1855

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Marx an Ferdinand Lassalle
in Düsseldorf

[London] 23. Januar 1855
28, Dean Street, Soho

Lieber Lassalle!

Dieser Brief wäre acht Tage früher geschrieben worden, wenn nicht meine Frau von einer Weltbürgerin1 entbunden und mir so in dem trouble2 wenig freie Zeit übriggeblieben wäre, wie Du leicht begreifen wirst. Mutter und Töchterlein befinden sich indes wohl.
Es ist nicht sehr angenehm, mon cher3, in so einem kleinen [...]4 zu schre[iben...]4 man au fond5 doch nur kleine Dreckhäufchen legen kann. Mais [n’importe]6, daß die [...]4 betrachten und keine Schriftstellerprätentionen machen, aber auch hoffen, daß sie nicht gemacht werden.
Was die verschiednen ökonomischen Fragen betrifft, die Du mir vorgelegt, so existieren meines Wissens bis jetzt keine weder offiziellen noch wissenschaftlichen Zusammenstellungen. Aus den Board of trade tables7 können natürlich offizielle Zahlen über die Getreideeinfuhr entnommen werden. Sonst aber nichts. Jetzt wird es sicher bald von Werken über diese Fragen regnen. Die Zeit der Krise ist in England zugleich die der theoretischen Untersuchungen. Aus meinen Heften, wo ich allerlei statistische Angaben aus verschiedenen Quellen zusammengescharrt habe, werde ich Dir bei nächster Gelegenheit eine Zusammenstellung machen. Einstweilen nur folgendes, ganz Allgemeine:

Einfuhr von Weizen und Mehl
Weizen als Weizen (Quarters)Mehl (in Quarters reduziert)
1847......... 2 650 0001 808 000
1848......... 1 865 000351 000
1849......... 4 569 0001 129 000
1850......... 3 778 0001 102 000

An Weizen also eingeführt 8 285 000 [qrs.]4 in den 2 ersten Jahren des free trade und als Mehl 2 226 000, zusammen 10 511 000, über 5 Millionen qrs. Durchschnitt in den 2 Jahren. Dies beträgt weit über 1/6 der Gesamtkonsumtion, 1 Quarter auf die Person jährlich gerechnet.
Kann nun gesagt werden, daß so viel mehr jährlich konsumiert worden ist? Das hängt offenbar von der Beantwortung der andern Frage ab: Ob dieselbe Quantität Weizen in England produziert worden ist wie bisher. Dies kann wieder nur beantwortet werden, sobald wir im Besitze der Agrikulturstatistik sind, die grade in diesem Moment ins Werk gesetzt wird. Von Irland und Schottland wissen wir, daß bedeutende Quantitäten [des Lan]des4 seit Abschaffung der Kornzölle in Viehweide etc. verwandelt worden sind. [Für Englan]d4 können wir einstweilen nur durch Induktion zu einem Schlusse kommen. Wenn in England nicht eine bedeutende Masse Ländereien außer Kultur geworfen worden wäre, wie käme es, daß in diesem Jahre z.B. trotz der sehr günstigen Ernte die Getreidepreise höher stehn als im Jahre der Protektion, 1839 z.B., obgleich der Ausfall der Einfuhr vom Ausland keineswegs die Differenz zwischen einer guten und schlechten Ernte aufwiegt, zwischen der von 1854 und der von 1853? Wie die Tendenz der Außerbebauungsetzung des Bodens – wahrscheinlich meist durch Verwandlung in Viehweide – unter dem free trade um sich gegriffen hat, beweist folgende Tabelle, die offiziell ist (für Ireland):

1854 (geht bis November)Acres
[Abnahme auf Ge]treidearten4..............................91 233
[Grüne Gewächse] [(Ka]rtoffeln4, Wurzeln etc.)..............................710
Flachs..............................23 607
Klee..............................13 025
Gesamtabnahme des bebauten Landes128 575

