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Marx an Engels
in Manchester

[London] 22. Juli 1859

Lieber Engels,

Die 3 £ erhalten. Gleich weggezahlt davon 2 £ an Hollinger, 15 sh. an Leßner. Die auswärtigen Abonnements wachsen (jetzt schon 60), sind aber erst zahlbar Ende des Quartals und verursachen jede Woche Auslage in stamps1. Ich habe mich jetzt überzeugt, 1. daß eine Schuld von about2 7 £ existierte, von der ich nicht unterrichtet ward vor meiner Abreise nach Manchester; 2. daß die Annoncen (statt 5 Pfund sind about 20 sh. eingegangen) und die abonnements in London von Herrn Scherzer, den ich fortgejagt, auf reinen Privatmogeleien beruhten. Bei ordentlichem management3, was jetzt begonnen hat, dessen Resultate aber erst in Wochen einwirken können, ist das Blättchen bloß durch die Annoncen zu halten. Da mehr Geld unmittelbar nötig ist, schreib an Dronke. Wenn Du dem Männchen sagst, daß das Blatt bloß durch Parteiopfer einstweilen existiert, und wir daher von allen Parteimitgliedern Opfer verlangen, so kann er den Brief, wenn er will, drucken lassen. Ich bin überzeugt, daß in 6 Wochen die Sache gesichert ist. Es kann jetzt aber nicht die Rede davon sein, sie aufzugeben, nachdem Gagern et Co., kurz, die ganze 1848er Bande, wieder auf die Bühne tritt. Thimm hat uns aufgefordert, ihn als Manchester Expedienten im Blatt zu nennen. Ich konnte diese Woche meiner Absicht nicht nachkommen, weil, infolge der Hitze, eine Art Cholera mich überkam. Ich brach von morgens bis abends. Heute wieder schreibfähig, habe ich a glorious vindication4 Deines Militärartikels5, gestützt auf Fr[anz] Josephs und Bonapartes Manifeste, in der „Tribune“ geschrieben6. Das Blatt war so eingeschüchtert, daß es eine Zeitlang alle Deine Artikel unterdrückte. Blind hatte intrigiert während meiner Abwesenheit, um das „Volk“ in seine Hände zu spielen. Ich schrieb ihm einen saugroben Brief, worauf interview. Danach aber kann der Mann einstweilen nicht für Geld gepressed7 werden. Der Philister Freiligrath hat noch nicht einmal sein Abonnement bezahlt, obgleich zweimal getreten. Statt dessen hat er bei Herrn Juch die Schultern gezuckt über den „unwürdigen“ Ton des „Volks“, obgleich er bei uns darüber enchantiert ist. By and by we shall take our revenge upon these diplomatical fellows.8

Du hast vergessen, mir zu schreiben, ob Du eine Notiz über meine Schrift machen willst. Der Jubel unter den Kerls ist hier sehr groß. Sie glauben, die Sache sei durchgefallen, weil sie nicht wissen, daß Duncker es bisher noch nicht einmal angezeigt. Im Falle Du etwas schreibst, wäre nicht zu vergessen, 1. daß der Proudhonismus in der Wurzel vernichtet ist, 2. daß gleich in der einfachsten Form, der der Ware, der spezifisch gesellschaftliche, keineswegs absolute Charakter der bürgerlichen Produktion analysiert ist. Herr Liebknecht hat dem Biskamp erklärt, daß „noch nie ein Buch ihn so enttäuscht hat“, und Biskamp selbst hat mir gesagt, er sehe nicht „à quoi bon9“. Ist lupus zurück?

In Deinem 2ten Artikel über den Krieg10 wirst Du sicher nicht vergessen, die Schwäche der Verfolgung nach dem Sieg zu betonen und das jämmerliche Gewinsel Bonapartes, weil er endlich an einen Punkt gekommen, wo Europa nicht, wie bisher, aus Furcht vor der Revolution ihm erlaubte, innerhalb bestimmter Grenzen den alten Napoleon zu spielen. Es wäre hierbei wichtig, auf den Feldzug von 1796–97 zurückzukommen, wo Frankreich nicht mit allen Mitteln in aller Ruhe für „a localised war11“ sich vorbereiten konnte, sondern mit ganz zerrütteten Finanzen jenseits des Rheins sowohl wie jenseits des Mincio und der Etsch zu kämpfen hatte. Bonaparte beklagt sich in der Tat, daß seine „succès d'estime12“ ihm nicht länger gegönnt waren.

Salut.

Dein
K.M.

Ist nichts von Heckscher auszupressen?
Hast Du an Duncker geschrieben?
Fordre den Dronke auch auf mitzuschreiben.