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Engels an Joseph Weydemeyer
in New York

Manchester, 12.April 1853

Lieber Weydemeyer,

Hierbei erhältst Du eine Erklärung von Marx über die Hirschschen Selbstbekenntnisse1, die Du sogleich in alle nur möglichen Zeitungen bringen willst. Wenn Du gleich eine Abschrift an Cluß schickst, so wird er gewiß ein ganzes Teil übernehmen können. Ich denke, es kann nicht schaden, wenn Du drunterschreibst: die Unterzeichneten sind mit Obigem vollkommen einverstanden, E.Dronke, F. Engels. Wir sind, was die Geschichte mit dem Manuskript2 angeht, und überhaupt die Verbindung mit Bangya, ebenso verantwortlich wie M[arx], und es wäre nicht recht, wenn wir ihn die Verantwortung allein tragen lassen. Die ausgelieferte Kopie ist zum Teil in Dronkes Handschrift, das Original fast ganz in der meinigen. Wir haben jetzt Aussicht, die Geschichte in der Schweiz gedruckt zu bekommen.

Diese Erklärung ist natürlich nur nach den uns von Cluß überschickten und von Dir gemachten Auszügen abgefaßt. Ob der weitere Inhalt noch eine neue Erklärung nötig machen wird, können wir natürlich noch nicht wissen, doch wirst Du wohl alles auf uns bezügliche ausgezogen haben. In ein paar Tagen wirst Du uns hoffentlich das Ganze gedruckt zugeschickt haben.

Was Bangya angeht, so haben wir ihn total in der Hand. Der Kerl hat sich so tief hereingeritten, daß er ganz klatsch ist. Um sich gegen die stets neu auftauchenden Verdachtsgründe zu decken, war er genötigt, Marx nach und nach seinen ganzen Schatz Dokumente von Kossuth, Szemere pp. zu zeigen. So habe ich jetzt hier noch die Original-Manuskripte von Szemeres Broschüre über Kossuth und Görgey. Herr Kossuth ist also in Herrn Bangya besonders blamiert. Die kleine Schlauheit des magyarisierten Slawen scheiterte an der Zähigkeit von M[arx] und an dem Geschick, womit dieser ihn hereinritt. Jetzt haben wir, und niemand anders (als Szemere noch etwa, zum Teil), die vollständigen Beweisstücke über B[angya]s Charakter in der Hand, aber wozu soll es dienen, damit jetzt Lärm zu schlagen? Es heißt, der Kerl komme im Mai wieder nach London, und dann kann man ihm auf den Leib rücken und vielleicht noch allerlei Nützliches herauskriegen. Zwischen Willich und Hirsch sind allerlei Dinge vorgefallen, die noch lange nicht klar sind, und wenn, wie Du schreibst, das Hirschsche Manuskript durch Kinkelsche Vermittlung nach dort gekommen, so läßt das auch allerlei Kurioses vermuten. Il faut tâcher d’y voir clair3, und dazu kann B[angya] dienen. Sprich also zunächst nicht darüber; zudem: laß jetzt die Herren Ungarn einmal hervortreten und ihre Meinung sagen, Kossuth ganz besonders. Warum soll man denen auf die Sprünge helfen? Haben sie sich in einer öffentlichen Erklärung blamiert, tant mieux4, dann kommen wir.

In der Emigration geht der alte Dreck voran, doch nicht mehr so öffentlich skandalös wie früher. Als ich Weihnachten in London war, pflegten wir sans façon5 in die Kinkel-Willich-Rugeschen Kneipen mitten unter den Schwamm der Kerle dort zu gehn, was man 6 Monate früher kaum ohne Keilerei hätte riskieren können. Die kleineren Leute kamen sogar manchmal ganz freundschaftlich zu uns und ließen geduldig Schindluder mit sich treiben, besonders der edle Meyen-Julius Vindex. Unter unsrer Clique geht’s noch immer wie früher. Lupus soll sehr einsam herumwandeln.Dronke angelt seit 6 Monaten nach einer Kommisstelle, es ist jetzt eine Intrige im Werke, ihm eine solche 2½ Eisenbahnfahrstunden von hier, in Bradford, zu verschaffen. Von Weerth hab’ ich zuletzt aus Sankt Thomas in Westindien gehört, wo er die Gelbfieber-Saison durchgemacht hat. Der rote Wolf, der, wie Du weißt, Gatte und Vater ist, führt Frau und Kind spazieren und wird selten gesehn. Freiligr[ath] wohnt wie immer in Hackney und pflegt des Kommerzes unter den Auspizien des Mr. Oxenford. Ich selbst habe mich diesen Winter in slawischen Sprachen und Militaribus6 bedeutend vervollkommnet, und werde bis Ende d. J. Russisch und Südslawisch7 wohl ziemlich verstehn. In Köln habe ich mir die Bibliothek eines abgedankten preußischen Artillerieoffiziers für wenig Geld angeschnallt und mich für eine Zeit wieder ganz Bombardier gefühlt, zwischen dem alten Plümicke, dem Brigadeschulenhandbuch und andern Dir erinnerlichen Schmöckern. Die preußische Militärliteratur ist nur unbedingt die allerschlechteste von allen, erträglich ist bloß,was noch in unmittelbar frischer Erinnerung der Kampagnen von 1813/15 geschrieben, seit 1822 aber tritt eine ekelhafte Kamaschenprätention und Klugscheißerei ein, die vom Teufel ist. In allerneuster Zeit sind wieder einige passable Sachen in Preußen erschienen, doch auch nicht viel. Französische Sachen sind mir leider wegen Unbekanntschaft mit der Fachliteratur total unzugänglich.

