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Engels an Jenny Marx
in London

Manchester, 22. Dezbr. 1859

Liebe Frau Marx,

Ich bin heute abend so frei, Ihnen ein Dutzend Flaschen Wein für die Feiertage zu schicken, und hoffe, daß sie Ihnen schmecken und zur Aufheiterung der family beitragen werden.

Der Champagner und Bordeaux (Château d’Arcins) wird gleich trinkbar sein, der Portwein wird dagegen etwas ruhen müssen und erst gegen Neujahr in Kondition kommen.

Über die Freiligrätherei1 hab’ ich hier meinen redlichen Ärger gehabt. Es ist doch stets dieselbe alte Geschichte mit diesem Belletristenpack, immer wollen sie in den Blättern beweihräucht sein, immer ihren Namen vor dem Publikum haben, und das lumpigste Verschen, das sie fabrizieren, ist ihnen wichtiger als das kolossalste historische Ereignis. Da dies alles ohne Koterieorganisation nicht zustande zu bringen ist, versteht es sich, daß diese zum ersten Bedürfnis wird, und leider Gottes sind wir unglücklichen Kommunisten dazu ganz unbrauchbar, noch schlimmer, wir kennen diesen ganzen Schwindel, verhöhnen diese Organisation du succès2 und haben selbst eine fast verbrecherische Abneigung dagegen, populäre Charaktere zu werden. Nun zeugt es zwar von großer Borniertheit, wenn ein solcher Poet sich deswegen bei einer solchen Partei unbehaglich fühlt, denn hier hat er absolut keine Konkurrenz, die ihm überall anderswo sicher ist -- und von noch größerer Borniertheit zeugt es, wenn er sich einer Sorte in die Arme wirft, wo ihm die Konkurrenz Kinkel schon von vornherein entgegensteht. Mais que voulez-vous?3 Der Dichter braucht zu seiner Existenz Weihrauch, sehr viel Weihrauch, und die Frau Dichter konsumiert noch mehr. Konkurrenz oder keine, die Frau Dichter wird immer für die Seite schwärmen, wo ihr edler genialer Ferdinand, sie selbst, ihre interessanten Sprößlinge, ihre Katzen, Hunde, Kaninchen, Kanarienvögel und andres Ungeziefer täglich dem Publikum vorgeführt wird, und zwar begossen von bengalischem Feuer, Sentimentalität und romantischen Lügen. Und was Frau Dichter will, wird Herr Dichter auch wohl wollen müssen, um so mehr, als Madame ihm ja so recht aus tiefster Seele spricht. „Das Volk“, indeed4! Da ist doch die „Gartenlaube“ ein ganz andres Blatt und der schmierige Bettziech ein ganz andrer Mann als die Kommunisten. In der „Gartenlaube“ werden wir doch noch als eine Poetenfamilie behandelt, und man spricht alle acht Tage von uns, und der krumme Bettziech läßt keine Gelegenheit vorübergehn, uns ein Komplimentchen oder eine Reklame hineinzusetzen. – Freilich, der Kinkel wird für seine Poesie, die doch weit unter der unsern steht, viel mehr gelobt, und es stehn auch viel mehr Anekdoten von ihm drin, aber der Mann ist auch des Bettziech Brotherr, und mit der Zeit wird sich das schon machen. Und dann das Schillerfest! Diese Kommunisten verachten und verhöhnen ja Schiller, wie kann man mit denen ein Schillerfest halten. Das Schillerfest ist aber wichtiger als die ganze übrige Weltgeschichte, und wozu wäre Schiller denn vor 100 Jahren geboren worden, als daß wir heute eine Kantate über ihn machen?5

Nun kommt noch dazu, daß der edle Ferdinand mit seiner Poesie seit Jahren ziemlich auf dem Trocken sitzt und das Wenige, was er noch aus dem Hirnkasten herauspreßt, schmählich schlecht ist. Da müssen denn dodges6 gemacht werden mit Gesamtausgaben usw., und das geht auch nicht alle Tage. Also damit man nicht vergessen wird, ist die Reklame ein täglich größeres Bedürfnis. In fact, wer sprach von Freiligrath von 1849 bis 1858? Niemand. Erst Bettziech hat diesen Klassiker wieder entdeckt, der schon so verschollen war, daß er nur noch zu Weihnachts- und Geburtstagsgeschenken benutzt wurde, und schon in der Literaturgeschichte, nicht mehr in der Literatur figurierte. Alles das hat natürlich niemand anders verschuldet als Karl Marx mit seinem „Anhauchen“. Wenn aber der F.F. einmal von dem Weihrauch der Gartenlaube wird wieder durchwärmt sein, dann sollt ihr sehn, was er wieder für Dichtung sprudelt!

Was ist das doch eine kleinliche, lumpige, miserable Wirtschaft mit diesen Poeten. Da lob’ ich mir doch den Siebel, der zwar ein grundschlechter Poet ist, aber der auch weiß, daß er durch und durch ein Humbug ist und nur verlangt, man soll ihm das Reklamehandwerk als ein heutzutage nötiges procédé7 erlauben, indem er ohne dies gar nichts wäre.

Lassen Sie sich nur all diesen Krakeel nicht zu sehr zu Herzen gehn. Der „Charakter“ Freiligrath wird sich schon solche Blößen geben, daß man ihn im rechten Moment fassen kann. Vorderhand womöglich kein Bruch.

Es tut mir sehr leid, Freitag nicht herüberkommen zu können, aber hier gehn solche Veränderungen vor, daß ich gestern u. a. bis 9³/₄ abends schanzen mußte und daß an ein Wegkommen nicht zu denken. Grüßen Sie also den Mohr und die young ladies8 herzlichst von Ihrem

F. Engels