7
Jenny Marx an Adolf Cluß
in Washington

London, 10ten März [1853]

Mein lieber Karl war seit Wochen leidend, und in den letzten Tagen kam wieder ein altes Leberleiden zum Vorschein, das fast bis zu einer Entzündung sich steigerte, eine Krankheit, die mir um so ängstlicher ist, als sie in seiner Familie erblich und die Todeskrankheit seines Vaters war. Heute ist er wieder besser, drechselt seinen „Trib[une]“-Artikel zusammen und trägt mir auf zu schreiben. Ich muß nun gleich mit einer langen und breiten Erzählung eines Peches beginnen, das dem Weydem[eyer]-Clußschen Pechmaß nahezu gleichkommt. Seien Sie nicht böse, wenn ich weit aus-hole. Am 6ten Dezember schickte mein Mann gleichzeitig mit Ihrem Manuskript der „Enthüllungen etc.“ ein Manuskript an Schabelitz Sohn in Basel ab. Sch[abelitz] nahm es mit Entzücken auf, schrieb, es sei ein Meister-werk, und es müsse in 14 Tagen über die Grenze sein, er wolle 2000 Exemplare abziehn, das Stück zu 15 Silbergroschen verkaufen und nach Abzug der Druckkosten (die in der Schweiz gering) den Profit mit meinem Manne teilen. Wir konnten mit vollem Recht ohne alle Täuschung auf wenigstens 30 Pfd.Sterling rechnen. 40 Exemplare wollte er außerdem sogleich nach London schicken. Wir hören 4 Wochen nichts. Mein Mann schreibt. Antwort: Der Druck habe sich verzögert wegen der Weihnachtsbummelei der Setzer. In 14 Tagen spätestens will er drüben sein und uns 40 Exemplare schicken. Wir hören nichts als durch einen Dritten, daß das Schmuggeln auf unerwartete Hindernisse gestoßen, daß er die 1800 Stück in kleinen Päckchen während 14 Tagen hat herüberschmuggeln müssen, daß dann aber ungefähr Anfang Februar alles drüben sei und er einen eig. Geschäftsführer mit dem Weitertransport der Broschüre und ihrer Verschickung an die Buchhändler beauftragen und herüberschicken werde, daß er uns aber ein Probe-Exemplar sogleich schicken werde. Gut. Wir lauern 4 Wochen. Da schreibt mein Mann und fragt an, glaubt, die Broschüren seien längst im fernsten Winkel von Deutschland verbreitet und er habe jetzt nur einen Wechsel auf ihn zu ziehen. Da kommt gestern folgender Brief:

„Lieber Marx! Soeben vernehme ich, daß die ganze Sendung der ,Enthüllungen‘, die aus 2000 Exemplaren bestand, schon seit 6 Wochen in einem Dorfe jenseits der Grenze lag, gestern beim Weitertransport abgefaßt wurde. Was nun geschieht, weiß ich nicht; in erster Linie Reklamation der badischen Regierung beim Bundesrate, dann wahrscheinlich meine Abfassung oder wenigstens in Anklagestand-Versetzung usw. In jedem Fall ein großartiger Lärm! Das in kurzem zur Nachricht, weitere Mitteilungen sollen, wenn ich verhindert sein sollte, durch eine 3te Person erfolgen. Wenn Sie an mich schreiben, so benutzen Sie die Adresse: Eine Modistin in Basel etc.“

Dies das Ganze; was halten Sie davon? 6 Wochen läßt er 2000 Stück, also die ganze Auflage, in einem Dorf liegen, und dann schreibt er uns, daß es konfisziert ist. Kein Wort von den Exemplaren für London, keines von denen für die Schweiz etc. Sind die Sachen gedruckt worden, hat die preußische Polizei sie mit schwerem Geld aufgekauft, oder Gott weiß was? Genug, dies ist die 2te völlig geburktete1 Broschüre. Herr Stieber, der Polizeidirektor von Berlin geworden und ein großartiges Werk angekündigt über Konspirationen etc., und Herr Willich, als Besitzer und Verwalter der amerikanischen Gelder, gehen sain et sauf2 aus der Sache hervor; der Kölner Prozeß ist völlig vernichtet, die Partei noch immer nicht ganz von allem Makel gereinigt und die Regierung triumphierend! In diesem Moment wäre die Broschüre von der kolossalsten Wirkung gewesen. Sie wäre wie ein thunderbolt3 zwischen die zitternden und bebenden deutschen Polizistenseelen gefahren. Hätten wir die Mittel, wir ließen sie au moment4 in Altona von neuem drucken, um die Regierung zur Wut zu bringen, allein dies ist unmöglich. Es bleibt nun nichts übrig, als daß Sie sie in irgendeinem Blatt als Feuilleton drucken lassen. Könnte dann nicht der Satz zu einer Broschüre benutzt werden, die Sie alsdann herüberschickten? Da der Druck in Europa fast unmöglich geworden, aber jetzt vollends eine Parteiehrensache ist, so müssen Sie es als Feuilleton wenigstens à tout prix5 drucken lassen. Das Erscheinen der Broschüre ist jetzt allen Feinden gegenüber eine Notwendigkeit geworden und wird mehr im Interesse der Kölner und zu ihren Gunsten wirken in der Meinung des Publikums als alles andere. Das Interesse an ihnen muß wiedererweckt werden. Beckers6 Fluchtversuch ist rein an Mangel an Interesse und Hülfe von außen gescheitert. Es muß vor allem der Beweis geliefert werden, daß die Broschüre existiert, und dies kann nur geschehen, dadurch geschehen, daß sie gedruckt wird, und sei es auch nur als Feuilleton jenseits des Ozeans:

Sie können denken, welch’ einen Eindruck diese Nachricht auf meines Mannes Gesundheitszustand gemacht etc.

Jenny Marx

Nach: Brief von Cluß an Weydemeyer
vom 28. März 1853.