Die alten Kampagnen (i.e. seit 1792) hab’ ich so ziemlich durchgeochst; die napoleonischen sind so einfach, daß wenig dabei zu verderben ist. Jomini ist au bout du compte8 doch der beste Darsteller davon, das Naturgenie Clausewitz will mir trotz mancher hübschen Sachen nicht recht zusagen. Für die nächste Zukunft, i.e. für uns, ist die russische Kampagne von 1812 die wichtigste, die einzige, wo noch große strategische Fragen zu lösen sind; Deutschland und Italien lassen keine andern Operationslinien zu als die von Napoleon festgestellten, dagegen in Rußland ist noch alles wüst und wirr. Die Frage, ob Napoleons Operationsplan 1812 ursprünglich war, gleich nach Moskau zu gehn oder in der ersten Kampagne bloß bis an den Dnepr und die Dwina zu rücken, wiederholt sich für uns in der Frage, was eine revolutionäre Armee im Fall der glücklichen Offensive gegen Rußland zu tun hat. Diese Frage – abgesehn natürlich von Zufälligkeiten und bloß ein ungefähres Gleichgewicht der Kräfte vorausgesetzt – scheint mir bis jetzt nur zu Wasser, am Sund und den Dardanellen, in Petersburg, Riga und Odessa lösbar zu sein. Abgesehn natürlich auch von inneren Bewegungen in Rußland, und eine Adels-Bürgerrevolution in Petersburg mit konsequentem Bürgerkrieg im Innern gehört zu den möglichen Chancen. Herr Herzen hat sich das viel leichter gemacht, indem er („Du progrès des idées révolutionnaires en Russie“) die demokratisch-soziale-kommunistisch-proudhonistische Republik Rußland unter dem Triumvirat Bakunin-Herzen-Golowin hegelsch konstruiert, so daß es gar nicht fehlen kann. Inzwischen ist es sehr ungewiß, ob Bakunin noch lebt, und jedenfalls ist das große, weitschichtige, dünnbevölkerte Rußland ein sehr schwer zu eroberndes Land. Was die ehemals polnischen Provinzen diesseits der Dwina und des Dnepr angeht, so mag ich von denen gar nichts mehr hören, seit ich weiß, daß die Bauern dort alles Kleinrussen sind und bloß der Adel und ein Teil der Bürger Polen und daß für den dortigen Bauer, wie im kleinrussischen Galizien 1846, Wiederherstellung Polens gleichbedeutend ist mit Wiederherstellung der alten ungeschwächten Adelsherrschaft. In allen diesen Ländern, außerhalb des eigentlichen Königreichs Polen, wohnen kaum 500 000 Polen!

Übrigens ist es gut, daß die Revolution an Rußland diesmal einen respektablen Gegner findet und nicht solche schlappe Popänze von Opponenten wie Anno 1848.

Inzwischen stellen sich auch allerhand Symptome ein. Die Cotton-Prosperität hier erreicht nachgerade eine Höhe, wobei einem schwindlig wird, während einzelne Zweige der Baumwollenindustrie (grobe Zeuge, domestics) ganz daniederliegen. Die Spekulation glaubt sich dadurch vor dem Schwindel zu retten, daß sie ihn bloß in Amerika und Frankreich (Eisenbahnen mit englischem Geld) en gros, hier aber ganz zerstückelt und im Detail treibt, also nach und nach alle Artikel mit Schwindel infiziert. Die ganz abnorme Winter- und Frühjahrswitterung, die wir hier haben, muß dem Korn geschadet haben, und wenn wie gewöhnlich ein abnormer Sommer folgt, so ist die Ernte klatsch. Über den Herbst hinaus kann sich diese gegenwärtige Prosperität meiner Ansicht nach nicht halten. Inzwischen blamiert sich jetzt das 3te englische Ministerium seit 12 Monaten, und zwar das letzte, was möglich ist ohne direkte Intervention der radikalen Bourgeois. Whigs, Tories, Koalitionisten scheitern nacheinander nicht am Steuerdefizit, sondern am Surplus. Damit ist die ganze Politik der alten Parteien charakterisiert und zugleich ihre extreme Impotenz. Wenn die jetzigen Minister purzeln, so kann England nicht mehr regiert werden ohne bedeutende Ausdehnung des pays légal9; diese Geschichte fällt also wahrscheinlich in den Beginn der Krise.

