Manchester, 14. April 1858
Liebe Frau Marx,
Ich hoffe, der Mohr ist endlich auf der Besserung und wird bald wieder flott an der Ökonomie arbeiten können. Ich habe auch vorige Woche an Zahnschmerzen laboriert, die mich seit Sonntag verlassen hatten, heute abend aber mit wachsender Heftigkeit zurückgekommen sind, grade als ich mich zurechtmachte, über die Eroberung von Lakhnau einiges Präliminäre für die „Tribune“ zurechtzustutzen.1 Ob es mir unter diesen Umständen gelingt, ist sehr zweifelhaft. Jedenfalls werde ich aber suchen, heute abend die Sache zu studieren und womöglich morgen Mittag auf dem Comptoir einiges zusammenschreiben, wenn’s auch nicht viel wird. Gut wäre es aber, wenn der Mohr auf alle Fälle ein sujet in petto hätte, um für den äußersten Notfall den Leuten etwas liefern zu können.
Das Arbeiten abends greift mich noch immer sehr an, und wenn ich es lange fortsetze oder zwei Abende hintereinander, so tritt große Aufregung und Schlaflosigkeit ein; besonders, wenn ich den Tag über mit Schreiberei viel zu tun hatte. Auch bin ich abends sehr dumm und schlaff, bis mich gewaltsame Konzentrierung auf einen Gegenstand aufregt. Mein Gedächtnis ist im ganzen besser, doch kommt es mir noch alle Tage vor, daß ich Sachen, die ich tags vorher getan oder gehört, so total vergesse, als ob sie nie geschehen, und erst nach Erinnerung an die einzelnen Details sie mir wieder einfallen. Körperlich bin ich sonst wieder stark und gesund und kann Strapazen und – sauf le tooth ache2 – auch alle Arten Wetter aushalten.
Lupus hinkt noch immer sehr stark und muß in einer Woche mehr für Cabs3 ausgeben als sonst in einem Jahre. Es geht ihm aber sichtlich besser, und in 8 Tagen wird er wohl wieder einigermaßen das Marschieren aushalten können. Er läßt Sie alle herzlich grüßen.
Wie gefällt Ihnen der Prozeß Bernard? Die französischen Mouchards und ihr würdiger Confrère4 Mr. Rogers nehmen sich gut aus. In der „Morning Post“ stand gestern eine nette Beschreibung der Physiognomie des Prozesses. Der Chevalier Estien war sehr gut geschildert.
Heute schickt mir dear5 Harney wieder 3 „Independents“, woraus hervorgeht, daß sein Erbfeind, der Seigneur Godfrey, ihm einen zweiten Preßprozeß angehangen hat. Der Mann wird sich bald ebenso grauß vorkommen wie der grauße Lassalle.
„Our faithful ally“6 drückt jetzt wie ein Alp auf den englischen Commerce. Niemand will spekulieren oder mehr als von der Hand in den Mund kaufen, weil das ganze Philisterium Krieg, Revolution oder noch wildere Sachen in Frankreich erwartet.
Grüßen Sie die Mädchen und den Mohr herzlich.
Treulichst Ihr
F. Engels