London, den 15ten Okt. 1852
Lieber Herr Cluß!
Mein Mann hat mich heute zu seinem Stellvertreter ernannt, und so trete ich denn meine Funktionen als secrétaire intime in aller Eile an. Mein Mann ist nämlich so in der pressure from without and within1, daß er den ganzen Tag in home business2 laufen mußte und eben 5 Uhr noch nicht heimgekehrt ist, um vor allem die Affäre Brüningk contra Cluß zu absolvieren. Tun Sie in dieser Sache noch nichts, gar nichts bis zum nächsten steamer. Imandt wollte heute schon eine Erklärung schicken, worin er beweist, daß Willich und Kinkel der Brüningk Unbill nachgesagt haben. Zugleich wird er den ganzen Klatsch dem alten Schalksnarren Ruge, jetziger Ritter und Retter fürstlicher Unschuld, in die Schuh schieben, was um so leichter ist, als das Gerücht allerdings in demselben Moment entstand und weiter um sich griff, als der alte Esel den Kinkel für einen Agenten des Prinzen von Preußen, nach den Aussagen seines Intimus Groß, erklärte und zugleich bekanntmachte, daß seine Befreiung durch den Prinzen bewirkt, die Brüningk aber eine Hauptrolle dabei gespielt und das Geld dazu hergegeben habe. In Deutschland kursierten diese beiden Gerüchte ganz gemeinsam, und Ruge soll3 (wie Dronke sich zu erinnern glaubt, doch ist darauf nichts Bestimmtes zu erklären) auch in einem und demselben Artikel von dem verdächtigen Umgang gesprochen haben, in dem Gottfried hier lebe. Diese dumme Geschichte ist nun weiter nichts als ein Rachekomplott gegen Marx-Cluß, denen sie jetzt gemeinen anonymen Klatsch und Verleumdung zuschanzen wollen, ein Geschäft, das diese Hunde so lange bis zur höchsten Virtuosität geführt haben. Gleich nachdem der alte Pommer4 die Lanze für die Fürstin gebrochen, hat er sich persönlich bei der hohen Frau gemeldet. Heinzen hofft wohl auch noch, neben der whigistischen Quelle5 für seinen „Janus“, hier eine fürstliche Flußader zu treffen und auszunutzen. Ist es übrigens nicht lächerlich, wie das Gesindel sich auf einmal gebart und einen Zeterschrei in zwei Weltteilen ausstößt, nachdem es so lange Gemeinheit auf Gemeinheit, Klatsch auf Klatsch, Verleumdung auf
Verleumdung gehäuft hat. Und zudem enthält der Artikel eigentlich nichts, gibt wenigstens in einer gemäßigten und diskreten, selbst nur versteckten Weise, das zu erkennen, was die Gastfreunde offen und direkt ausgesagt haben. Eklig ist die Sache insofern, als man sich dies Geschmeiß lieber zehn Schritte vom Leibe hielte, als so durch ein solch ein lumpiges Ding ins Handgemenge mit ihm zu kommen. Mein Mann wollte Ihnen heute selbst in seinem eignen Namen einen Artikel schicken über die Art, wie Ihr Artikel im „Wecker“ entstanden war. Imandt meinte aber, es sei durchaus nötig, meinen Mann, auf den das Ganze gemünzt ist, aus dem Spiel zu lassen. Und deshalb wollte er die Erklärung selbst abfassen. Leider ist sie noch nicht da! Tun Sie aber, bis Sie nähere Instruktionen haben, nichts in der Sache. Meyen sagte heut, Dronke, Willich und Kinkel hätten auf Ehrenwort geleugnet, je etwas Ehrenrühriges gegen die Frau gesagt zu haben. So waren die Kerls schon im Verhör. Sie sehen, auch hier wird die Sache mit hoher Wichtigkeit betrieben. Übrigens ist die Antwort Schnaufers von seinem Standpunkt aus sehr gut, witzig und treffend, und wahrlich, die beiden Philosophen sollten sich nicht so in die Brust werfen, wenn einer hochgeborenen Frau einmal mitgespielt wird. Wer hat danach gefragt, als der Ruge gegen meinen Mann die gemeinsten, ehrenrührigsten, bürgerlich ruinierendsten Dinge und Gerüchte ausbreitete, und zwar zu einer Zeit, wo mein Mann aus Parteirücksichten, aus Rücksicht für seine Freunde in Deutschland nicht sprechen konnte.
