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Marx an Engels
in Manchester

8.1 August 1858
9, Grafton Terrace, Maitland Park,
Haverstock Hill, London

Lieber Engels,

Die Verzögerung des Schreibens an Dich kam daher, daß erst gestern die Sache definitiv, und zwar affirmativ entschieden wurde. Ich saß xmal nieder, um Dir zu schreiben; dann kam wieder ein Brief aus der City, daß es nichts sei und die Transaktion wieder mit somebody else2 versucht werden müsse. Ich wollte Dir aber etwas Bestimmtes one way or the other3 mitteilen. Freiligrath, nachdem er mit 6 verschiedenen usurers4 transigiert und die Kerle immer im entscheidenden Moment, gegen ihr Versprechen, abtrünnig fand, hat den Wechsel zuletzt bei seinem eignen Schneider eskomptiert, nachdem er als Kollateralbürge eingetreten. Er hatte schon, ab initio5, ihn zahlbar an seiner eignen Bank gemacht. Der Alte hat sich sehr viel Mühe in der Sache gegeben und selbst einige mit seiner „geschäftlichen“ Position nicht ganz vereinbare Schritte getan. Schreibst Du ihm also einmal gelegentlich, so pat6 ihn ein wenig auf die Schultern, eine Operation, gegen die er nicht ganz unempfänglich ist. Der Wechsel ist bei F[reiligrath] selbst deponiert. Der Schneider erklärt sich bereit, unter allen Umständen den Wechsel zu erneuern. Er würde es aber vorziehn, wenn er 20 £ im November erhielte und so einen neuen Wechsel nur für die restierenden 20 £ bis Januar auszustellen hätte. (Ich hatte nach Empfang Deines Briefs F[reiligrath] sofort mitgeteilt, daß es mit der Sache nur gehe unter der Sicherheit der Erneuerung.)

Ich habe zu meinem Schrecken aus Deinem Brief gesehn, daß Du wieder krank bist, und es war mir um so peinlicher, Dich unter den Umständen annoyed7 zu haben. Ich bitte Dich umgehend, über Deinen Gesundheitszustand selbst zu schreiben oder den Dr. Gumpert zum Schreiben zu veranlassen.

Nach Empfang des Geldes zahlte ich sofort soviel wie möglich ab und schickte gestern noch meine Frau nach Ramsgate, da kein Tag Aufschub zulässig. Sie ist wirklich außerordentlich leidend. Ist das Ramsgate nicht zu teuer und kann sie daher einige Wochen Seebad brauchen, so denke ich, wird alles bald wieder right8 sein. Meanwhile9 werde ich sehn, was mit meiner Mutter10 aufzustellen. Es ist ein sehr kitzliger Punkt, wie ich der Alten antworten soll wegen meines Verhältnisses zu Preußen. Es ist möglich, daß sie ihr Geld herausrückt, wenn sie glaubt, meine Erbschaft sei von Obrigkeit wegen bedroht. Es ist aber auch möglich, daß sie – da sie mir ihr Testament zu machen scheint – dann alles unter die Obhut des Holländers11 stellt, was mir keineswegs zusagt. Que faire dans cette situation?12 Sie schreibt, ihre Stunden seien gezählt. Ich halte das aber für Redensart. Sie wollte wahrscheinlich von mir nach London eingeladen sein, und ich hätte das positiv getan, aber grade jetzt brauche ich meine Zeit. Während der letzten 2 Monate konnte ich kaum arbeiten, und die Sache mit dem Duncker wird dringend.

An die „Tribune“ habe ich in der letzten Zeit viel geschrieben, um mein Konto etwas in die Höhe zu treiben, aber der Stoff geht verdammt aus. Indien ist nicht mein Departement. Über Cherbourg hätte ich allerlei politische Witze machen können; doch bin ich militärisch zu unwissend, um der Sache einen fond zu geben. Mir, das ist aber ein ganz subjektives Urteil, vielleicht bloß Vorurteil, scheint Cherbourg ein bloßer dodge13, wie alle Großtaten von Boustrapa, bloßer sleight of hand14. Wenigstens hatte der „Moniteur“ selbst einige fatale Andeutungen, daß die militärischen Autoritäten den Punkt keineswegs für glücklich gewählt halten und eine Masse Detaileinwürfe gegen die Anlage der Werke selbst gemacht haben. Außerdem ist er far from being finished15 und stellt in seinem jetzigen Zustand vielmehr etwas vor, das sein soll, als das ist. Das einzige, was ganz fertig ist, ist die große Reiterstatue von Nap[oleon]. In Zentralindien scheint mir die Sache mit dem Fall von Gwalior abgemacht. Die indischen Blätter sind alle sehr feindselig gegen Campbell und machen seine „Taktik“ herunter.

Einliegend ein Brief von Lassalle. Ephraim Gescheit ist ein kurioser Kerl. Während er von mir an immense deal of discretion16 verlangt und unendlich geheimnisvoll tut, erscheint die ganze Schmiere, im wesentlichen, in der „Kölner Zeitung“. Etwas lächerlich Renommistisches geht durch die Briefe des Manns. „Da richtete ich etc. ein schneidend scharfes Memoire etc.“ „Ich setzte Böckh und Humboldt in Bewegung.“ Humboldt schrieb „einen fulminanten Brief“. „Ich selbst hatte eine äußerst rein deutsch geschriebne Immediatbeschwerde an den Prinzen17.“ „Wahrhaft foudroyante18 Anklagen gegen den Minister19.“ „Dringende Bitte.“ „Ganz konfidentiell.“ „Meine größte Pistole.“ „Rettungslos.“ „Tiefste Verschwiegenheit und Diskretion.“ „Wenn das nicht gut für die Wandläus ist etc.“

Unser Bürgers wird jetzt bald aus dem Gefängnis kommen. Seine Hauptidee scheint zu sein, Vaterstelle bei den Kindern von Daniels zu vertreten und zu dem Behuf zunächst die Begattungsstelle bei Frau D[aniels] zu übernehmen. Letztre hat aber an Lina20 geschrieben, daß B[ürgers] nicht mit ihrem Mann zu vergleichen sei.

Apropos. Es wird den lupum interessieren zu hören, daß Jennychen the first general prize in the first class21 (in diesem Preis auch der für Englisch einbegriffen) erhalten hat und Laurachen den Akzessit. Sie sind die 2 Jüngsten in der Klasse. Jennychen hat außerdem den französischen Preis erhalten.

Salut. Ich hoffe, gute Nachrichten von Deinem state of health22 zu hören.

Dein
K.M.

Der „Telegraph“ (einliegend) muß auch aufgehoben werden.