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Marx an Adolf Cluß
in Washington

25 March 18531
28, Dean Street, Soho, London

Lieber Cluß!

Deine Klagen über faules Schreiben von unsrer Seite (wenigstens von meiner) sind nicht wholly2 begründet. Ich schrieb sonst – mit Ausnahme von Krankheitsfällen – jede Woche einmal. Du hast zuerst diese Methode durch eine neue ersetzt und oft in Intervallen statt der Briefe bloß Zeitungen geschickt. Die Briefe von Dir, die unbeantwortet, sind all in all3 3. Von diesen 3 sind 2 an demselben Tag angekommen, einer als Beilage zu der Geldsendung an Freiligrath, einer direkt an mich. Also nur 2 unbeantwortete Briefe. Wenn Du wieder jede Woche einmal schreibst, es mag viel oder wenig sein, so werde ich auch wieder diese reguläre manner4 einschlagen. Oder viel mehr, ich will es wieder tun, ohne abzuwarten. Von Deiner Seite wird dann aber das gleiche erwartet.

Schabelitz hat mir nun ausführlich geschrieben. Er hatte die Broschüre „Die Enthüllungen“ seit 2 Monaten gedruckt und seit 5 Wochen jenseits der Grenze in einem badischen Dorf, Weil, liegen. Der Esel, statt einen sichern Mann sich drüben zu halten, überließ alles dem Schmuggler, der, nachdem er ihm nach und nach ein gehöriges Quantum Geld ausgepreßt, sich schließlich selbst der badischen Regierung verriet. Das übrige wirst Du aus der letzten „Tribune“5 gesehn haben. Was Dich aber noch mehr von dem Interesse der preußischen Regierung an dieser Broschüre und daher von ihrer Wichtigkeit fürs „Vaterland“ überzeugen kann, ist das Faktum, daß Held Stieber nicht nur Polizeidirektor von Berlin geworden ist, sondern bei jedem Ministerconseil, betreffend die Vorsichtsmaßregeln gegen Revolutionäre und revolutionäre Umtriebe, zugezogen wird. Ich springe fast aus der Haut vor Ärger, daß das Pamphlet einstweilen geburkt6 ist. Du, Deinerseits, scheinst mir diesmal nicht mit Deinem gewöhnlichen Glück operiert zu haben. Die „Neu-England-Zeitung“ kann in dieser Weise ein Jahr dran drucken, mit so kleinen Lappen, während sie Spalten voll gleichzeitig über die „figure de fouine“7 des miserablen Ruge bringt, der es hier noch immer nicht über den „scharf umschriebnen Schweif“ von 5 Mann gebracht hat. Warum hast Du die Sache nicht in das viel verbreitetere Organ, den „Demokrat“ gebracht, dessen Mitarbeiter Du bist? Du mußt mir das nächstemal nun rund schreiben, ob die Sache als Broschüre in Amerika gedruckt werden kann oder nicht. Es wäre für Europa, um sie über Hamburg nach Preußen zu werfen. Wäre ich nicht ganz von Mitteln entblößt, ich ließe sie gleich in Altona drucken. Ich sage es nicht aus Vorliebe für das Schmähschriftchen, sondern aus genauer Kenntnis der preußischen Zustände, daß im jetzigen Moment unsren lieben Preußen kein empfindlicherer Schlag versetzt werden kann.

Verlier nur den Lump Willich nicht aus den Augen. Er ist der energierteste Feind und zugleich ein Idiot.

Pulszky ist nicht nur in großpolitischen Angelegenheiten bei Euch. Er ist zugleich über den Ozean geschickt worden, um den General Vetter zu beschwichtigen, der disaffected8 ist und von Amerika aus intrigiert gegen den „great Kossuth“. Aus der „D[aily] Tribune“, die Du mir heute zugeschickt, habe ich mit Erstaunen gesehn, daß sie meine Angriffe gegen Kossuth-Mazzini9 aufgenommen. Ich zweifelte stark dran, um so mehr, weil der whiteredblack friend des Greeley, Jud Pulszky, drüben ist.

Szemere schrieb mir von Paris die Nachricht, die ich in der „Tribune“ mitgeteilt, nämlich, daß lange Konferenz zwischen Kossuth und seinen Pariser Partisans10 stattgefunden über seine nun „disowned proclamation“11 und daß sie das elende Kerlchen zum disavowal12 zwangen.13

Barthélemy, der Freund von Willich, dessen Du Dich aus dem Duell Schramm (der nebenbei in Cincinnati haust und von dort einmal geschrieben hat) erinnern wirst, ist wegen des Duells auf englischem Boden, worin er den Cournet tötete, zu 2 Monaten verurteilt worden. Er ist so gut fortgekommen trotz der schmutzigen disclosures14, die in dem Verlauf des Prozesses vorkamen, weil nach englischem Gesetz die Sekundanten ebenso streng bestraft werden als die Duellanten und weil man den armen Teufel seinen Schmutz nicht auswaden lassen wollte. Der unverschämte Kerl ließ dem Ledru aus dem Gefängnis sagen, er werde ihn wie einen Hund niederschießen, sobald er herauskäme. Ledru ließ ihm antworten, er schösse sich mit einer solchen Kanaille nicht. Barthélemy: Er verstehe es schon, durch Ohrfeigen auf öffentlicher Straße und dergleichen probate Mittel einen Kerl zum Schießen zu bringen. Ledru (Duplik.): Er werde ihn in einem solchen Falle mit seinem Stock regalieren.

Schimmelpfennig, der süße Kriegsheld, hat 1000 Pfund Sperlinge15 von der Brüningk geerbt. Er machte sich auch, der Herr Lieutenant, zum Ohrenwurm, Kindermagd, Fächerhalter, politisches Orakel, Begleiter, Bewunderer, Hausknecht und was dgl. angenehme Funktionen mehr sind.

Reichenbach – und einigermaßen auch Kalb von Löwe16 – wollen nach Amerika, erstrer als Landwirt, letztrer als Arzt.

Das wichtigste, obgleich unscheinbarste western Ereignis war das Begräbnis der Frau Raspail in Paris17. Das unvermutete Erscheinen von 20 000 Proletariern in full dress18 rührte die Bonapartisten wie der Donner. Du siehst, daß der proletarische Löwe nicht tot ist. Auch für Ledru hatte das Ereignis einen sehr bittern Geschmack. Raspail ist sein größter Feind.

Noch ein fact. Es ist nicht meine Schuld, wenn es unästhetisch. Die „blonde souveraine“, Montijo-Lola19, ist einem sehr widrigen konstitutionellen Übel ergeben – einem unaufhaltsamen Furzen. Man nennt das Tympoptanomanie. Sie leistete früher dem „accident“20 Widerstand durch starkes Reiten, was Bonaparte ihr als nicht standesgemäß jetzt untersagt hat, und so hat sie in mehren „Réunions“ selbst die galonierten Décembraillards21 durch ihre „détonations fortes“22 zum Erröten gebracht. Und das heißt was. Ce n’est qu’un petit bruit, un murmure, un rien; mais enfin, vous savez que les Français ont le nez au plus petit vent.23

In mindestens einem Jahr, denk’ ich, bist Du bei uns. Les choses marchent.24

Dein
K.M.