74
Engels an Marx
in London

Waterloo, 25. Aug. 1857

Lieber Marx,

Meinen letzten Brief brach der Postabgang plötzlich ab. Ich wollte Dir noch von Lupus’ Abenteuern in Frankreich erzählen. Er hatte in London weder Geld noch Zeit sich aufzuhalten und reiste daher durch, kam an in Manchester mit 2 sh. in der Tasche. Von Lille aus wurde er von der französischen Polizei entdeckt und verfolgt. Mit seinem gewöhnlichen Glück kam er auch grade in die Wahlen und das schöne Mordkomplott mitten hineingeschnellt. Er ging in ein klein Hotelchen am Louvre und wollte dann nach Versailles. Auf dieser Tour bemächtigten sich seiner 2 Mouchards, drängten sich zu ihm auf den Wagen, hin und zurück, und ließen ihn nicht aus den Augen. Ins Hotel zurück, setzen sich, als er im Salon soupiert, zwei Mouchards, worunter ein Elsässer Jud, an den Tisch und machen Glossen über ihn in Deutsch, Französisch und gebrochen Englisch. „Un was der Kerl noch mit einem Appetit fresse kann, un sei Kopp is doch nit e Pfennig wert.“ „That chap eats with much appetite and his head is not worth a farthing. The telegraphic despatch has just arrived”1 usw. Nachdem L[upus] stumm ausgehalten – sein böses politisches Gewissen zwang ihn natürlich, denn sonst wäre er ja Colle2 geschleppt und hätte sich auf der Präfektur ausweisen müssen, was für ein Wolf er sei – nachdem er sich in seinem Ärger einen Zopf angetrunken, geht er auf sein Zimmer und legt sich ins Fenster – au premier3. Da entdeckt er seine Freunde von Versailles am Torweg. Die Clique wächst an, schreit ihm Bemerkungen zu, und der Chef parlamentiert mit der Wirtin. Nachher besetzen die Kerle das ganze Haus, kneipen und vandalieren die halbe Nacht und okkupieren die Zimmer rechts, links und über Lupus, der, wie Du denken kannst, in einem schönen Stew4 war – dabei war es zum Sterben heiß. Morgens früh wecken ihn die Kerle. Rechts und links klopfen sie an seine Wand, über ihm werden Tisch, Bett pp. über den Boden geschleift, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Endlich geht L[upus] mit gesammelter Courage auf den Abtritt. Auf der Treppe sitzt der Jud und sein Kumpan, und der Jud sagt ganz laut: „Jetzt geht der Kerl scheißen.“ Er läßt sich sein Frühstück ins Zimmer bringen und erkundigt sich, wann die Straßb[urger] Bahn fährt. Die Kerle verschwinden nun allmählich, da es der Tag der Nachwahlen war und sie ihren Zweck erfüllt hatten, L[upus] aus Paris zu vertreiben. Auf der Bahn wieder der Versailler Freund, begleitet ihn im selben Wagen vier-fünf Stationen weit, wo ihn ein anderer ablöst. Die Kerle drängen sich immer in den ganz vollen Wagen so auffällig noch hinein, daß ein französischer Philister im Scherz sagt: „Il y a donc un criminel parmi nous?”5 So wird er eskortiert bis Lyon; von Châlons auf der Saône ist der Versailler wieder da auf dem Dampfboot. In Lyon geht L[upus] ins erste Hotel, findet aber, daß Kellner und alles im Dienst ist, ihn signalisiert und den Kerls telegraphiert, wenn er kommt. Der Kellner pfeift, sowie er aus dem Zimmer tritt und der Mann im Büro schreit: „Le voilà!”6 worauf er dann vor einer Elite Mouchards Revue passieren muß. Diese Verfolgung dauerte auch auf der Seyssel-Bahn, bis zu einer Stelle, wo eine Bahn in der Richtung von Plombières abgeht, wo Herr Bon[aparte] grade war. Von da an war L[upus] frei, als sie sahen, daß er nicht nach Plombières ging. Auf der Rückreise keine Spur von Verfolgung.

Man sieht, was Herr Bon[aparte] mit der Société du dix Décembre angestellt hat. Die Vagabunden sind unverkennbar, besonders in der Kneiperei und der humoristischen Manier, womit sie verdächtigen Leuten den Aufenthalt in Paris verleiden. Wäre L[upus] nicht gegangen, hätte einer wahrscheinlich Keilerei angefangen, um einen Vorwand zu haben, ihn auf die Präfektur zu bringen. Wie viele der Kerls müssen im Dienst sein, wenn ein ganzes Eskadron dem ihnen comparatively7 unbekannten Lupus nachsetzen konnte. Dabei die Organisation der Wirte, Kellner, boots8 pp. als Helfershelfer.

Ich habe eben wieder gebadet, was mich im allgemeinen sehr stärkt und erfrischt, die Entzündung für den Anfang indes wieder etwas zu schärfen scheint. Das war zu erwarten. Ich fühle mich jetzt im ganzen sehr wohl und bin von den Wunden wenig geniert. Mein Alter wird wohl schon in Manchester sein, was ich morgen positiv erfahre, wo ich dann sofort nach Manchester gehe und in einigen Tagen in ein kräftigeres Seebad, vielleicht Isle of Man. Schreib also einstweilen nach Manchester. Sobald ich vollständig geheilt und die Seebäder nicht mehr so regelmäßig brauche, denk’ ich auf die See zu gehn, wahrscheinlich einmal per Steamer via9 Dublin nach Portsmouth und Isle of Wight, wo wir dann einen Kriegsrat zusammen halten können. Das hängt aber noch von Umständen ab.

„Army“ schreitet vor, die Alten sind fertig, das Mittelalter wird kurz, dann die neuere Zeit. Die Alten allein werden aber 6–7 Seiten, ich will sehn, was noch zu streichen ist; aber genau können wir uns nicht an Herrn D[ana] binden. Bis Freitag wird das Ding nicht zu liefern sein wegen der Störung mit meinem Alten, aber hoffentlich bis Dienstag. Apropos, schreibt denn D[ana] gar nicht um Manuskripte oder wegen der Liste für B? Wie ist das, es wäre doch kurios, wenn man gar nichts von ihm hörte. Beste Grüße.

Dein
F. E.