[London, 28. Oktober 1852]
Lieber Herr Cluß!
Sie werden den kommunistischen Monstre-Prozeß nach der „Kölnischen Zeitung“ verfolgt haben. Die Sitzung vom 23. Oktober gab dem Ganzen nun eine so großartige, interessante und für die Angeklagten günstige Wendung, daß wir alle anfangen, uns wieder etwas zu fühlen. Sie können denken, daß die „Partei Marx“ Tag und Nacht tätig ist und mit Kopf, Händen und Füßen zu arbeiten hat. Diese Überbeschäftigung ist auch der Grund, weshalb ich heute wieder als stellvertretender Berichterstatter vor Ihnen erscheine. Der Intimus des Herrn Willich, Herr Dietz, jetzt auch in Amerika, hat sich sämtliche Aktenstücke, Briefe, Protokolle etc. etc. der Willichschen Clique stehlen lassen. Sie wurden von der Anklage als Beweis der gefährlichen Tätigkeit der Partei vorgebracht. Um nun die Angeklagten damit in Verbindung zu bringen, ward ein künstlicher Zusammenhang meines Mannes mit dem notorischen Spion Cherval ersonnen. So wurde mein Mann die Brücke, das künstliche Mittelglied, zwischen den theoretischen Kölnern und den Tatenmännern, Mordbrennern und Plünderern in London. Stieber und die Anklage hatten sich Kolossales von diesem Coup erwartet. Er verpuffte in der Luft. Neue Effekte mußten hervorgerufen werden, und so entstand das Lügengewebe der Sitzung vom 23. Oktober. Alles, was die Polizei vorgebracht, ist Lüge. Sie stiehlt, fälscht, erbricht Pulte, schwört falsche Eide, zeugt falsch, und zu alledem behauptet sie, das Privilegium zu haben gegenüber den Kommunisten, die hors [de] la société1 stehn! Dies und die Manier, wie die Polizei in ihrer schuftigsten Gestalt alle Funktionen des öffentlichen Ministeriums übernimmt, den Saedt in den Hintergrund drängt, unbeglaubigte Zettel, bloße Gerüchte, Rapporte, Hörensagen als wirklich gerichtlich erwiesene Tatsachen, als Beweise vorbringt, ist wahrhaft haarsträubend. Von hier aus mußten sämtliche Beweise der Fälschung beigebracht werden. Mein Mann hatte also den ganzen Tag bis in die Nacht hinein zu arbeiten. Von den Wirten mußten amtlich beglaubigte Zeugnisse beigebracht werden, ebenso mußten die Handschriften der angeblichen Protokollführer Liebknecht und Rings amtlich beglaubigt werden zum Beweis der Polizeifälschung. Dann mußten sämtliche Sachen, 6–8mal abgeschrieben, auf den verschiedensten Wegen nach Köln2 spediert werden, über Frankfurt, Paris etc., da alle Briefe an meinen Mann sowie alle Briefe von hier nach Köln erbrochen und unterschlagen werden. Das Ganze ist jetzt ein Kampf zwischen der Polizei einerseits und meinem Mann andererseits, dem man alles, die ganze Revolution, selbst die Leitung des Prozesses in die Schuhe schiebt. Stieber hat jetzt zuletzt meinen Mann als österreichischen Spion ausgeschrien. Dafür hat mein Mann einen prächtigen Brief von Stieber an ihn aus der Zeit der „N[euen] Rh[einischen] Zeitung“ aufgefunden, der wahrhaft blamierend ist.3 Ebenso fanden wir noch einen Brief von Becker, wo er sich über Willichs Narrheiten und dessen „Militärverschwörungen“ lustig macht.4 Willich, aus Haß gegen Becker, hat den Zeugen Lieutenant Hentze, von dem er bisher Almosen bekommt, hier in London instruiert. Kurz und gut, es werden Dinge vorkommen, die man nicht glauben würde, wenn man sie nicht selbst erlebte. Alle diese Polizeigeschichten lenken nun das Publikum und somit die Geschworenen von der eigentlichen kommunistischen Anklage ab, und der Haß der Bourgeois gegen die entsetzlichen Mordbrenner wird paralysiert durch den horror vor der Niederträchtigkeit der Polizei, so daß man jetzt selbst an die Freisprechung unsrer Freunde glauben kann. Der Kampf mit dieser mit Geld und allen Kampfesmitteln ausgerüsteten offiziellen Macht ist natürlich ganz interessant und um so glorreicher, wenn er für uns siegreich ausfallen sollte, als auf der einen Seite Geld und Macht und alles steht, während wir oft nicht wußten, wo das Papier herholen, um die Briefe zu schreiben etc. etc. Beiliegende Erklärung haben heute F[reiligrath], Marx, Engels und Wolff erlassen.5 Wir schicken sie heut an die „Tribune“. Sie können sie auch publizieren.
Entschuldigen Sie mein konfuses Schreiben, aber ich habe auch etwas in der Intrige mitgewirkt und abgeschrieben, daß mir die Finger brennen. Daher das Durcheinander. Ihr Aufsatz aus der „Turn-Zeitung“ hat hier großen Beifall gefunden. Mein Mann fand ihn ausgezeichnet und namentlich auch stilistisch sehr brillant. Andre haben Sie lieber in Ihrer weniger theoretischen Schreibmanier und wünschten, daß Sie stets der alte, humoristische, fidele Cluß bleiben möchten.
Eben kommen von Weerth und Engels ganze Päck[e] von Kaufmannsadressen und kaufmännischen Scheinbriefen an, um die Aktenstücke, Briefe etc. zu befördern.
[An dieser Stelle folgt im Original die erwähnte, von Wilhelm Wolff abgeschriebene Erklärung5.]
Eben kommt wieder eine Ladung kolossalen Scandales mit den „Kölnischen“ an. Zwei Depeschen gehen sogleich wieder unter Kaufmannsadressen ab. Bei uns ist jetzt ein ganzes Büro etabliert. Zwei, drei schreiben, andre laufen, die andren schrappen die Pennies zusammen, damit die Schreiber fortexistieren und Beweise des unerhörtesten Skandals gegen die alte offizielle Welt beibringen können. Dazwischen singen und pfeifen meine 3 fidelen Kinder6 und werden oft hart angerannt von ihrem Herrn Papa. Das ist ein Treiben. Leben Sie wohl, lieber Herr Cluß, und schreiben Sie bald wieder an Ihre Freunde.
Mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis
Jenny Marx