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Engels an Marx
in London

Manchester, 9. April 1858

Lieber Mohr,

Das Studium Deines abstract1 des ersten halben Heftes hat mich sehr beschäftigt, it is a very abstract abstract indeed2, wie bei der Kürze nicht anders zu vermeiden, und ich muß die dialektischen Übergänge oft mit Mühe suchen, da all abstract reasoning3 mir sehr fremd geworden ist. Dies Arrangement des Ganzen in den 6 Büchern könnte gar nicht besser sein und gefällt mir ausnehmend, obwohl ich den dialektischen Übergang vom Grundeigentum auf die Lohnarbeit noch nicht klar sehe. Auch die Entwicklung der Geldgeschichte ist sehr fein, mit einzelnem bin ich auch hier noch nicht im reinen, da ich mir oft die historische Unterlage erst zusammensuchen muß. Ich denke indes, sobald ich den Schluß des Kapitals im allgemeinen habe, so sehe ich den drift4 besser und werde Dir dann ausführlicher darüber schreiben. Der abstrakt dialektische Ton dieser Epitome verschwindet natürlich in der Ausarbeitung.

Gestern schickte ich Dir wieder 2 „Guardians“, es scheint, seit das Blatt auf 1 d. herabgesetzt ist, lassen die Kerle alle Unkosten als Korrespondenzen etc. reduzieren. Ihr Versuch, ein first-class provincial paper5 zu machen, scheiterte total. Daher die Magerkeit der auswärtigen Nachrichten und Seltenheit der Pariser Korrespondenzen. Die Geschichte mit Fould im gestrigen „Guardian“ ist nicht übel. Aber eine noch viel schönere ist der Bericht der Cotton Supply Association. Es ist famos, daß die Freetrader 10 Jahre nach Einführung des free-trade ihn selbst aufs direkteste verleugnen. Diese ganze Cotton Supply Association ist nichts als eine von den Freetradern selbst eingerichtete Institution, überall in der Welt, wo Boden und Klima nicht total unpassend sind, Baumwollenkultur im direkten Gegensatz mit dem ganzen free-trade zu forcieren durch Prämien, Vorschüsse, Geschenke von Samen, Pump von Maschinen etc. etc. Wenn der Staat so etwas tut, so ist’s vom Übel, wenn aber die Manchester Cotton spinners6, die den niggers, Beduinen etc. in Afrika doch noch viel fremder gegenüberstehn als ihr eigner König, dies tun, so ist’s all right7. Eine schönere Satire als diesen Bericht auf alle laissez-faire-Phrasen kann man gar nicht lesen. Sehr schön ist auch das Eingeständnis, daß die Einfuhr der englischen, aus amerikanischer Baumwolle gemachten Waren die Baumwollkultur fast aller übrigen Länder zerstört habe, und sie jetzt auf künstlichem Wege wieder produziert werden müsse! Diese elenden Engländer sehen in ihrem Baumwollspinn- und Webmonopol etwas Großartiges und Natürliches, dagegen kein Mensch etwas sagen kann; aber das durch denselben Weltmarkt hervorgebrachte Baumwollanbau-Monopol der United States muß selbst durch anti-free-trade-Maßregeln gebrochen werden! Das Ding sollte heißen: Association for enabling the single spinners to buy cotton in the dearest market, the collective spinners paying the producer the difference between the market value and his cost of production.8 Natürlich soll das nur so lange fortgehn, als bis die subventionierte Baumwollkultur auf eignen Füßen stehen kann; aber grade das will Monsieur List mit seinen Schutzzöllen ja auch! Das Ding könnte Dir vielleicht Stoff zu einem Artikel geben, da es die Yankees direkt interessiert und die „Trib[une]“ auch anti-free-trade ist.

Meine Prophezeiungen9, daß die Fluktuationen in Produkten durchaus vom Ost- und Westwind abhängen würden und daß mit Middling Orleans Cotton10 über 6 d. an kein regelmäßiges und flottes Geschäft zu denken ist, haben sich merkwürdig bestätigt. Was Baumwolle betrifft, so ist die Erfüllung der ersten Prophezeiung ersichtlich aus der beiliegenden Fortsetzung der Dir früher gesandten Tabelle11 über die Preise von Middling Orleans bis heute. Mit Zucker, Kaffee und Tee ging es ähnlich, nur daß die immer noch sehr starken Vorräte nicht die momentane starke Steigerung zuließen, die in Baumwolle beim schwachen Vorrat möglich war. Was die zweite Prophezeiung angeht, so ist noch immer ziemlich viel short time, strikes12 und Stillstand aus nicht lohnender Produktion, und da die Ernte 3000 M13 Ballen liefert, die volle Produktion jetzt aber mindestens 3500 M fordert (die übrigen Baumwollproduktionsländer im Verhältnis), so wird bis Ende dieses Jahres, selbst abgesehn von politischen Konvulsionen, die Baumwollindustrie in jedem Versuch, sich wieder zu heben, durch die steigenden Preise des Rohmaterials gehemmt werden, wie dies Ende Februar und Anfang März (siehe Tabelle) wirklich geschah. Die Preise werden im allgemeinen – wenn auch zunächst wohl noch ein Fall eintreten wird – steigen, aber begleitet vom check14 der Produktion in gleichem Maße wie die Steigerung. Dieses supposing that no row on the Continent15, der aber so gut wie gewiß ist.

In einer Woche, 19.–26. Februar, kamen nur 62 Ballen Baumwolle aller Art nach Liverpool! Sonst immer nach Tausenden.

Wie ist die Geschichte mit dem eingestandenen Verschwinden der 300 Millionen Franken? Ich erinnere mich nur, gelesen zu haben, daß Magne statt einen Überschuß von 40 Mill. ein Defizit macht – das Genaue aber weiß ich nicht. Diese Geschichte ist zu gut. Jetzt soll auch der „prince impérial“16 einen eignen Hofstaat und eine Dotation bekommen – Cash must be devilish scarce!17

Hoffentlich geht es Dir mit der Galle jetzt besser. Die Krisenaufregung ist offenbar daran schuld. Ich laboriere jetzt abends einige Male an Zahnschmerzen infolge des Wetters; das ist aber auch das Schlimmste.

Beste Grüße an Deine Frau und Kinder.

Dein
F.E.