Die dauernde Langweile der Prosperität machte es dem unglücklichen Bonaparte fast unmöglich, seine Würde beizubehalten, die Welt ennuyiert10 sich und er ennuyiert sie. Leider kann er nicht alle 4 Wochen von neuem heiraten. Dieser Schwindler, Säufer und falsche Spieler geht daran zugrunde, daß er genötigt ist, zum Schein Engels „Fürstenspiegel“ in Praxis zu setzen. Der Lumpazius als „Vater des Vaterlands“! Er ist aux abois11. Dabei kann er nicht einmal Krieg anfangen: überall geschlossene Glieder, strotzend von Bajonetten, bei der geringsten Regung seinerseits. Dabei läßt die Ruhe den Bauern eine sehr erwünschte Zeit zum Nachdenken, wie der Mann, der Paris zugunsten der Bauern niederzudrücken versprach, jetzt mit dem Geld der Bauern Paris verschönert, und wie die Hypotheken und Steuern trotz alledem eher zu- als abnehmen. Kurz, die Sache präpariert sich diesmal mit Methode, und das verspricht viel.

In Preußen hat die Regierung sich die Bourgeois mit der Einkommensteuer schön auf den Hals gehetzt. Die Steuerquoten werden von den Bürokraten mit der größten Unverschämtheit erhöht, und Du kannst Dir denken, mit welcher Wollust diese edlen Federfuchser jetzt in den Handlungsgeheimnissen und Geschäftsbüchern sämtlicher Kaufleute herumwühlen. Selbst mein stockpreußischer Alter schäumt vor Wut. Diese Burschen müssen jetzt die Segnungen des konstitutionell-väterlich-preußischen gouvernement à bon marché12 bis auf die Hefen durchkosten. Die preußische Staatsschuld, vor 1848 ca. 67 Mill. Taler, muß seitdem auf das Vierfache angeschwollen sein, und sie wollen schon wieder pumpen! Man muß sagen, der dicke König13 wird seine Schweißtropfen aus den Märztagen gewiß gern noch einmal schwitzen, wenn ihm dieser Kredit garantiert wird bis an sein seliges Ende. Dabei hat ihm Louis-Napoleon den Zollverein wieder auf die Beine bringen helfen, Östreich hat aus Furcht vor Krieg klein beigegeben, „und nun, Herr, lasse Deinen Diener mit Frieden in die Grube fahren“!

Die Östreicher tun ihr Möglichstes, um das vor dem Mailänder Putsch ganz in Commerce und Prosperität, soweit sie mit den Steuern vereinbar war, aufgegangne Italien wieder in Bewegung zu setzen, und wenn das Ganze noch ein paar Monate so fortgeht, ist Europa famos präpariert und bedarf nur noch des Anstoßes der Krise. Dazu kommt, daß die unerhört lange und allgemeine Prosperität – seit Anfang 1849 – die Kräfte der erschöpften Parteien (soweit diese nicht ganz verschlissen wie die monarchistische in Frankreich) viel rascher wieder restauriert hat, als dies z.B. nach 1830 bei lange schwankenden und im ganzen farblosen Handelsverhältnissen der Fall war. Auch war 1848 bloß das Pariser Proletariat, später Ungarn und Italien durch ernste Kämpfe erschöpft; die Insurrektionen in Frankreich waren seit Juni 1848 ja fast nicht der Rede wert und ruinierten schließlich doch nur die alten monarchistischen Parteien. Dazu das komische Resultat der Bewegung in allen Ländern, an dem nichts ernsthaft und wichtig ist als eben die kolossale historische Ironie und die Konzentrierung der russischen Kriegsressourcen; und nach alledem scheint es mir auch vom allernüchternsten Standpunkt aus rein unmöglich, daß die gegenwärtige Sachlage das Frühjahr 1854 überdauert.

