Manchester, 11.März 1857
Lieber Marx,
Es ist, als wenn sich Gott und die Welt verschworen hätten, damit ich nicht dazu komme, Dir zu schreiben. Wenn ich eben meine, ich bin aus dem Geschäftsschwindel etwas heraus, finde ich einen ganzen Haufen unvermuteter Rückstände, werde von Kerls überlaufen, bekomme hundert Geschäftsfragen für meinen Alten zu beantworten, habe neue Marotten des Herrn Gottfr.1 auszuführen. Damit ich ja recht festsitze, schickt mir Freiligrath papierschwindelnde preußische Ex-Lieutenants auf den Hals, die tagelang Pumpversuche machen (wovor er selbst, Fr[eiligrath], für nötig gehalten hatte, mich zu warnen) und die nach ihrer Abreise mir Pfandtickets zuschicken, damit ich ihre Uhren mit meinem Gelde auslösen soll! Ich bin dem Fr[eiligrath] für diesen zugewiesenen zudringlichen Kerl2 auch nicht im entferntesten verpflichtet, hab’ ihm übrigens heute meine Abenteuer mit dem Flegel geschrieben, er kann die Geschichte selbst ausfressen.
Vorigen Freitag kam Herr Ernst Dronke von Glasgow ganz plötzlich aufs Comptoir. Er war bloß auf ein paar Stunden in Geschäften hier. Ich sah ihn fast nur in Gesellschaft von Charles3, wo es nicht ging, sich mit ihm auseinanderzusetzen oder ihn grob zu behandeln. Zudem kam er so plötzlich, daß ich gar keine Zeit hatte, mich auf alle seine Klüngeleien zu besinnen. Ich behandelte ihn kühlig, wie ich einen nur oberflächlich bekannten gewöhnlichen Commis behandeln würde, sprach über lauter Lappalien mit ihm, und er hütete sich sehr, irgendeine Frage zu tun, die auf die Partei Bezug hatte. Nachmittags schob er ab, will im Mai wiederkommen, wo ich wohl in London sein werde. Ich hoffe, er wird Commercant4 auf lebenslang; er sieht ganz so aus, und die sorgenfreie Existenz scheint ihm sehr zu behagen.
Die £-5-Note, die ich Dir vorigen Freitag (oder Donnerstag?) schickte, hast Du doch erhalten?
Die Herren Tories, Freetraders und Peeliten konnten dem Pam keinen größeren Gefallen tun, als ihn bei dieser Frage in eine Minorität zu bringen. Welches Glück der Kerl und wie dumme Gegner er hat! Hier ist jetzt große Agitation, aber da 4000 neue Voters5 auf dem Register stehn, die lauter kleine shopkeeper6 und clerks7 und overlookers8, also der Majorität nach für Bright sind, wird wohl nichts geändert werden. Bob Lowe und Sir J.Potter (a born Alderman9 und ehemals großer Hurenjäger) sollen hier aufgestellt werden. Will not do.10 Wegen Bob Lowes früherer australischer und sonstiger Abenteuer könntest Du mir wohl ein paar Details mitteilen, es ist jetzt hier sehr brauchbar.
Was kostet das dicke Buch von Mieroslawski über Polen? Man muß doch so ein Kompendium haben – und was kostet Lelewels zum Grunde gelegtes Werk – wenn Du dies erfahren kannst?
Apropos, ich werde Dir wieder einige „Guardians“ schicken, es sind gar kapitale Schnurren drein. Die letzt geschickten sechs Stück hast Du doch erhalten? (in 2 lots11). Der Morny hat schon ganz gehörig Lunte gerochen; dies Ankaufen, was der Kerl in Rußland tut, muß den Bon[aparte] tödlich ärgern. Auch die Historie mit den Docks Napoléon, Berryer jeune12 und Fox Henderson und Co. war schön – Du hast sie doch in der „Times“ gelesen?
Wie sich die „Tribune“-Geschichte weiter entwickelt hat, bin ich sehr begierig zu hören, und ebenso, was Du an Olmsted geschrieben hast. In kurzem denke ich doch wieder etwas arbeiten zu können, ich will mal sehn, ob mit China nichts anzufangen ist. Irgendeine militärisch interessante Seite muß sich dem Schwindel doch abgewinnen lassen.13 Aber solange ich bis 8 Uhr jeden Tag auf dem Comptoir schanzen muß und vor 10 Uhr nicht, mit supper14 pp. fertig, anfangen kann zu arbeiten, ist das alles nichts. Ich muß jetzt morgens allerspätstens um 10 Uhr auf dem Comptoir sein, also accordingly15 auch gegen eins zu Bett gehn, c'est embêtant16! Wenn man am besten im Zuge ist, soll man schlafen gehn, cela ne va pas. Enfin, nous verrons.17 Diesen Sommer richten wir uns anders ein, oder es gibt Krawall im Geschäft. Ich will mich so einrichten, daß ich von 10–5 oder 6 arbeite und dann aber auch fortgehe, und wenn das Geschäft zum Teufel geht.
Grüße Deine Frau und Kinder herzlich von mir – Ihr seid hoffentlich alle wohl?
Tout à toi.18
F. E.