Letztes Jahr (1853) betrug dagegen die Gesamtabnahme nur 43 867 acres. Macht für beide Jahre zusammen 172 442. Dies um so auffallender, als die Nachfrage für alle Agrikulturprodukte in den letzten 2 Jahren zugenommen. – Was nun die in der Agrikultur beschäftigten „hands“8 betrifft, so wissen wir, daß von den 300 000 Menschen, die seit 1852 jährlich aus Großbritannien ausgewandert, der größte Teil aus Agrikulturarbeitern bestand. Wir wissen, daß im Jahre 1853 die Bevölkerung zum erstenmal abgenommen hatte, statt zu wachsen. Endlich der beste Beweis, daß die agricultural hands sehr abgenommen, ist, daß 1853 zum erstenmal seit 1815 der Arbeitslohn auf dem Lande stieg und die Mähmaschinen ziemlich allgemein eingeführt wurden, um ihn wieder herunterzudrücken. – (Nebenbei bemerkt hat die freie Einfuhr des fremden Getreides der englischen Agronomie einen unge[fheu]ren4 Anstoß gegeben.) – Welchen [Einfluß]4 der free trade auf den Preis der Industr[ieprodukte]4 geübt, kann mit dem bisher vorliegenden Material absolut nicht gesagt werden. Die vom Rohstoff abhängigen Schwankungen in der Wollen- und Leinenindustrie z.B. sind schwerlich irgendwie durch die repeal der corn-laws affiziert9 worden. Im ganzen, glaube ich, wird sich in einer Geschichte der Preise von 1849–54 herausstellen, daß die Preisverhältnisse sämtlicher Industrieprodukte und Getreide und der einzelnen Industriezweige zu ihrem respektiven Rohmaterial dieselben geblieben sind (ebenso die Variationen innerhalb derselben) vor wie nach der Aufhebung der Korngesetze. – Was den Arbeitslohn in den Fabriken angeht (Zahlen ein andermal), so kann sehr positiv bewiesen werden, daß die Aufhebung der Korngesetze 1. auf den absoluten Arbeitslohn gar keinen Einfluß ausgeübt hat, 2. den relat[iven]4 Arbeitslohn mithalf heruntersetzen. In dem Jahr der Kris[e war]10 der Arbeitslohn heruntergesetzt worden. Er ward nicht heraufgesetzt in den relativ guten Jahren 1849–52 (letztres eingeschlossen, wenigstens bis zum letzten 1/3 des Jahrs). Warum ward er nicht heraufgesetzt? Weil die Lebensmittel gefallen waren. Im Laufe des Jahrs 1852 begann die große Auswanderung, während andererseits die Nachfrage in den Vereinigten Staaten, Australien, Ostindien etc. bedeutend wuchs. Die Arbeiter verlangten nun eine Erhöhung des Arbeitslohns um 10%, die sie für kurze Zeit, während des Kulminationspunktes der Prosperität (etwa bis August 1853) ziemlich in den meisten Branchen durchsetzten. Es ist Dir bekannt, daß diese Erhöhung von 10% ihnen indes – erinnere Dich z.B. an den Preston strike – bald wieder abgenommen wurde, obgleich die Getreidepreise 1853 und 1854 im Durchschnitt höher standen als in den Protektionsjahren 1843–45 und 1830–37. Das Steigen – und sehr temporäre Steigen, da jetzt schon wieder kurze Zeit gearbeitet wird, überhaupt die Krise begonnen hat – des Arbeitslohns ist also keineswegs dem free trade zuzuschreiben, sondern entspricht vollständig dem Steigen in allen Prosperitätsjahren. Der free trade hat faktisch nur bewirkt, daß 1849–52 der Arbeitslohn nicht stieg. Da es möglich war, mit demselben Arbeitslohn mehr Lebensmittel zu kaufen, wurde er nicht erhöht. Was also relativ erhöht wurde, ist der Profit. Der relative Arbeitslohn, d.h. der Arbeitslohn im Verhältnis zum Profit, ist also faktisch gefallen – ein Resultat, das ich 1847 schon in einer Broschüre11 (french12) als notwendig entwickelt habe. – Daß die Aufhebung der Korngesetze einigermaßen dazu beigetragen haben mag (zusammengenommen mit der Ausgleichung der Zuckerzölle, der Freigebung der Schifffahrt und der Aufhebung der Schutz-zölle für britisch-nordamerikanisches Holz), den Briten neue Absatz- oder erweiterte Absatzmärkte für Fabrikate im Ausland zu verschaffen, soll natürlich nicht geleugnet werden. In den Vereinigten Staaten z.B. war die mehr freihändlerische Gesetzgebung sicher teilweise bedingt durch die repeal13 in England. Indes darf hierauf nicht zu großer Wert gelegt werden, da nach Rußland z.B., von dem die Einfuhr nach England enorm wuchs infolge der repeal, die englische Ausfuhr abnahm. Im allgemeinen stellt sich heraus, daß Europa ein relativ immer unbedeutenderer Markt wird für England, da von der Gesamtausfuhr von 1854 (ich meine der Gesamtausfuhr britischer Produkte, Transporhandel beiseite lassend) die Vereinigten Staaten, Australien und Ostindien allein 60% absorbiert haben, nicht einmal die außereuropäischen britischen Kolonien eingerechnet (exzept Ostindien).
Ich habe die obigen Geschichten hingeworfen, um ganz im allgemeinen auf Deine Fragen zu antworten. Was ich von bestimmtem Zahlenmaterial in meinen Heften auftreiben kann, will ich sehen. Bücher, wie gesagt, werden wohl erst jetzt erscheinen...14