Wer hat sich darum bekümmert, ob ich dadurch fast zu Tode gekränkt ward, mein Kind6, das die Qualen und den Kummer und die Sorgen aus meiner Brust trank, dahinstarb – ach und all die Leiden weiter – doch man nannte mich nicht Fürstin bei meiner Geburt – doch wozu all den dummnen Plunder. Wir werden uns schon aus der Sache herauswickeln und es den anderen in die Schuhe schieben. Warten Sie aber jedenfalls noch einen Posttag.
Die „Brumaires“ sind noch nicht angekommen. Mit der nächsten Post sendet Ihnen mein Mann die 2 „People’s Papers“ mit Ihren Artikeln.
Mein Bruder Edgar hat endlich an seine Mutter7 geschrieben. Mein Brief ist glücklich durch Ihre freundlichen Bemühungen in seine Hände gekommen. Ich sage Ihnen nochmals den herzlichsten Dank dafür.
Noch eins. Halten Sie Jacobus Huzel etwas im Zaum, damit er nicht über die Stränge schlägt. Man muß vermeiden, mit dem Gewürm in Klatsch zu geraten, da es jetzt ihre Tendenz ist, uns hineinzuziehen, um dadurch ihren alten Dreck vergessen zu machen. Man muß jetzt etwas diplomatisch mit diesen rein objektiven, prinzipiellen, ehrlichen, biedern Waschweibern sein.
Sie haben doch den Kölner Prozeß in der „Kölnischen“ verfolgt? Heute sind die Verhöre Beckers8 eingetroffen. Da nichts gegen ihn vorlag, waren sie übereingekommen, Becker ganz aus der Sache herauszulassen, und so können Sie sich denn auch seine Art der Verteidigung erklären, die von den Demokraten mit Enthusiasmus aufgegriffen wird, um den Becker zu den ihrigen zu machen und ihn, den freien, selbständigen, keinem bestimmten Lehrsatz einer geheimen Gesellschaft blind folgenden Volksmann, als den wahren Helden zu proklamieren, grade weil er der schwächste von allen ist und noch am meisten demokratisches Blut in sich trägt. Sollte sich der Brüller Heinzen dieser Sache bedienen zur Heranhebung Beckers, so können Sie sogleich erklären, daß die Verteidigung verabredet war und daß Becker noch kurz vor seiner Arretierung meinen Mann dringend ersucht habe, doch mit ihm in seiner Revue die sämtlichen offiziellen Demokraten anzugreifen und lächerlich zu machen: Ruge, Heinzen, Kinkel, Willich etc. etc. Er wollte auch die verrückten Briefe Willichs9 drucken lassen. Bei seiner Freiwerdung würden die Herren Demokraten auch nichts Besseres erleben etc. etc. Ich schreibe so in der Hetze.
Ich muß zur Post.
Leben Sie herzlich wohl
Jenny Marx
Schreiben Sie bald wieder. Ihre Briefe erregen stets die größte Freude. Mein Mann sagt immer, ja hätten wir viele solche Kerls wie den Cluß, dann könnte man noch was ausrichten. Seien sie einstweilen nicht zu tätig. Lassen Sie die Hunde wieder aneinander nagen, sonst möchten sie sich in die Arme fallen, um den „gemeinschaftlichen Feind“ zu bekämpfen, den bösen, infamen Grünspan – Marx und seine Clique.