[London] 2. Dezember 1856
9, Grafton Terrace, Maitland Park,
Haverstock Hill
Lieber Frederic,
Meine Frau mediziniert noch fortwährend, und so ist stets noch große Störung im Haus, so daß ich schwer zum Schreiben komme.
Mit dem Mieroslawski1 scheint providentielle „Teilung“ vorgeherrscht zu haben, indem wahrscheinlich der größte Teil der für Dich bestimmten Auszüge (waren about2 2 Schreibbogen) als Fidibus von dem Korpus des Manuskripts losgerissen worden sind. Indes verlierst Du nicht viel. Ich habe später Lelewels „Considérations“ – zu unterscheiden von seiner populären Geschichte – gelesen. Er bildet eigentlich, nebst Maciejowski (?) (ich zitiere den Namen aus dem Gedächtnis) das Material, worüber M[ieroslawski] seinen Geist ausgegossen. Was mich übrigens bei meinem neueren Studium der polnischen Geschichte décidément3 direkt für Polen entschieden hat, ist das historische Fakt, daß alle revolutions seit 1789 ihre Intensivität und Lebensfähigkeit ziemlich sicher an ihrem Verhalten zu Polen messen. Polen ist ihr „auswärtiger“ Thermometer. Dies en détail nachweisbar in der französischen Geschichte. In unsrer kurzen deutschen Revolutionsepoche, ebenso in der ungarischen ist es augenfällig. Von allen revolutionären Regierungen, Napoleon I. einbegriffen, bildet das comité du salut public nur insofern eine Ausnahme, als sie nicht aus Schwäche, sondern aus „Mißtrauen“ die intervention verweigerten. 1794 beschieden sie den employé4 der polnischen Insurgenten vor sich und legten diesem „citoyen“5 folgende Fragen vor:
„Wie kömmt es, daß Euer Kościuszko populärer Diktator ist und neben sich einen König duldet, von dem er überdem wissen muß, daß er von Rußland auf den Thron gesetzt worden ist? Wie kömmt es, daß Euer Diktator das Massenaufgebot der Bauern nicht durchzusetzen wagt aus Furcht vor den Aristokraten, die sich keine ‚Arbeitshände‘ entzogen haben wollen? Wie kömmt es, daß seine Proklamationen an revolutionärer Farbe verlieren in demselben Maß, wie seine Marschroute ihn von Krakau entfernt? Wie kömmt es, daß er die Volksinsurrektion in Warschau sofort mit Galgen bestraft hat, während die aristokratischen ‚traîtres de la patrie‘6 frei umherwandeln oder hinter langsame Prozeßformalitäten geborgen werden? Antwortet!“
Darauf fand sich der polnische „citoyen“ genötigt zu schweigen.
Que dites-vous de Neufchâtel et Valangin?7 Dieser case8 hat mich veranlaßt, meinen höchst mangelhaften Kenntnissen von der preußischen Geschichte nachzuhelfen. Indeed and indeed9, etwas Lausigeres hat die Weltgeschichte nie produziert. Die weitläufige Historie, wie die nominellen Könige von Frankreich reale Könige werden, ist auch voll von kleinlichen Kämpfen, Verrätereien, Intrigen. Aber es ist die Entstehungsgeschichte einer Nation. Die östreichische Geschichte, wie ein Vasall des deutschen Reichs sich eine Hausmacht gründet, wird interessant durch den Umstand, daß der Vasall sich selbst als Kaiser prellt, durch die Verwicklungen mit dem Orient, Böhmen, Italien, Ungarn etc. und schließlich dadurch, daß die Hausmacht solche Dimensionen annimmt, daß Europa in ihr eine Universalmonarchie fürchtet. Nichts von alledem in Preußen. Es hat sich keine einzige mächtige slawische Nation unterjocht, brachte nicht einmal fertig, in 500 Jahren Pommern zu bekommen, bis schließlich durch „Austausch“. Überhaupt eigentliche Eroberungen hat die Markgrafschaft Brandenburg – so wie die Hohenzollern sie überkamen – nie gemacht, mit Ausnahme von Schlesien. Weil dies ihre einzige Eroberung ist, heißt Friedrich II. wohl der „Einzige“! Kleinliche Löffeldiebstähle, bribery10, direkte Ankäufe, Erbschaftsschleichereien etc. – auf solche Lumperei läuft die preußische Geschichte hinaus. Was sonst in der feudalen Geschichte interessant ist, Kampf des Landesherrn mit den Vasallen, Mogelei mit den Städten etc., alles das ist hier zwerghaft karikiert, weil die Städte kleinlich-langweilig und die Feudalen rüpelhaft-unbedeutend sind und der Landesherr selbst ein Minimus ist. In der Reformation wie während der französischen Revolution schwankende Perfidie, Neutralität, Separatfrieden, Haschen nach einigen Happen, die Rußland ihm während der von ihm veranstalteten Teilungen zuwirft – so mit Schweden, Polen, Sachsen
Dabei in der Liste der Regenten immer nur 3 Charaktermasken, die sich folgen wie die Nacht auf den Tag, mit Unregelmäßigkeiten, die nur Versetzungen der Reihenfolgen, nie Einführung eines neuen Charakters sind – Pietist, Unteroffizier und Hanswurst. Was den Staat bei alledem auf den Beinen gehalten hat, ist die Mittelmäßigkeit – aurea mediocritas11–, pünktliche Buchführung, Vermeidung der Extreme, Genauigkeit im Exerzierreglement, eine gewisse hausbackene Gemeinheit und „Kirchenverordnung“. C’est dégoûtant!12
Wie steht’s gegenwärtig im Manchester Geschäft? Kannst Du mir einige Details über den Stand des business in den manufacturing districts13 geben?
Ich habe Dir noch nicht mitgeteilt, daß Vater Heise auf der Durchreise von Utrecht hier war. Ist jetzt wieder bei Imandt. Sieht wohler und voller aus denn je.
Götz tauchte hier auch plötzlich wieder auf. Ist ebenso plötzlich wieder verschwunden. Freiligrath sehr zufrieden mit seinem Geschäft und sich. Zum Besuch hier Valdenaire von Trier – der verunglückte Vereinbarer. Über seinen Zweck nächstens.
Schließlich muß ich Dir noch eine Gewissensfrage stellen. Ich habe Ende Dezember ziemlich beträchtliche Zahlungen zu machen. Ist es Dir möglich, bis dahin einiges beizuschaffen? Das Geld meiner Frau ist größtenteils für Hauseinrichtung draufgegangen und zur Deckung der sehr großen Ausfälle in den Einnahmen.
Wann kommst Du her? Was macht Lupus?
Dein
K.M.