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Marx an Engels
in Manchester

[London] Nov. 24. 1857

Dear Frederick,

Du mußt mich entschuldigen, daß ich weder den Empfang des Geldes, Artikels1, noch diverser Briefe angezeigt habe. Domestic affairs2 haben meine Zeit so mit Hin- und Herlaufen in Anspruch genommen, daß kaum die nötige Zeit zum Arbeiten blieb.

Die monetary panic3 in London hat einigermaßen subsided4 in den letzten Tagen, wird aber bald von neuem beginnen, wozu unter anderm Fould beitragen wird, der mit einem französischen Bankdirektor hier angelangt ist, um den Goldexport von England nach Frankreich zu regulieren. Die Suspension des Bankaktes selbst konnte natürlich nur so weit wirken, als sie das künstliche surplus des Panic’s abnahm, das der Akt geschaffen hat. Das banking department5 hätte sich den folgenden Tag insolvent erklären müssen, da der Reservefonds nur noch 400–500 000 £ betrug, während die Deposits – public6 und private – sich über 17 Millionen beliefen. Andrerseits war diese Gefahr rein durch den Akt selbst produziert, indem der Metallvorrat im issuing department7 nicht tief unter einem Drittel der issued Notes8 stand. Beschleunigt hat der Akt den Ausbruch der money panic9 und ihn dadurch vielleicht weniger intensiv gemacht. Indes wird andererseits das Pumpen der Bank zum Maximum von 10% (für firstrate papers10) eine Masse Transaktionen in Gang halten, die schließlich doch zu einem neuen crash11 treiben. Z. B. das Korn, Zucker etc., werden jetzt noch im Preise gehalten dadurch, daß ihre owners12 die für dieselben auf sie gezogenen Wechsel diskontieren, statt die Waren zu verkaufen. Da mir der Fall dieser Warenpreise unvermeidlich scheint, glaube ich, daß diese Kerls sich nur einen schweren Bankerott vorbereiten. Das war exactly the case May 184713. Was in London, im Unterschied von frühern Krisen, den sog. money-market14 noch einigermaßen hält, sind die joint-stockbanks15, die sich eigentlich erst in den letzten 10 Jahren entwickelt haben. Diese zahlen den Philistern, kleinen Rentiers etc. 1% weniger Zins, als die offizielle Zinsrate der Bank von England beträgt. Die Lockung von 9% ist zu groß, um ernsthaften Widerstand zu finden. So disponiert jetzt das Citygesindel in höherem Grad als je zuvor über die kleinen Kapitalien der Philister. Wenn nur eine dieser banks jetzt zusammenbräche, würde das Hallo allgemein. Es ist sehr bedauerlich daher, daß die Royal British Bank zu früh explodiert hat.

In Amerika scheint es fast sicher, daß die Protectionists16 obenauf kommen infolge der Krisis. Dies wird für die Herrn Engländer nachhaltiges Pech bewirken.

Ich weiß nicht, ob Steffen Dir schon mitgeteilt hat, daß er England verläßt. Seine Schwester hat nämlich ihr kleines Vermögen infolge der Krisis (Wie? weiß ich nicht) verloren. Um sie zu sich zu nehmen und sich wechselseitig durchschlagen zu können, geht er nach Deutschland. Ich glaube, daß der Schritt sehr falsch ist. Wie ich aus sic hrer Quelle weiß, ist die Frau Ruge (die nur ein sächsisches Patois spricht) die einzige Professorin von Deutsch in Brighton, und die Nachfrage übersteigt so sehr die Zufuhr, daß sie jetzt schon ihre Tochter17 in demselben trade18 lanciert. S[teffen]s Schwester würde also in Brighton gutes employment19 finden, wenn S[teffen] selbst mit den Leuten umzugehn wüßte. Apropos Ruge. Der alte Esel hat einen Prospektus, seit Monaten, in die Welt geschickt zur Wiederherausgabe der ci-devant20 „Deutschen Jahrbücher“. Ihre Hauptbestimmung soll sein, anzukämpfen gegen den Materialismus, naturwissenschaftlichen und industriellen; idem gegen die grassierende vergleichende Sprachforschung etc., kurz gegen alles, wozu exakte Kenntnisse nötig sind. Zur Ausführung verlangt er 1000 Subskribenten à 10 Taler. In den 2 Monaten haben sich summa summarum 40, sage 40 Schwärmer für die „geistige Freiheit“ aufgetan. Die Musterung seines Anhangs in Deutschland ist, consequently21, höchst blamabel ausgefallen.

