffenlos der Vogtschen Bande hier auf unsrem eignen Terrain gegenüberzustehn.
Apropos! Infolge meiner ersten Zusammenkunft mit Juch hat Eichhoff, auf meinen Rat, Kumpan Hirsch, der in Hamburg wegen Fälschung sitzt, als Schutzzeuge vorgeladen. Infolgedessen wurde der Prozeß, der am 26. Januar vorkam (ich las die Sache im „Publicist"), von neuem vertagt, nach heftiger Debatte. Mit Hirsch ist jetzt Stieber am Ende.
Salut.
Dein
K.M.
Soeben zeigt Imandt mir an, daß Heise gestorben ist.