[London] 8ten Dezember [1857]
9, Grafton Terrace, Maitland Park,
Hampstead
Lieber Herr Schramm!
Wir haben so lange nichts von Ihnen gehört, daß wir uns alle sehr nach Nachrichten von Ihnen sehnen. Recht oft sprechen wir von Ihnen und bedauern nichts so sehr, als Ihnen die langen, einsamen Wintertage und Stunden nicht etwas verkürzen und erheitern zu können.
Wenn es Ihnen nicht zu lästig ist, so geben Sie uns mal ein Lebenszeichen. – Was haben Sie denn zu dem allgemeinen Kladderadatsch gesagt? Nicht wahr, an dem allgemeinen Krach und Zusammenrumpeln des alten Drecks hat man doch noch eine Freude. Hoffentlich haben sich Ihre Verwandten Ihnen gegenüber noch nicht hinter die Krise versteckt und verschlampt und Sie so noch nicht praktisch mitgelitten. Obgleich wir die amerikanische Krise an unserm Beutel sehr verspüren, indem Karl statt zweimal wöchentlich nur mehr einmal an die „Tribune“ schreibt, die allen europäischen Korrespondenten, außer Bayard Taylor und Karl, den Abschied gegeben, so können Sie sich doch wohl denken, wie high up1 der Mohr ist. Seine ganze frühere Arbeitsfähigkeit und Leichtigkeit ist wiedergekehrt sowie auch die Frische und Heiterkeit des Geistes, die seit Jahren gebrochen war, seit dem großen Leiden, dem Verlust unseres lieben Herzenskindes2, um das mein Herz ewig trauern wird. Karl arbeitet am Tage, um fürs tägliche Brot zu sorgen, nachts, um seine Ökonomiezur Vollendung zu bringen. Jetzt, wo diese Arbeit ein Bedürfnis der Zeit, eine Notwendigkeit geworden, wird sich doch auch wohl ein elender Buchhändler finden. Außer uns haben auch Lupus und Steffen schon direkt durch die Krise gelitten. Ersterer hat seine Hauptstunden verloren, da das Haus Bankerott gemacht, und letzterer konnte sich wegen der indischen Geschichtenicht länger in Brighton halten, da das Unterrichten der indischen Cadets3 plötzlich ein Ende nahm. Dazu hat noch seine Schwester ihr kleines Vermögen durch die Faillite4 eines Bankiers verloren. Der kleine Dronke hatte auf eigene Faust ein Geschäft in Glasgow begonnen. Ich glaube, daß die ganze Glasgower Zeitungspolemik gegen „die gewissenlosen Menschen, die ohne alles Kapital Geschäfte beginnen“, sich auf das kleine Männchen bezieht. Freiligrath sitzt einstweilen noch fest auf seinem diminutiv Crédit mobilier. Sollten aber die finstern Gerüchte über den Pariser Crédit mobilier, der täglich tiefer sinkt, sich verwirklichen, so wird er auch bald nachpurzeln und die Managerwirtschaft an den Nagel hängen müssen. Auf unseren gediegenen, würdigen Freund Liebknecht scheint die Krise noch keinen tiefen Eindruck gemacht zu haben, wenigstens n'a-t-elle pas encore frappé son physique5; er ist noch im vollen Besitz des wohlbekannten fatalen famosen, fabelhaften Hungers und der jungen Liebe zum rasher bacon6.
Engels schreibt gestern aus Manchester7:
Unter den Philistern hier wirkt die Krisis stark aufs Trinken, niemand kann es zu Hause allein mit der Familie und den Sorgen aushalten, die Klubs beleben sich, und die Konsumtion von Likör wächst stark. Je tiefer einer darin sitzt, desto gewaltsamer strebt er, sich aufzuheitern. Am nächsten Morgen ist er dann das schlagendste Exempel von moralischem und physischem Katzenjammer. In Manchester sind dieser Tage schon 8–9 Fabrikanten gepurzelt.
Nirgends sieht es aber so großartig aus als in Hamburg. So komplett und klassisch ist noch nie eine Panik gewesen. Das Haus Ulberg & Cramer, die mit Schulden von 1200000 Mark Banko falliert sind (worunter 7 Millionen Wechsel auf sie!), hatten ein Kapital von nicht mehr als 300 000 Mark!! Alles ist dort jetzt wertlos, absolut wertlos außer Silber und Gold. Christian Matthias Schröder fallierte auch vorige Woche. Der J.H.Schröder Com. in London telegraphierte, wenn 2 Millionen M. hinreichend wären, wolle er das Silber dafür schicken. Antwort: 3 Millionen oder gar nichts, die 3 Millionen konnte er nicht missen und der Christian Matthias flog. Das große amerikanische Haus, das neulich nach zweitägiger Unterhandlung von der Bank von England eine Million vorgeschossen erhielt und sich dadurch rettete, war der Mr. Peabody. Bei diesem 4ten July-anniversary-Dinner-man fällt mir der Lümmel Heinzen ein. Obgleich sein „Pionier“ (trotz der Mitarbeiterschaft des größten revolutionären Staatsmanns, des Studiosen Karl Blind) durch die Krise zur Hälfte zusammengeschrumpelt ist, so erklärt der Rüpel doch immer noch, „Krisen seien nur Marxsche Erfindungen und Hirngespinste“. Bei diesem Kommunistenfresser fällt mir der rote Becker wieder ein, der jetzt freigekommen ist und so müssen Sie, lieber Herr Schramm, denn nolens volens die Riesensprünge übers Weltmeer mit mir machen und sich von Europa nach Amerika und wieder zurückführen lassen, da wir mit dem roten Becker nun mal wieder im lieben Vaterland, dem Veilchen, das diesmal auch nicht mit einem blauen Auge davonkommen wird, ja gar im lieben Köln angelangt sind, so muß ich Ihnen doch noch etwas von unserem alten Freund Mevissen und seiner Familie erzählen. Der alte Leiden hat 2 Kinder ganz vor kurzem an der Schwindsucht verloren, darauf Frau Mevissen, und ein Sohn kam auf dem „Pacifique“, das unterging, um.
Sie können sich denken, was die Demokraten jetzt alle verbrummt und vermummt sind. Hat doch das alte politische Gesalbader und Gekannegießer ein Ende, seitdem diese sehr verhaßte Messer- und Gabelfrage wieder aufgekommen ist und die Fürschten und Tyranne nicht mehr an allem schuld sind.
Doch nun hab' ich Ihnen so viel vorgeschwatzt, daß es Zeit ist, daß ich Ihnen Adieu sage. Seien Sie von mir und den Mädchen, die so lieb und herzig sind und nett heranwachsen, aufs herzlichste gegrüßt.
Ihre
Jenny Marx
Apropos. Wir haben die Photographien von Freiligrath und Engels. Wenn es Ihnen nicht zu lästig ist, lassen Sie uns auch eine von sich machen. Karl hätte so gerne seine besten Freunde im Bilde um sich.