[London] 15. September 1853
...Heute erhalte ich in der letzten Nummer der „Reform“ Deinen Brief von Quebeck und Kellners Apologie auf denselben Poesche, der in der „Neu-England-Zeitung“ vom 3ten September, die mir gleichzeitig zukömmt, seine faden would-be-Witze1 über die komischen „Käuze“ von „Klassen-kämpfern“ macht. Seit Du Extra-„Reformen“ schicktest, hatte ich gerade sie wieder ohnedem regelmäßig erhalten; andererseits bekam ich die „Tribune“ nicht regelmäßig, was wichtig für mich ist. So fehlt mir z. B. der Artikel, worin ich den diplomatischen Notenwechsel über Dänemark zitiere2, und der Artikel, worin ich die Grundeigentumsverhältnisse charakterisiere3...
Ich denke, es ist Zeit, daß Ihr in der Polemik einen neuen Start nehmt und diesen abgeschmackten Goepp-Poesche, welche die materielle Auffassung erfunden haben, während ihr Materialismus der des Alletagsbürgers ist, das Zeug flickt. Die Gegner werden frech, ein Faktum, was wenigstens zur Zeit der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ sich nicht zu ereignen wagte. Studiosus Schläger, der zur Zeit der 48er Revolution mehr oder [minder] ausriß und sein Genie nach Amerika kolportierte, schickt mir noch konstant seine „N.-E.-Z.“, wahrscheinlich, um mir ad oculos4 zu demonstrieren, was sie für Kerls sind. Hat je ein Blättchen existiert, wo die Dummheit und Eitelkeit so mit der Anmaßung sich paarten?
Kellner ist zu schlafmützig, er scheint nicht zu verstehen, daß Polemik für jedes Journal nötig ist, solange es zu struggle5 hat. Dabei der unglückliche Instinkt, seine Feinde immer zu loben, 2 Tage, bevor sie ihn mit Fußtritten regalieren. So Heinzen, so Poesche, welcher nebenbei Konversations-Lexikons-Kenntnisse in seinem Jammer-Artikel über Geldzirkulation an den Mann gebracht hat...
Mir kömmt jedenfalls die Bewegung über den Hals, eh’ ich es wünsche (ich denke, im Frühjahr beginnt der commercial downfall6, wie in 1847). Ich hoffte immer, noch vorher einmal es so weit zu bringen, mich ein paar Monate in die Einsamkeit zurückziehen und meine Ökonomie ausarbeiten zu können. Es scheint, ich soll nicht dazu kommen. Das beständige Zeitungsschmieren ennuyiert mich. Es nimmt mir viel Zeit weg, zersplittert und ist schließlich doch nichts. Unabhängig, soviel man will, man ist an das Blatt und das Publikum desselben gebunden, speziell, wenn man Barzahlung erhält wie ich. Rein wissenschaftliche Arbeiten sind etwas total andres, und die Ehr, neben einem A.P.C.7, einem Lady-correspondent und einem Metropolitanus zu figurieren, ist certainly8 nicht beneidenswert.
Carl Wilh. Klein (aus Solingen, Arbeiter) hat mich gebeten, Euch mit ihm in Verbindung zu setzen. Seine Adresse ist – – – Er ist ein tüchtiger Kerl. Er hat einen Arbeiterverein gebildet und der „Gradaus“ ist, wie er mir schreibt, unter ihren Einfluß gekommen. Pieper schreibt von hier an ihn, wenn es Deine Zeit irgendwie erlaubt, mußt Du sie von Washington aus unterstützen.
Vater Blind setzt seine ...9 Artikel mit vielem Pathos in der „N.-E.-Z.“ fort und gratuliert sich und seinem Editor und vice versa10 zu den unerhörten Leistungen, die dem Brüggemann von der „Köln[ischen] Z[eitung]“ Respekt einflößen müssen.
Ich schreibe heute nur ein paar Zeilen. Passiert an events11 ist nichts. Bloß Einmarsch der cholera morbus in London.
Dein
K.M.
Nach: Brief von Cluß an Weydemeyer vom 3. Oktober 1853.