224
Engels an Marx
in London

Manchester, 25. Juli 59

Lieber Mohr,

An Duncker ist geschrieben. Auch wegen der bis jetzt gänzlich mangelnden Anzeige Deines Buchs in der A[ugsburger] „A[llgemeinen] Z[eitung]" und „Köln[ischen] Zeitung". Diese Woche kann ich den Artikel über das letztere keinesfalls machen, das ist eine Arbeit, und dazu hätte ich etwas eher notice1 haben müssen. Außerdem hab' ich den militärischen Artikel2 angefangen und will ihn rasch abmachen. Für nächste Woche dagegen verpflichte ich mich, den Artikel zu machen.

In meinem vorigen Artikel2 ist mir einiger Unsinn hineinredigiert. Ich sagte, das 5. Korps auf dem Marsch von Pavia strengte seine Kräfte am 3. und 4.3 so an, daß auch die durch den Halt verlorenen 41/2 Stunden, wären sie benutzt worden, kein größeres Resultat herbeigeführt und das Korps nicht merklich früher aufs Schlachtfeld geführt hätten. Im Druck heißt es, der Halt allein hätte ihm diese Anstrengung möglich gemacht, was 1. das Gegenteil und 2. Unsinn ist. Erstens waren die Truppen um 6 Uhr morgens des 3. gar nicht ermüdet, da sie eben erst aufbrachen, der Halt konnte ihnen also nicht nützen, und zweitens nahm ihnen der Halt die kühlen Morgenstunden weg und zwang sie, in der größten Mittagshitze zu marschieren. Für jeden Militär ist der Satz, wie er dasteht, höchst blamabel. Übrigens, was nützen mir alle Stilverschönerungen, solange mir vermittelst Druckfehlern der kolossalste Blödsinn hineingesetzt wird, z. B. Rest statt: Stoß! und dergleichen. Meine Artikel zeichnen sich besonders durch solchen Blödsinn aus, der Rest ist ganz leidlich korrigiert.

Wie kannst Du übrigens zugeben, daß das Lausegedicht von Herwegh hineingesetzt wird!

Quanto al danaro4, so kommt Dr[onke] in 14 Tagen wieder her (d. h. jetzt in ca. 10 Tagen), ich muß also alles bis dahin aufschieben. Von Lupus hör' ich auch nichts. Woher in der Zwischenzeit Geld auftreiben, ist schwer zu sagen. Bei Heckscher versuch' ich's, ich habe aber jetzt alle Hände voll zu tun, der Artikel über Dein Buch nimmt mir sehr viel Zeit weg. Wenn der Strohn nur da wäre! Gumpert liegt krank zu Haus, Kehlkopfentzündung, ist stumm. Indes ich will sehn; wenn irgend möglich, muß Heckscher diese Woche das Blatt am Leben halten. Den Filz Freiligrath sollte man aber doch zwingen zu blechen.

Es ist heiter, daß Du bei Herrn Liebknecht auch solch ein hübsches Urteil erzielst. Das sind die wahren Leute. Die Herren sind so daran gewöhnt, daß wir für sie denken, daß sie auch immer und überall die Sachen nicht nur auf dem Präsentierteller, sondern auch fertig gekäut und im kleinsten Umfang nicht nur die Quintessenz, sondern auch die Detailausführung ready cooked and dried5 haben wollen. Wunder soll man tun, ni plus ni moins6. Was verlangt denn solch ein Esel eigentlich? Als wenn er sich nicht schon aus den ersten 3 Zeilen der Vorrede abklariere könnte, daß auf dies erste Heft noch mindestens 15 folgen müssen, ehe er an die Schlußresultate kommt. Natürlich sind die Lösungen der kitzligen Geldfragen etc. reiner Dreck für Liebknecht, da diese Fragen gar nicht für ihn existieren. Aber das sollte man doch wenigstens verlangen, daß ein solches Rindvieh sich wenigstens diejenigen Pointen merkt, die ihm in sein bißchen Kram passen. Indessen was versteht die Kuh vom Sonntag.

Das russische Aktenstück sollte nicht in so kleinen bits7 abgedruckt werden, da versteht kein Mensch den Zusammenhang. Herrn Petersens Lukubrationen werden auch mit der Zeit langweilig. Indes freilich letzte Woche war Holland in Not.

Die Reden des Herrn Bonap[arte] werden immer komischer. Die vor dem diplomatischen Korps ist gar zu heiter. Dabei hat sich der Kerl stets an den Degen gegriffen! Der Narr scheint sich jetzt aber auch ganz ernsthaft der Welt als der „Alte"8 aufdrängen zu wollen, wenigstens was die dehors9 angeht.

Kossuth hatte verbreiten lassen, er wäre nach Lussin-piccolo abgereist gewesen!

Viele Grüße.

Dein
F. E.