Sehr schön ist, daß unsre Partei diesmal unter ganz andern Auspizien auftritt. Alle die sozialistischen Dummheiten, die man 1848 noch gegenüber den puren Demokraten und süddeutschen Republikanern vertreten mußte, der Blödsinn L.Blancs etc., ja selbst Dinge, die wir genötigt waren aufzustellen, um nur in der konfusen deutschen Sachlage Anhaltspunkte für unsre Ansichten zu finden – alles das wird jetzt schon vertreten von unsren Herren Gegnern, von Ruge, Heinzen, Kinkel und so weiter. Die Präliminarien der proletarischen Revolution, die Maßregeln, die uns das Schlachtfeld präparieren und die Bahn fegen – eine und unteilbare Republik usw., Sachen, die wir damals vertreten mußten gegen die Leute, deren natürlicher, normaler Beruf es gewesen wäre, sie durchzusetzen oder wenigstens zu fordern, alles das ist jetzt convenu14, die Herren haben es gelernt. Diesmal fangen wir gleich mit dem „Manifest“ an, dank namentlich auch dem Kölner Prozeß, in welchem der deutsche Kommunismus (ganz besonders durch Röser) sein Abiturientenexamen abgelegt hat.

Alles das bezieht sich natürlich nur auf die Theorie; in der Praxis werden wir wie immer darauf reduziert sein, vor allem auf resolute Maßregeln und absolute Rücksichtslosigkeit zu drängen. Und da liegt das Pech. Mir ahnt so was, als ob unsre Partei, dank der Ratlosigkeit und Schlaffheit aller andern, eines schönen Morgens an die Regierung forciert werde, um schließlich doch die Sachen durchzuführen, die nicht direkt in unsrem, sondern im allgemein revolutionären und spezifisch kleinbürgerlichen Interesse sind; bei welcher Gelegenheit man dann, durch den proletarischen Populus getrieben, durch seine eignen, mehr oder weniger falsch gedeuteten, mehr oder weniger leidenschaftlich im Parteikampf vorangedrängten, gedruckten Aussprüche und Pläne gebunden, genötigt wird, kommunistische Experimente und Sprünge zu machen, von denen man selbst am besten weiß, wie unzeitig sie sind. Dabei verliert man dann den Kopf – hoffentlich nur physiquement parlant15 – eine Reaktion tritt ein, und bis die Welt imstande ist, ein historisches Urteil über so was zu fällen, gilt man nicht nur für eine Bestie, was Wurst wäre, sondern auch für bête16, und das ist viel schlimmer. Ich sehe nicht gut ein, wie es anders kommen kann. In einem arrierierten17 Lande wie Deutschland, das eine avancierte Partei besitzt und mit einem avancierten Land wie Frankreich zusammen in eine avancierte Revolution verwickelt wird, muß beim ersten ernsthaften Konflikt, und sobald wirkliche Gefahr eintritt, die avancierte Partei drankommen, und das ist jedenfalls vor ihrer normalen Zeit. Indessen ist das alles Wurst, und das beste ist, daß für einen solchen Fall in der Literatur unsrer Partei schon im voraus ihre Rehabilitierung in der Geschichte begründet ist.

Übrigens werden wir auch sonst viel respektabler auf der Bühne erscheinen als das vorige Mal. Erstens sind wir auch in den personalibus allen alten Bummel, Schapper, Willich und Konsorten glücklich los, zweitens haben wir uns doch einigermaßen verstärkt, drittens dürfen wir auf jüngeren Nachwuchs in Deutschland rechnen (wenn sonst nichts, ist der Kölner Prozeß allein hinreichend, uns den zu garantieren), und endlich haben wir doch alle im Exil bedeutend profitiert. Es gibt natürlich auch unter uns Leute, die von dem Prinzip ausgehn: was brauchen wir zu ochsen, dafür ist der père18 Marx da, dessen Beruf ist es, alles zu wissen, aber im allgemeinen ochst die Partei Marx doch ziemlich, und wenn man die andern Emigrationsesel ansieht, die hie und da neue Phrasen aufgeschnappt und sich dadurch erst recht konfus gemacht haben, so ist klar, daß die Überlegenheit unsrer Partei absolut und relativ sich vermehrt hat. Es ist aber auch nötig, la besogne sera rude19.

