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Engels an Marx
in London

3, Edward Place, St. Hélier, Jersey
6. Oktbr. 1857

Lieber Marx,

L’affaire1 Harney hat dadurch ihre Lösung erhalten, daß der Edle2 gestern abend zu Schramm kam, wo ich war. Er hat sich durch einen großen pechschwarzen Bart ein sonderbares Ansehn gegeben, ähnlich in etwa dem schmierigen Juden, der mit uns im Boot vom Steamer3 ans Land fuhr; certainly ein improvement4. Er sah seine Jersey politics von der heitern Seite an, er habe a great deal of fun5 davon. etc.; die ernstere Auffassung, die er sicher hat, wird sich wohl erst später herausstellen. Nachher kneipte ich noch etwas mit ihm und ließ mir von der hiesigen Verfassung pp. erzählen, von vergangenen Tagen war nicht die Rede. Er scheint vorderhand dam’d glad6 zu sein, daß er sich von der großen Politik in sein kleines royaume des aveugles7 zurückgezogen hat. Als borgne8 ist er hier König der Opposition, zu seiner Rechten the first grocer9 und zu seiner Linken the first tallow-chandler in the town10. Die Schlachten werden auf dem Royal Square ausgetragen, wo der grocer den rédacteur en chef11 des „Impartial“ de Jersey, einen bonapartistischen Spion namens Lemoine, down geknockt12 hat, weswegen ein Prozeß seit einem Jahre spielt und nächsten Montag entschieden wird. Seit der Geldkrisis in Paris und während der Dauer derselben ist der „Impartial“ suspendiert. Für Harney teilt sich die ganze Geschichte von Jersey in 2 Perioden: vor und nach der Hedschra, der Expulsion der Crapauds. Sie zeichnen sich beide dadurch aus, daß nichts in ihnen vorgefallen ist.

Schr[amm] beschäftigt sich viel mit Plänen wegen einer neuen Wohnung, wird aber schließlich wohl bleiben, wo er ist. Ich hab’ ihm zugesetzt wegen eines südlicheren Aufenthalts, aber er ist, wie die meisten Leute in seinem Zustand, gern andrer Meinung, und dann sagt er, es sei eine Geldfrage und seine Verwandten täten jetzt schon, was sie könnten. Nach Harneys Beschreibung ist es bei Ostwind im Winter doch oft redlich kalt hier, und Schr[amm] wohnt an der den Nordwestwinden am meisten exponierten Seite der Stadt. Wenn er, wie er sagt, schon seit 3 Jahren so weit ist wie jetzt, daß er nicht gehen kann, so kann die Krankheit freilich noch etwas sich hinziehen; daß übrigens hier auch Leute die Schwindsucht bekommen und daran sterben können, beweist ein Kasus hier im Hause, die Tochter meiner dicken Wirtin ist daran gestorben. Ich mag ihm gar nicht mehr von Verziehen nach Süden sprechen, es macht ihn krittlisch, und er ist doch, wie natürlich, sehr reizbar. Zum Arbeiten bin ich, wie die Sachen stehn, noch nicht gekommen, habe auch eine Masse Briefe zu schreiben, morgen geht’s aber los.

Gestern bin ich nach der Nordküste marschiert – 5 bis 6 Meilen von hier, sehr gute Wege, stellenweise hübsche Alleen, prächtige Brombeeren en masse und ein paar sehr schöne kleine Buchten an der Küste. Die Insel ist ein Plateau, sowie man auf der Höhe ist, steigt es sehr allmählich bis fast dicht an die Nordküste, und die Bachtäler sind nur flach eingeschnitten. Man sieht an der Nordseite einen sehr langen Strich Frankreich (Westküste des Département de la Manche) und die Insel Sercq. Guernsey konnte ich nicht sehn.

Schramms Bruder13 zeigt ihm an, daß ein Freund von ihm, ein (wahrscheinlich preußischer) Jurist namens Berger14, ca. 50 Jahre alt, in einigen Tagen hier ankommen und den Winter über hierbleiben werde. Kennst Du das Individuum? Der Kerl muß doch in London wohnen, und es ist immer gut, über Leute von der Bekanntschaft des Herrn Rudolf Schramm etwas unterrichtet zu sein. Ich glaube mich dunkel zu erinnern, daß uns einmal so ein Kerl in London zwischen die Beine gelaufen ist.

Steffens kleinem Krieg für das Bergische und Märkische bin ich auch auf die Spur gekommen: Holleben, „Militairische Betrachtungen aus den Erfahrungen eines preußischen Offiziers“. Dies Buch ist seine Hauptautorität und meint, das Hecken- und Gräbenterrain eines Teils der Mark und des Cleveschen erinnere an die Vendée und sei zu einem Volkskrieg wie geschaffen. Leider nicht die Leute, die drin wohnen – es ist der ebne, ackerbauende Teil der Mark. Das Buch ist sonst gut, aber ganz geeignet, St[effen] in seiner Vorliebe für Tirailleurgefecht und kleinen Krieg zu bestärken, es übertreibt nach dieser Seite hin.

Die Liste für C hierbei, mit Randglossen.

Beste Grüße an Deine Frau und Deine Kinder.Dein F.E.