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Engels an Marx
in London

Ryde, 22.Sept. 1857

Lieber Marx,

Über Bern[adotte] bei Wagram noch folgendes: Als am 5. Juli besonders durch sein laues Benehmen die Franzosen in ihrer Attacke aufgehalten, hatte B[ernadotte] im Zentrum das Dorf Adlerklaa besetzt, das etwas vor der französischen Linie vorstand, und morgens am 6., als die Östreicher zum konzentrischen Angriff vorrückten, stand er in der offenen Ebene davor, statt Adlerklaa, stark besetzt, vor seiner Front zu haben. Als die Östreicher kamen, fand er diese Position zu gewagt (seine Truppen waren tags vorher durch sein laues Benehmen zuletzt in argen Verlust gekommen) und zog auf ein Plateau hinter Adlerklaa, aber ließ das Dorf unbesetzt, das Bellegardes Östreicher sofort stark besetzten.

Hierdurch das französische Zentrum gefährdet, und Masséna, der es kommandierte, schickte eine Division vor, die es wieder nahm, aber wieder von d’Aspres Grenadieren herausgeworfen wurde. Jetzt kam Nap[oleon] selbst und übernahm die Leitung, formierte einen neuen Schlachtplan und vereitelte dadurch die Manöver der Östreicher. Die Schnitzer des Bern[a-dotte] hier sind ganz unbestreitbar, wenn Jominis Darstellung einigermaßen richtig ist.

„Army“ ist fertig, was das Historische angeht, bis auf die französische Revolution. Die neuere Periode und das allgemeine Organisatorische, womit ich schließe, mache ich jetzt gleich fertig und, sobald es geht, auch wieder etwas B, damit Du fortwährend Sendungen machen kannst, was die Laune des Herrn Dana schon wieder herumbringen wird. Inzwischen habe ich auch wieder etwas Geld bekommen und lege eine £-5-Note bei. Vielleicht machst Du es doch noch möglich, auf einen oder 2 Tage nach Brighton zu kommen, ich bleibe noch einige Tage hier und werde Dich wissen lassen, wann ich hinkomme.

Bugeaud. Das meiste stand im Artikel „Algier“ schon angedeutet. Er war ein mittelmäßiger General, dessen Siege in Algier und Marokko nicht viel zu bedeuten haben. Daß er Algerien mit 100000 Mann erobert, die Kriegsführung dort dem Lande und Feinde angepaßt und die Widerstandsfähigkeit der Araber (nicht der Kabylen) gebrochen oder vielmehr erdrückt, rechne ich ihm nicht hoch an, denn ich glaube nicht, daß er die Pläne gemacht. Er war etwas sabreur1 und bewies an der Tafna, daß er nicht nur bestechlich, sondern auch in schwierigen Lagen unentschlossen war. Mit 100 000 Mann und durch zehnjährigen Krieg gebildeten Unterführern wie Lamoricière, Changarnier, Cavaignac, Négrier, Duvivier konnte er schon ohne viel Anlage etwas ausrichten, besonders da der französische Generalstab sehr gut ist; dazu beschränkte sich seine Tätigkeit meist nur auf Disponieren (wo man nicht weiß, was der Stab für ihn tat) und Führung der Reserve, da nur einzelne Divisionen und Brigaden auf einem Fleck agierten.

Bosquet. An der Alma führte er den Umgehungsangriff des französischen rechten Flügels auf den russischen linken Flügel mit von den Russen anerkannter Energie und Schnelligkeit aus und brachte sogar Artillerie durch für impraktikabel gehaltne weglose Schluchten aufs Plateau. Er würde hier großes Lob verdienen, wenn er nicht einen an Zahl weit schwächern Gegner vor sich gehabt hätte. – Bei Balaklawa war er sofort bei der Hand, den rechten englischen Flügel zu degagieren, so daß der Rest der englischen leichten Kavallerie sich unter dem Schutz seiner Truppen zurückziehn konnte und den Russen die Lust verging, weiter vorzugehn. Bei Inkerman war er schon frühmorgens mit 3 Bataillonen, 2 Batterien bereit einzugreifen, aber abgelehnt, stellte dann 3 Brigaden als Reserve hinter dem englischen rechten Flügel (am Tschornaja-Abhang) auf und rückte mit 2 Brigaden davon um 11 Uhr in die Schlachtlinie, worauf die Russen den Rückzug antraten. Die Engländer hatten alle ihre Truppen engagiert, die Russen noch 16 Bataillone disponibel, und ohne Bosq[uet] waren die Engländer verloren. Die 16 intakten russischen Bataillone deckten den Rückzug. Verfolgung war hier nicht viel möglich, 3000 Schritte vom Schlachtfeld hört das Plateau auf. Bosq[uet] hat sich also bei jeder Gelegenheit prompt, wachsam, aktiv, kurz, als musterhafter Korpsführer gezeigt, wie er auch während der ganzen Zeit tat, daß er das Deckungskorps auf dem Tschornaja-Abhang führte. Ob er als Général en chef2 taugt, darüber kann man nicht viel sagen, manche Eigenschaften hat er, und wer, wie er, ein vortrefflicher Avantgarden-General ist, hat sich fast nur noch strategisch zu bewähren, dazu war im ganzen Sewastopol-Feldzug keine große Gelegenheit.

