1859

22
Engels an Ferdinand Freiligrath
in London
(Entwurf)

Manchester, 25. Jan. 59

Lieber Freiligrath,

Der verfluchte Junge, der gestern die Post Office Order1 besorgen sollte, verbummelte diese Zeit, und so kommen die 22 sh. erst heute. Meinen besten Dank für Mühe und Auslagen.

Was die „Neueste Rh[einische] Z[ei]t[un]g“ betrifft2, so ist die besorgt und aufgehoben, das hat gute Wege. Wir haben in der Zwischenzeit viel gelernt und nichts vergessen, und das ist mehr als die andern sagen können. Dies letztere kannst Du aus nichts besser sehn als aus dem eben von Dir als den Johannes den Täufer der „Rh[einischen] Z[eitung]“ genannten „Hermann“ (offenbar ein Druckfehler für „Gottfried“, denn sonst hat der Titel keinen Sinn). Seit langem habe ich keinen so faden, säuselnden, nach allen Seiten hin komplimentierenden, schwanzwedelnden, versöhnungs- und verzeihungssüchtigen, schändlich schlecht geschriebnen und nach Stil und Inhalt einzig für das Camberweller und deutsche City-Philisterium berechneten und ihm sich akkommodierenden Kohl gelesen als dies neueste Produkt des falschen Edlen weiland „Maikäfers“. Dieser Mensch hat sogar das bißchen vergessen, was ihm 1848 angeflogen war, und ist jetzt reiner bürgerlicher Seichbeutel geworden. Da Du mich übrigens auf diesen heitern Kunden, der jetzt seinen „Schmerz“ herumhausiert, gebracht hast3, so will ich Dir nicht verhehlen, daß ich neulich von diversen Philistern interpelliert wurde, wie das sei, daß Du mit Monsieur Kinkel einen solchen Freundschaftsbund geschlossen. Du begreifst, daß ich trotz der Übertreibung in einiger Verlegenheit war, ich schob natürlich vieles auf die gemeine Übertreibung, mit der Kinkel und Clique ein einfaches Zusammentreffen mit Dir in allen Zeitungen als eine – gegen uns gerichtete – Offensiv- und Defensiv-Allianz ausposaunte, und leugnete das Faktum rundweg; was persönlichen sozialen Umgang mit dem Biedermann anging, so half ich mir mit schlechten Witzen, z. B. daß die Poeten in einer eignen Welt lebten, daß Kinkel bloß dadurch für einen Poeten passieren könne, wenn er sich auf Umgang mit Dir beziehen könne usw. Genug, trotzdem, daß ich ein schlechter Diplomat bin, gelang es mir, die Position der Partei hinreichend zu decken. Dabei kam denn zuletzt heraus, daß eins von den Judenmenschern, die den sanften Gottfried bei seiner letzten Anwesenheit hier protegierten, folgendes gesagt haben sollte: ja, der Kinkel, der schlechte Mensch soll noch einmal wieder nach Manchester kommen – er hat in London ein Mädchen aus anständiger Familie verführt und hält sie als Mätresse, und das ist der Grund, warum seine Frau aus4