Ich wollte, ich hätte noch Zeit, vor der nächsten Revolution wenigstens den 1848er und 49er italienischen und den ungarischen Feldzug aus dem ff zu studieren und zu schildern. Im allgemeinen ist mir die Geschichte klar genug, trotz mangelhafter Karten pp. Aber eben die Genauigkeit des Details, die zur Schilderung gehört, macht viel Mühe und Kosten. Die Italiener haben sich beide Male wie Esel benommen, Willisens Schilderung und Kritik ist im ganzen meist richtig, doch oft auch dumm, und die vollständige Überlegenheit der östreichischen Strategie, die er schon 1848 hervorhebt, findet sich erst in der Kampagne von Novara, die wirklich das Brillanteste ist, was seit Napoleon in Europa vorgekommen (denn außer Europa hat der alte General Charles Napier 1842 in Ostindien noch ganz andre Sachen gemacht, die wirklich an Alexander den Großen erinnern, überhaupt halte ich den Napier für den ersten lebenden General). Komisch ist in Italien, grade wie in Baden 1849, der traditionelle Aberglaube an Positionen aus den 1790er Kampagnen. Herr Sigel hätte sich um keinen Preis woanders als in einer durch Moreau klassisch gewordenen Position geschlagen, und Karl Albert glaubte nicht fester an die Jungfrauschaft Mariä als an die Wunderkraft des Plateaus von Rivoli. In Italien war dies so stehend, daß die Östreicher jedes große Manöver mit einem Scheinangriff auf Rivoli eröffneten, und jedesmal gingen die Piemontesen in die Falle. Der Witz war natürlich der, daß die relativen Positionen und Verbindungslinien ganz anders waren. – In Ungarn bleibt Monsieur Görgey trotz allem der Kerl, der allen überlegen war und von allen aus Neid angefeindet wurde; es ist mir wahrscheinlich, daß, wäre G[örgey] nicht selbst bei großem militärischem Talent ein sehr kleinlicher, eitler Bursche gewesen, diese meist dummen Anfeindungen ihn schließlich zum Verräter gemacht hätten. Seit der Világos-Geschichte, die militärisch vollständig gerechtfertigt ist (nicht revolutionär gerechtfertigt), haben die Kerle einen solchen Blödsinn von verrückten Anklagen auf den G[örgey] geworfen, daß man sich beinahe für den Kerl interessieren müßte. Der eigentliche „Verrat“ wurde begangen nach dem Entsatz von Komorn, ehe die Russen da waren, und daran trägt Kossuth genausoviel Schuld wie G[örgey]. Ein großes Dunkel schwebt noch über dem Generalstabschef G[örgey]s, Bayer, der jetzt in London ist. Aus G[örgey]s Memoiren und anderem scheint hervorzugehn, daß er die Seele der strategischen Pläne Görgeys war. Wie mir Pleyel sagte, ist B[ayer] Hauptverfasser des offiziellen östreichischen Buchs über die Kampagne (B[ayer] war gefangen in Pest und brannte durch); es soll sehr schön sein, ich hab’s mir noch nicht verschaffen können. Von Klapka spricht Görgey mit großem Respekt, alle aber geben seine große Schwäche zu. Perczel ist anerkannt ein Esel, der „demokratische“ Ungargeneral. Der alte Bem hat sich selbst immer nur für einen guten Parteigänger und Befehlshaber eines detachierten Korps mit bestimmtem Zweck gehalten; soweit ich urteilen kann, war er nur dies, aber in vortrefflicher Weise. Zweimal machte er Dummheiten, einmal mit seinem resultatlosen Zug ins Blaue, nach dem Banat, nachher, als er bei der großen russischen Invasion sein einmal gelungenes Kunstmanöver auf Hermannstadt buchstäblich wiederholte und geklopft wurde. Vater Dembiński aber war ein unbedingter Phantast und Prahlhans, ein Parteigänger, der sich zur Führung des großen Kriegs berufen glaubte und das tollste Zeug anfing. Smitts polnischer Feldzug 1831 gibt schöne Sachen von ihm.

Apropos. Kannst Du mir ganz kurz die Befestigung von Köln beschreiben, mit ein paar Zeichnungen aus dem Gedächtnis, rohe Skizzen? Wenn ich mich recht erinnere, ist der Hauptwall bastioniert, die Forts sollen Montalembertisch sein, wie ist das, und wieviel sind ihrer? Du kannst alle fortifikatorischen Kunstausdrücke gebrauchen, ich hab’ ganz passable Handbücher und Zeichnungen hier. Weißt Du sonst noch Details von preußischen Festungen? Koblenz kenn’ ich so ziemlich (wenigstens Ehrenbreitstein), von Mainz hab’ ich einen Plan gesehn. Was mich besonders interessiert, ist die Art und Weise, wie die neuen Montalembertschen Bauten in Deutschland ausgeführt sind, bei der preußischen Geheimtuerei erfährt man gar nichts darüber.

Schreib bald einmal, und grüße Deine Frau und Cluß bestens von

Deinem
F. Engels