Blücher. Während der Kampagne in der Pfalz, 1794, zeichnete er sich aus als Vorpostengeneral und Führer der leichten Kavallerie. Hierfür ist sein veröffentlichtes Tagebuch der beste Beweis, das noch als klassisches Werk gilt, trotz des schlechten Deutsch. Er hielt die Franzosen in beständigem Alarm und versah das Hauptquartier mit den besten Nachrichten über die Bewegung des Feindes, führte fortwährend Handstreiche und Überfälle aus und meist mit Erfolg. 1806 bei Auerstedt mißlang seine Kavalleriecharge, sein Rat, sie verstärkt mit ganzer Kraft zu wiederholen, wurde abgelehnt (dies aus dem Gedächtnis). Sein Rückzug nach Lübeck und seine Verteidigung bis zuletzt, eine der wenigen ehrenvollen Episoden in dieser Geschichte, obwohl seine strategischen Manöver während derselben oft husarenmäßig und seine schließliche Gefangennahme nicht seine Schuld, da er, wie die ganze preußische Armee, abgeschnitten war und er noch dazu den weitesten Umweg um die Arrièregarde3 zu machen hatte. Während der Zeit bis 1813 wurde er von Scharnhorst und dem Tugendbund (Gneisenau war bekanntlich einer der Chefs und blieb daher dem König4 lebenslänglich suspekt5) als der einzig mögliche und für sie brauchbare Chef in der Art, wie Hecker von Blind und Konsorten, zum Helden gestempelt, und sie hatten ihren Mann sehr gut gewählt. Er war, wie Müffling sagt, the model of a soldier6, hatte dabei alle populären Leidenschaften gegen Napoleon und die Franzosen im höchsten Grad, plebejische Gelüste, Dialekt, Redeweise und Manieren, enormes Talent, den gemeinen Mann für sich zu begeistern, und als Militär tollkühne Bravour, viel Scharfblick auf dem Terrain, Raschheit des Entschlusses und Verstand genug, in einfacheren Fällen self das Richtigste zu finden, in schwierigeren sich auf Gneis[enau] und Müffling zu verlassen. Strategie verstand er nicht die Spur.

„It was no secret to Europe, that Prince Blücher who had now, 1815, passed his 70th year, understood nothing whatever of the conduct of a war; so little, indeed, that when a plan was laid before him for approval, even relating to some unimportant operation, he could not form any clear idea of it or judge whether it was good or bad.“7

Er konnte nämlich keine Karte verstehn und teilte diese strategische Unwissenheit mit beinahe der Hälfte von Napol[eons] Marschällen. Dafür hatte er Gneisenau, in den er das unbedingteste Vertrauen hatte. Die Kampagne von 1813 und 1814 nahm ohne Blücher ein ganz andres Ende, kein andrer damaliger General hätte das fertiggebracht, was er tat: aus den widerspenstigsten Elementen (Langeron und York in offner Rebellion gegen ihn) durch einen Sieg und eine tüchtige Verfolgung (Katzbach) eine kompakte Armee bilden, die zu allem kapabel war und mit der er riskieren konnte, auf eigne Verantwortung den militärisch höchst verwegenen, aber politisch wegen Bern[adotte] nötigen Marsch nach Wartenburg und der Saale zu machen, wodurch er alle seine Kommunikationen aufgab und auch die faule große Armee (die er in Schlesien nach der Schlacht von Dresden durch seine Verfolgung der Franzosen bis Bautzen rettete, so daß Nap[oleon] sich gegen ihn wenden mußte) zwang, die Schlacht von Leipzig zu riskieren. Damals ging’s überhaupt etwas rebellisch her, und Blücher hatte mit 3/4 der Nordarmee (Bülow, Tauentzien, Wintzingerode) den Kontrakt geschlossen, wenn Bernad[otte] nicht marschiere, wollten sie sich an Bl[ücher] anschließen – auf eigne Verantwortung. Nach der Schlacht bei Leipzig war Bl[ücher] der einzige, der etwas für Verfolgung tat, obwohl auch dies noch nicht war, wie es sein sollte – er wurde gehemmt, weil die Fürsten dabei waren. 1814 sind die strategischen Schnitzer, die in der Gegend von Montmirail so schwer gezüchtigt wurden, auf Gneis[enaus] und Müffl[ings] Rechnung zu schreiben, der Entschluß, coûte que coûte8 auf Paris zu marschieren, wodurch die Kampagne entschieden, kommt Blücher zugut; 1815 ist der Marsch nach Waterloo, nach der Schlacht von Ligny, Bl[ücher] sehr hoch anzurechnen; er steht fast einzig da, und kein General als Blücher hätte seine Soldaten zu solchen Efforts9 gebracht – gleich darauf die Musterverfolgung nach Paris, die der von Jena bis Stettin als gleich klassisches Exempel zur Seite steht. Daß Bl[ücher] auch besseren Generalen imponieren konnte, beweist sein Verhältnis zu Langeron (der eine große Armee gegen die Türken kommandiert hatte und ein gebildeter französischer Emigrant war) und York, die sich nicht nur trotz aller anfänglichen Widerspenstigkeit bald unter ihn fügten, sondern sogar ganz auf seine Seite traten und seine besten Unterführer wurden. Au fond10 war Bl[ücher] Kavalleriegeneral, das war seine Spezialität, und da exzellierte er, weil das ein rein taktisches Fach ist, ohne strategische Kenntnisse vorauszusetzen. Er verlangte sehr viel von seinen Truppen, aber sie taten es und willig, und ich glaube nicht, daß ein andrer General des 19. Jahrhunderts außer Napoleon und neuerdings Radetzky imstande war, ihnen so viel zuzumuten als Bl[ücher]. Anzuerkennen auch, daß er nie und nirgends den Kopf und die Courage verlor und ebenso zäh in der Selbstverteidigung wie energisch im Angriff und in schwierigen Lagen rasch entschlossen war. Enfin11, er war im 1813/15 Krieg, der ein halber Insurrektionskrieg war, ganz am Platz und wurde gut ergänzt durch seinen Stab; und in dieser Position war er ein sehr gefährlicher Gegner.

Dein
F. E.

Note 0/H 06012, Manchester, 15.Jan. 1857.