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Engels an Marx
in London

[Manchester, 22. April 1857]

Lieber Mohr,

Die Geschichte mit dem Konversationslexikon1 kommt mir ganz gepfiffen und Dir wahrscheinlich auch. Voilà enfin1 Aussicht auf Ersatz der Ausfälle und für mich Aussicht auf eine regelmäßige Beschäftigung für meine Abende. La paix allait me démoraliser2; seitdem keine Artikel mehr für die „Trib[une]“ zu schreiben waren, hab’ ich viel zuviel gebummelt, wozu sich hier Veranlassung genug bot. Dana muß, was die Militaria angeht, sofort folgende Fragen beantworten.

1. Wieviel Bände das Ganze zirka haben wird, und bis wie weit er denkt, im 1. oder 1. und 2. Band zu kommen.

2. Sollen die militärischen Artikel sich hauptsächlich beschränken auf Erklärung der Kunstausdrücke z. B. artillery, castrametation, column3, mit historischen Randglossen und kurzer Inhaltsangabe der einzelnen Branchen der Militärwissenschaft – also z. B. Artillerie 1. Erklärung, 2. Geschichte und jetziger Stand, 3. Resumé der Branchen der modernen Artilleriewissenschaft (Schießen, Bedienung, Bespannung, Gebrauch im Felde und vor Festungen pp.).

3. Oder sollen sonst noch kriegsgeschichtliche Artikel darin figurieren, z. B. unter dem head4 Austerlitz, Arbela pp., kurze comptes rendus5 der Schlachten selbst, und unter Alexander, Cäsar, Carnot pp. militärische Biographien nebst Angabe der jedesmaligen epochemachenden Fortschritte.

Dann schreibe gleich an Steffen, er soll uns den Titel oder Verfasser eines möglichst kompletten und kurzen Militärwissenschafts-Lexikons angeben, dasjenige, welches die meisten aber kürzesten Artikel hat, ist das beste, denn es soll bloß dazu dienen, daß ich gleich weiß, welche Artikel ich zu machen habe, und um das Alphabetische möglichst reichhaltig und handy6 zu haben. Sowie ich das habe, kann ich an die Bearbeitung der Buchstaben A und B gehn, vielleicht schon früher, denn aus „Brockhaus“ allein kann ich viele Artikel sehn und einzelne auch ohne ihn.

Der Pay7 wird sich rentieren auch bei $ 2 per große Seite; eine Masse des Zeugs ist bloß Abschreiberei oder Übersetzung, und die größeren Artikel werden nicht sehr viel Arbeit machen. Ich werde mir gleich ein paar englische Konversationslexika ansehen, damit ich sehe, welche militärische Artikel sie haben, sodann aber besonders „Brockhaus“, der doch immer ein besserer Anhaltspunkt bleibt, kompletter ist und auch Dana als Vorbild zu gelten scheint.

Wenn einzelne philologische Abschnitte, z. B. die germanischen Sprachen, mittelhochdeutsche, althochdeutsche pp. Literatur (idem in romanischen Sprachen, besonders provenzalisch), zu erhaschen wären, so könnte das nicht schaden. Die slawischen Sachen wird entweder die Jakob oder Herr Gurowski übernommen haben, erstere versteht auch mehr von den Sprachen als ich.

Welche Artikel übernimmst Du? Jedenfalls doch deutsche Philosophie – Biographie moderner englischer und französischer Staatsmänner? Einige finanzielle? Chartismus? Kommunismus? Sozialismus? Aristoteles – Epikur – Code Napoléon – und dergleichen. Ohne Party tendency whatever8 allerdings schwerer zu behandelnde Themata als die braven Militaria, wo man selbstverständlich immer von der Partei des Siegers ist.

Nimm soviel Artikel Du kriegen kannst, und organisiere allmählich ein Büro. M. Pieper kann auch schanzen, für Biographica ist er ganz gut brauchbar und kriegt gleichzeitig einige gesunde trockne Notizen in seinen genialen Schädel. Vielleicht wäre Lupus auch bereit, im altklassischen Felde zu wirken, je verrai9!

Obwohl die Arbeit nicht sehr interessant sein wird (wenigstens zum großen Teil), so macht mir die Geschichte doch unendlichen Spaß, weil dies ein enormer lift10 für Dich sein wird. Ich war diesmal wirklich höllisch ängstlich, wie die Sache mit der „Trib[une]“ enden werde, und besonders, als D[ana] Dich auf halben Sold zu setzen versuchte, jetzt aber wird’s schon wieder gehen, und ist die Zahlung auch noch nicht so nahe, so ist dies doch ein sehr sicherer Posten, und man kann ruhig ein paar Buchstaben immer im voraus fertigmachen, das Geld kommt seiner Zeit schon.

Hast Du nichts von Olmsted wegen „Putnam“ gehört? Den Artikel über Bazancourt hätte ich sehr gern, vielleicht kann ich durch Acton damit hier etwas machen. Auch sonst wäre vielleicht mit „Putn[am]“ etwas weiteres zu machen – Progress in the art of war, improvements in artillery, small arms pp., ships against stone walls11; ich mache alles, aber die Kerle müssen sich verpflichten, es auch zu drucken. Dana würde es gewiß besorgen, damit Du weniger auf die „Trib.“ allein angewiesen bist; laß den Editor von „P[utnam]“ übrigens selbst schreiben, cela vaut mieux12.

Laß Dana auch sagen, ob die Artikel im allgemeinen mehr oder weniger Raum füllen sollen als z. B. im „Brockhaus“, und ob das Ganze auf einen größeren oder geringeren Umfang berechnet ist als „B[rockhaus]“. – Dann weiß man doch, woran man ist. Auch wann gezahlt wird – und in wieviel Zeit das Unternehmen komplettiert sein soll. Es ist gut, das alles zu wissen.

An Deiner Stelle würde ich ihm offerieren, das ganze Konversationslexikon allein zu machen, wir brächten das schon fertig. Jedenfalls nimm, was Du kriegen kannst, wenn wir 100 bis 200 Seiten in jedem Band haben, so ist das nicht zu viel, so viel „gediegene“ Wissenschaft liefern wir leicht, solange das gediegne kalifornische Gold dafür einspringt.

Jetzt aber grüß Deine Frau und Kinder herzlich und laß bald was von Dir hören.

Dein
F. Engels

Für die Augentinktur sehr verbunden. Ich laboriere noch immer etwas daran, aber ich glaube, es liegt daran, daß ich in der letzten Zeit mehr Portwein getrunken habe als sonst – drop that13!