Von Herrn Dronke weiß ich nur, daß er vor Monaten bei Freiligrath anlag, das Mittelglied für Wechselreiterei (nämlich den Diskonteur) zu spielen, die er mit dem alten Naut ins Werk zu setzen dachte. F[reiligrath] ließ ihn natürlich abfahren. Kurz darauf schrieb er ihm, daß er zwar „ganz gut“ stehe, doch aber bereit sei, als Commis für 200–250 £ Salär irgendwo einzutreten. F[reiligrath] solle sich für ihn nach einem Posten derart umsehn. Dies alles scheint auf ein baldiges Exit aus der kommerziellen Welt zu deuten.

Becker ist aus dem Gefängnis entlassen; Bürgers dagegen neuen Beschränkungen unterworfen worden.

Du schreibst in einem Deiner Briefe22, daß die Fabrikanten nur vorangehn können mit 6 d. für Baumwolle. Aber wird die große Einschränkung der Produktion die cottonpreise nicht notwendig bald zu dem Punkt herunterbringen?

Jones spielt eine sehr alberne Rolle. Du weißt, daß er – ohne andre bestimmte Absicht, als in der lauen Zeit irgendeinen Vorwand für Agitation zu finden – lang vor der Krise eine Chartistenkonferenz anberaumt hatte, worin dann zugleich Bourgeoisradikale (nicht nur Bright, sondern selbst Kerls wie Cunningham) eingeladen werden sollten. Es sollte überhaupt ein Kompromiß mit den Bourgeois geschlossen werden, so daß ihnen das Ballot23 gegeben würde, wenn sie den Arbeitern manhood suffrage24 einräumten. Dieser Vorschlag gab Anlaß zu Spaltungen in der Chartistenpartei, die ihrerseits wieder den Jones tiefer in sein Projekt hereintreiben. Statt nun die Krise zu benutzen, um die wirkliche Agitation mit einem schlechtgewählten Vorwand für Agitation zu vertauschen, hält er fest an seinem nonsense; chokiert die Arbeiter durch Predigen des Zusammenwirkens mit den Bourgeois, während er weit entfernt ist, den letztern das geringste Vertrauen einzuflößen. Einige der radikalen Blätter kajolieren ihn, um ihn vollständig zu ruinieren. In seinem eignen Blatt25 ist der alte Esel Frost, den er selbst zum Helden heraufdeklamiert und den er zum Präsidenten seiner Konferenz ernannt hat, in einem saugroben Brief gegen ihn aufgetreten, worin er ihm u. a. sagt: Wenn er die Kooperation der middle class26 für nötig halte – und ohne diese sei nichts zu machen –, solle er bona fide27 auftreten. Wer ihm das Recht gebe, das Programm der Konferenz aufzusetzen ohne die Alliierten? Wer ihn ermächtigte, Frost zum Präsidenten zu ernennen und selbst den Diktator zu spielen etc.? So sitzt er nun in der Patsche und spielt zum erstenmal nicht nur eine alberne, sondern eine zweideutige Rolle. Ich habe ihn lang nicht gesehn, will aber jetzt ihn besuchen. Ich halte ihn für ehrlich, und da es unmöglich ist für a public character28 in England, durch Dummheiten etc. unmöglich zu werden, so kommt es nur darauf an, daß er sich sobald wie möglich aus der selbstgelegten Falle herauszieht. Der Esel soll erst eine Partei bilden, wozu er in die Fabrikdistrikte muß. Dann werden die radikalen Bürger zu ihm für Kompromisse kommen.

Salut.
Dein K.M.